Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Trau deinen Augen – Otto Dix

Der Wahlspruch von Otto Dix war „Trau deinen Augen“. Dix, einer der großen Einzelgänger in der Kunst des 20. Jahrhunderts und bekannt vor allem als Künstler der Neuen Sachlichkeit, hätte im Dezember 2011 seinen 120. Geburtstag gefeiert. Ein Anlass zu unvoreingenommenen Würdigungen.

„Entweder werde ich berüchtigt – oder berühmt.“ Dieses Motto von Otto Dix wird immer wieder zitiert. Denn er wurde beides. Der Künstler, der sich zeitlebens mit fixierenden, zusammengekniffenen Augen selbst konterfeite, trägt beim Malen einen Chirurgenkittel und bevorzugt spitze Pinsel. „Ich bin für harte Formen und trockene Aussagen. Die Kontur ist mir wichtig, die die Dinge grausam hart in den Raum setzt“, sagt er über seine berühmt-berüchtigten Bilder der 1920er-Jahre. Sie schockieren, führen den Maler mehrfach vor Gericht und verstören selbst heute noch, wo mittlerweile fast alle Bildtabus durch die Massenmedien gebrochen wurden.

Doch das Schaffen des 1891 in Thüringen, in Untermhaus bei Gera, geborenen und 1969 in Singen am Bodensee gestorbenen Künstlers ist nicht auf diese Phase zu reduzieren, für die der Begriff Neue Sachlichkeit geprägt wurde. Sein Leben und sein Werk haben durch die Aufbrüche und Untiefen deutscher Geschichte tiefe Einschnitte erfahren. Ungeschönte Selbstbildnisse geben ein Zeugnis gnadenloser Selbstbefragung ab. In ihnen spielt der Künstler mit Anfang zwanzig das Formenvokabular von Impressionismus, Expressionismus und Dada durch. In den Altersbildnissen wird Bitterkeit nicht verhehlt.

Bürgerschreck und Schaulustiger

1920/21 avanciert Dix „zum Protagonisten eines neuartigen Brutalrealismus mit sozialkritischer Potenz und politischer Brisanz“, erklärt die Otto-Dix-Stiftung auf ihrer Website die aggressiven, wütenden, grotesken Bilder der Nachkriegsjahre. Gieriges, verwahrlostes Menschsein, das der Erste Weltkrieg entblößte, ist in ihnen ebenso rücksichtslos wie aufgewühlt festgehalten. Verismus nennt das der zeitgenössische Kritiker Paul Westheim. Otto Dix malt Kriegskrüppel, Prostituierte, das demoralisierte Bürgertum, das Hässliche und das Triebhafte.

Ausgebildet hat sich Dix in Dresden, an der Kunstgewerbeschule und der Akademie. Hier gehört er zur Künstlergruppe Sezession 1919. In Düsseldorf wird er 1922 Meisterschüler und von der legendären Kunsthändlerin Johanna („Mutter“) Ey protegiert. Dann geht er nach Berlin und 1927 als Professor an die Dresdner Kunstakademie zurück. In der Tradition der Renaissance – mit Begeisterung für Grünewald und Cranach – greift er nun die aufwendige Lasurmalerei auf.

Porträts und Gesellschaftsbilder

In der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre, den „Goldenen Zwanzigern“ der Weimarer Republik, erweist sich Dix als genialer Porträtist von Großbürgern, Intellektuellen und Bohemiens.

Komplexe Hauptwerke sind zwei Triptychen, die bis heute nichts an Gültigkeit verloren haben: Großstadt (1927–29) und Der Krieg (1929–32) führen die Abgründe der bürgerlichen Gesellschaft vor. Auf der Mitteltafel des Großstadt-Bildes vergnügen sich die Reichen beim Charleston, dem damals angesagten Tanz. Im linken Bild werden zwei Kriegskrüppel unter einem Brückenbogen von Hunden und Huren attackiert.

Das Kriegs-Triptychon ist ein bitteres Fazit des Ersten Weltkrieges. Ein Jahrzehnt nach seinem Ende entstanden, aber ahnungsvoll kurz vor dem Machtantritt der Nazis, die den Zweiten Jahrhundertkrieg entfachten. Wie viele andere Künstler hatte sich Otto Dix freiwillig an die Front gemeldet, aber wie kein anderer hat er hingesehen. Allein 500 Zeichnungen weist das Werkverzeichnis hierzu aus. 1924 dann entstanden die zum Zyklus Der Krieg verdichteten Radierungen.

Später Ruhm zwischen den Fronten

Im Frühjahr 1933 wird Dix von den Nazis aus der Dresdner Kunstakademie entlassen. 260 seiner Werke werden aus Museen entfernt. Als „entarteter“ Künstler diffamiert zieht er sich in das grenznahe Hemmenhofen am Bodensee zurück. Landschaft und religiöse Themen werden ihm zum „Inneren Exil“. Er malt die Heiligen Christophorus und Antonius als widerständige Identifikationsfiguren.

Als 53-Jähriger muss er 1945 wieder in den Krieg ziehen. Aus der Gefangenschaft zurück beginnt eine intensive Arbeitsphase, in der sich ein erneuter Stilwandel hin zu einem expressiven Alterswerk vollzieht. Im geteilten Nachkriegs-Deutschland wird Dix zum Grenzgänger, weil er weiterhin in Dresden Lithografien druckt und Freunde trifft. Der Kulturkampf zwischen Abstraktion und Realismus gönnt ihm erst spät wieder Anerkennung: Mit der Pop Art gelangt figurative Malerei erneut in den Fokus von Kritik, Markt und Museen.


Ausstellungen:

„Otto Dix in Chemnitz“, Kunstsammlungen Chemnitz, Museum Gunzenhauser, bis 15. April 2012. Mehr ...

„Neue Sachlichkeit in Dresden“, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kunsthalle im Lipsiusbau, bis 8. Januar 2012. Mehr ...

„Otto Dix: retrospektiv“, Kunstsammlung Gera/Orangerie, bis 18. März 2012. Mehr ...

„Otto Dix – Dirnen, Weiber und Madonnen, Frauenbilder zwischen Apotheose und Wirklichkeit“, Galerie Albstadt, seit 6. November 2011. Mehr ...
Sigrun Hellmich
ist Kunstwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Sie lebt in Leipzig.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Dezember 2011

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