Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Ein Blick vorwärts in die 1990er – Michel Majerus


Michel Majerus zählte bis zum seinem frühen Tod im Jahr 2002 zu den interessantesten Malern seiner Generation. Seine Werke werden weiterhin hoch gehandelt. Das Stuttgarter Kunstmuseum zeigt nun eine (beinahe) umfassende Retrospektive seiner Arbeiten.

Kontextverschiebung

Die Berliner Morgenpost schrieb von einer „Provokation“: im Herbst 2002 war die Ostseite des Brandenburger Tors in Berlin mit einer Plane eingehüllt, auf der eine nahezu maßstabgetreue fotografische Reproduktion eines Teils des Schöneberger Pallasseums zu sehen war. Einst „Sozialpalast“ genannt und oft als sozialer Brennpunkt bezeichnet, stand diese für 2.000 Menschen errichtete Wohnanlage in Berlin-Schöneberg aus dem Jahr 1977 im stadtpolitischen Hauptstadtdiskurs der Jahrtausendwende für das Gegenteil der Oberflächen der Neuen Mitte Berlins.

Mit der dreiwöchigen Intervention, ermöglicht durch die restaurationsbedingte Verhüllung des Berliner Wahrzeichens und vermittelt durch den Kurator Daniel Birnbaum, schien der 1967 im luxemburgischen Esch geborene, seit 1992 in Berlin lebende und von dort aus seit Mitte der 1990er-Jahre insbesondere als Maler reüssierende Künstler Michel Majerus sein Werk um eine überraschend politische Facette zu erweitern. Dass diese, bis dahin vielleicht seine nachdrücklichste Arbeit, eine seiner letzten bleiben musste, konnte man damals nicht ahnen: Majerus kam im November 2002 bei einem Flugzeugabsturz in Luxemburg ums Leben.

Technik und Techno

Nicht zuletzt davon, dass Majerus’ Formate mit den Jahren immer größer wurden, kann man sich nun in einer als Werkschau bezeichneten Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart mit über 100 Arbeiten des Künstlers überzeugen: um seine aus einem Schriftzug bestehende, 100 Meter lange Wandarbeit one by which you go in, one by which you go out im Kunstmuseum realisieren zu können, ließ Direktorin und Ausstellungskuratorin Ulrike Groos die ständige Sammlung des Hauses in dessen gewöhnlich für Wechselausstellungen reservierten Kubus räumen und bestückte auf zwei Etagen die Räume der Sammlung mit den Werken Majerus’.

Dabei zeigt die Ausstellung auch frühe, kleinformatigere Arbeiten des Künstlers, der von 1986 bis ‘92 Student an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (unter anderem bei K. R. H. Sonderborg und Joseph Kosuth) war.

Überzeugend bis heute sind die ästhetischen Qualitäten von Majerus’ Bildwelten: aus seinen Gemälden, Sieb- oder Digitaldrucken (oftmals Techniken in einem Bild miteinander vermischend), sprechen die Pop-, Techno-, Sampling- und Digitalkultur der (Berliner) 1990er-Jahre und, in stets zitathafter Anverwandlung, Motive der Pop und Minimal Art (Warhol, de Kooning, Stella, Rosenquist). Majerus’ Befürchtung what looks good today may not look good tomorrow – einer der vielen Slogans und Kommentare, die sich auf seinen Bildern finden – trifft jedoch trotzdem nicht zu.


Am Ende Malerei

Denn sowohl in Majerus‘ künstlerischen Techniken (seine Bildmotive speicherte und bearbeitete er auf dem Computer, bevor er sie malte), als auch in der Wahl seiner stets sehr farbig eingesetzten Motive ging es zumeist um die weiterhin aktuelle Frage, wie man die Effekte elektronischer Bildmedien mit Mitteln einer möglicherweise an ihr Ende gekommenen Malerei thematisieren kann: da gibt es den überquellenden (alten) Macintosh-Mülleimer in der rechten unteren Bildecke, die gigantische Videocassette mit der Aufschrift XXX; hier hat Majerus Markennamen (VIVA Zwei) verwendet, dort drängen recycelte Schrifttypen aus dem C64er-Zeitalter ins Bild, stakt ein Transformer-Roboter über Super Mario oder tritt ein NIKE-Turnschuh fast plastisch in den Raum. „Splash Bombs “, „degenerated“, „Trash“, sind die Worte, die Majerus auf diesen Bildern dominieren lässt. Und das, was dabei auf einen ersten Blick „unfertig“ wirkt, spiegelt tatsächlich die leere Perfektion unterhaltungsindustrieller Überproduktion, an deren buntestem Ende die Motive in weißes Rauschen übergehen.

Qualitätsmanagement

Eine der bestechendsten Qualitäten von Majerus‘ Arbeiten liegt darin, dass sich seine Motive keiner gängigen Ordnung des Retro unterwarfen, sondern seine aus Pop, Werbung, Computerspiele-Industrie und Medientrash gesampelten Charaktere, Zeichen und Schriften souverän eine unhierarchische Gleichzeitigkeit herstellten, eine eigensinnige Verwendung für Oberflächen und Effekte aufweisen, die heute auch noch funktioniert.

Auch der Kunstmarkt setzt auf diese Qualitäten. Nicht nur Majerus’ einflussreiche ehemalige Berliner Galerie, bei der der stets so bescheiden-selbstreflexiv auftretende wie vor Ideen sprühende Künstler 1996 seine erste Einzelausstellung hatte, bemüht sich weiterhin erfolgreich, Majerus’ künstlerisches Erbe zu zeigen und zu verkaufen. Auch Ausstellungen mit Arbeiten von Majerus im Kunsthaus Graz, im Stedelijk-Museum Amsterdam, der Kestnergesellschaft Hannover, den Deichtorhallen Hamburg, dem Luxemburger Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean oder dem Berliner Hamburger Bahnhof haben in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass die Aufmerksamkeit für sein Werk – wie die breite Pinnwand mit Presseberichten im Foyer des Kunstmuseums zeigen will – weiter zuzunehmen scheint (die Werkschau wird ab Mai 2012 in veränderter Form auch im CAPC – musée d'art contemporain de Bordeaux zu sehen sein).

„Majerus ist hier auch tot ein Star der Zukunft“, urteilte der Stuttgarter Kritiker Nikolai B. Forstbauer. Dabei kann schon mal vernachlässigt werden, was nicht unbedingt ins Marktraster passt: Wenn die Stuttgarter Ausstellung behauptet, alle Facetten des Werks von Michel Majerus zu zeigen, bleibt unter anderem die Frage offen, warum die Werkschau ausgerechnet etwa auf eine Dokumentation seiner „Pallasseum“-Arbeit verzichtet. Und hier noch ein Hinweis vom GI-Frankfurt


Michel Majerus, Kunstmuseum Stuttgart, 26. November 2011 bis 9. April 2012
Martin Conrads
lebt als freier Autor in Berlin und lehrt Visuelle Kommunikation an der dortigen Universität der Künste.

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Januar 2012

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