Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Klangkunst als Medium der Kunstgeschichte

Christina Kubisch: „Cloud“, 2011, Installation; © Foto: Christina Kubisch Benoit Maubrey: „Temple“ (2012); © Benoit Maubrey, Foto: Felix Grünschloß

Was bleibt von einem Kunstgenre, wenn mit der Digitalisierung auch das Kunstobjekt als solches in Frage gestellt wird? Die großangelegte Ausstellung „Sound Art. Klang als Medium der Kunst“ in Karlsruhe gibt hierauf lediglich eine kunstgeschichtliche Antwort.

Diese Töne kleckern nicht, sie klotzen: Vor dem ZKM, dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, steht die annähernd in Originalgröße nachgebaute Tholos des Athena Pronaia-Heiligtums, jenes bekannten Rundtempels im griechischen Delphi, der einst der Kommunikation zwischen Göttern und Menschen dienen sollte. Auf dem ZKM-Vorplatz dient die Ruine, temporär errichtet zwischen Bundesanwaltschaft und Mutiplexkino, nunmehr vor allem der Kommunikation zwischen Museumsleitung und städtischer Öffentlichkeit.

Benoît Maubreys Temple, die aus mehreren hundert gebrauchten Lautsprechern zusammengesetzte Klangskulptur, erlaubt nicht nur den Passanten und Besuchern, die ständig durch das Kunstwerk ausgestrahlten Radiogeräusche per Telefon mit eigenen Klängen zu verändern.

Als weithin sichtbarer Teil der im Medienmuseum des ZKM gezeigten Ausstellung Sound Art. Klang als Medium der Kunst gibt die Auftragsarbeit vielmehr symbolisch auch die Dimension der Ausstellung wieder. Diese will mit Arbeiten – darunter einem Drittel Neuproduktionen – von über 100 internationalen Künstlern nicht mehr und nicht weniger, als „die Geschichte der Klangkunst im 20. und 21. Jahrhundert“ nachzeichnen.

„Palast der Töne“

Die Sound Art, kuratiert vom ZKM-Vorstand Peter Weibel und ko-kuratiert sowie produziert von der Projektkoordinatorin am Institut für Musik und Akustik des ZKM, Julia Gerlach, soll das ZKM in einen „Palast der Töne“ verwandeln. Dabei sollen „Klangerfahrungen erlebbar“, die eigene Hörfähigkeit soll erforscht werden, mithin, das ZKM will eine Lanze für ein Kunstgenre brechen, dessen Spezialistentum durch das millionenfache Produzieren auch künstlerischer Sounds am Heimcomputer und im Internet in eine historische Krise geraten sein könnte.

Dabei versammelt die Ausstellung in zwei Lichthöfen des Medienkunstzentrums und im Karlsruher Stadtraum eine ganze Reihe historischer sowie aktueller Arbeiten, die für das Genre der Klangkunst bedeutsam waren beziehungsweise wegweisend sind.

Edwin van der Heide: „Sound Modulated Light 3“ (2007); © Studio Edwin van der Heide

Geschichte der Klangkunst

Die klassische, teils interaktive „Klangskulptur“, die seit den 1970er-Jahren das Genre der Klangkunst stark prägte, etwa die filigranen Klangobjekte mit Lautsprechern und Fotozellen von Peter Vogel oder die als Werbemotiv der Ausstellung fungierende einbetonierte elektrische Gitarre von Douglas Henderson (2007), nehmen dabei nur einen geringen Raum ein. Auch raumgreifende, medial höher gerüstete Installationen und Environments wie Edwin van der Heides Sound Modulated Light 3 (2007), bei dem sich mittels eines tragbaren Geräts in einem Raum voller Glühlampen deren Flackern in Audiosignale umwandeln lässt, sind eher die Ausnahme.

Stephen Cornford: „Binatone Galaxy“, Campbell Works, London, 2011; © Stephen Cornford

Typisch erscheinen eher Arbeiten, die mit verschiedenen Medien thematisieren, warum Klänge jeweils auf eine bestimmte, manchmal täuschende Weise wahrgenommen werden und wie das Visuelle diese Wahrnehmung unterstützt oder konterkariert: Gordon Monohans Lautsprecherbox aus seiner Serie Music From Nowhere etwa, bei der die zu hörenden Klänge keine durch den Lautsprecher verstärkten Aufnahmen oder Übertragungen darstellen, sondern tatsächlich von kleinen mechanischen Apparaturen innerhalb der Lautsprecher erzeugt werden oder Timo Kahlens Tanz für Insekten, bei der auf vibrierenden Lautsprechern liegende tote Insekten durch die Schwingung der Membran nicht nur zu schweben scheinen, sondern das Klackern von deren Panzern für zusätzliche Irritation sorgt.

Kommunikation mit Verstorbenen

Charakteristisch für die Ausstellung, die neben einem umfangreichen Begleitprogramm auch mit eigener App aufwartet, ist auch die Einbettung von dokumentarischem Material bis hin zu ganzen Archiven. So bekommen etwa die Dokumentationen von Arbeiten der Musikerinnen und Audiokünstlerinnen Daphne Oram und Maryanne Amacher einen eigenen Platz; Carl Michael von Hausswolffs und Friedrich Jürgensons Tonband-Archiv der radiophonen Kommunikation mit Verstorbenen ist ebenso aufgebaut wie eine Archivsammlung des experimentellen Konzert- und Aufführungsraums „Het Apollohuis“ in Eindhoven (1980–1997).

La Monte Young, Marian Zazeela and The Just Alap Raga Ensemble: Live- Performance im „Dream House“, Installation und Europäische Erstaufführung; © Foto: Jung Hee Choi 2008

Bei alldem spricht für die Durchdachtheit von Ausstellungskonzeption und -aufbau, dass sich – bei Ausstellungen mit Klang immer ein Problem – die einzelnen Arbeiten nicht gegenseitig behindern. Wenn aber etwas an der Karlsruher Ausstellung verwundert, dann, mit welcher Selbstverständlichkeit und ohne jede thematische Zuspitzung oder Eingrenzung das Genre „Sound Art“ als solches vorgestellt wird, als hätte es großangelegte Ausstellungen wie Sonambiente (Berlin 1996 und 2006), Crossings (Wien 1998), Sonic Boom (London, 2000) oder Sonic Process (Paris, 2002) einerseits, Ausstellungen mit spezifischen und daher umso interessanteren Thematiken wie der Beziehung von Gender und Sound (etwa Her Sound, London, 2005) nie gegeben.

Sound Art. Klang als Medium der Kunst ist noch bis zum 6. Januar 2013 im ZKM Karlsruhe zu sehen.
Martin Conrads
lebt als freier Autor in Berlin und unterrichtet Visuelle Kommunikation an der dortigen Universität der Künste.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2012

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