Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Kaffee, solargeröstet – das BMW-Guggenheim-Lab in Berlin

BMW Guggenheim Lab; © Südpol Redaktionsbüro/L. ViereckeEs war das Thema des Berliner Frühjahrs: Die Pläne zum temporären Veranstaltungsort „BMW-Guggenheim-Lab“ vom 15. Juni bis zum 29. Juli 2012 sorgten bei Bürgern, in der Politik und in den Medien für heftige Kontroversen.

BMW-Guggenheim-Lab; © Südpol Redaktionsbüro/L. Vierecke

Es ist ein ruhiger Sommermittag im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Rund ein Dutzend Besucher hat sich ins BMW-Guggenheim-Lab auf das Gelände des Kultur- und Dienstleistungsareals Pfefferberg verirrt. Sie sitzen auf Klappstühlen unter dem vom Architekturbüro-Atelier Bow-Wow aus Tokio entworfenen Metallbaldachin und lauschen den Ankündigungen der britisch-australischen Verkehrsplanerin Rachel Smith zum heutigen Programm „Raum für alle“.

„Mobiles Forschungslabor“

Rachel Smith; © Südpol Redaktionsbüro/L. ViereckeVon „Gemüse schnitzen“ ist die Rede und von solargeröstetem Kaffee, den die Gruppe Labplatz später als Teil ihres Programmpunktes „Die Transformation der Parkplätze“ ausschenken wird. Dann ist noch ein gemeinsamer Fahrradausflug geplant, um zu schauen, wo man in Berlin besonders gefährlich fährt. Smith ist eines von vier Berliner Teammitgliedern des temporären, von der New Yorker Solomon R. Guggenheim Foundation und der Münchner BMW Group aus der Taufe gehobenen „mobilen Forschungslabors“. Als solches ist sie für einen Teil des kostenlosen Programms zuständig, das unter dem Titel Conforting Comfort für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Die Reise des Labs, dessen Berliner Kuratorin die Spanierin Maria Nicanor ist, begann 2011 in New York: Dort zog es nach Angaben der Veranstalter 54.000 Besucher an. Bis 2016 soll das Forschungslabor in sieben weiteren Städten weltweit Station machen. Mumbai ist – mit anderer Architektur – der nächste Halt.
Das Konzept in Berlin soll eine auf „Partizipation“ setzende, zwischen Kunst, Bildung und Design angesiedelte temporäre Eventarchitektur finanzieren, deren ausgemachtes Ziel „die Erforschung und das Experimentieren mit neuen Konzepten sowie die Entwicklung zukunftsweisender Lösungsansätze für das Leben in der Stadt“ ist.

Bürgermeister in Nöten

Die Idee stieß nicht bei allen Berlinern auf Wohlwollen. So wurde eine frühe Ankündigung, das BMW-Guggenheim-Lab am Kreuzberger Spreeufer einrichten zu wollen, von Protesten der Anwohner begleitet. Kreuzberg ist ein Stadtteil, der von den in Berlin derzeit stark anziehenden Mietpreisen besonders betroffen ist. Dies schien einigen Berlinern Grund genug, in dem Projekt eine Bedrohung zu sehen. Im Lab wurde ein Projekt vermutet, das für einen aufwertenden Charakter des Stadtteils sorgen, somit zur Gentrifizierung beitragen und zur Verdrängung alteingesessener Bevölkerungsschichten führen würde.

BMW-Guggenheim-Lab; © Südpol Redaktionsbüro/M. Conrads

Nachdem eine als linksextrem bezeichnete Initiative namens „BMW-Guggenheim-Lab verhindern“ mit Farbbeutelwürfen und weiteren Aktionen gedroht hatte, geriet die Angelegenheit zur Chefsache. Plötzlich war aufgrund der Umstände unklar, ob das Lab überhaupt in Berlin Station machen werde. Spätestens als sich andere Städte kurzfristig als Gastgeber für das Projekt anboten, befürchtete nicht nur der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit einen Imageverlust für Berlin als Kultur- und Investorenstandort und machte sich vehement für seine Stadt stark.

Eulen nach Spree-Athen tragen

Schließlich konnten die Veranstalter bekannt geben, dass das Lab mit einmonatiger Verspätung auf dem Gelände des Pfefferbergs siedeln könne. Gänzlich entledigt hatte man sich der Proteste dadurch jedoch nicht. Zur Eröffnung demonstrierten auch dort Anwohner mit vergleichbaren Argumenten – und das, obwohl man vorsorglich eine Postwurfsendung an die „lieben Nachbarn“ verteilt hatte, in der die Kuratorin kundtat: „Uns interessiert Ihre Vision vom Prenzlauer Berg.“ Warum sie ausgerechnet zwei global agierenden Unternehmen ihre Visionen anvertrauen sollten, war vielen Angesprochenen jedoch nicht klar.

BMW-Guggenheim-Lab; © Südpol Redaktionsbüro/L. Vierecke

„Dabei können Sie mit Menschen aus aller Welt in Kontakt treten, die in den verschiedensten Bereichen wie Stadtplanung, Technologie, Gesundheit, Transport und Verkehr tätig sind“, hieß es weiter in dem Schreiben. Genau das aber ist der Stadtteil Prenzlauer Berg sowieso schon: eine internationale Ansammlung von Beschäftigten im Bereich Stadtplanung, der Technologiebranche, dem Gesundheits-, Transport- und Verkehrswesen.

Das Lab geht im Kopf weiter

Auch auf der unter dezentem Polizeischutz stattfindenden Pressekonferenz zum BMW-Guggenheim-Lab sprach Rachel Smith vor allem über Gentrifizierung, Integration, Arbeitslosigkeit, steigende Mieten, Fahrradunfälle und Bildung. Smiths Teamkollegin Corinne Rose führte aus, es wäre ihr großer Wunsch, dass das Lab auch nach seiner Weiterreise im Kopf der Berliner weitergehe: eine Ansage, die sich verblüffend mit dem Slogan der aktuellen BMW-Werbekampagne („Dynamik beginnt im Kopf“) deckt. In diesem Moment kann man den „kognitiven Kapitalismus“, den Kritiker dem Projekt vorwerfen, fast greifen. 

An jenem ruhigen Sommermittag jedoch wirkt alles recht profan: Die Leute von Labplatz okkupieren eine Handvoll Parkplätze der Umgebung. Später wird wie angekündigt Gemüse geschnitzt oder solargerösteter Kaffee ausgeschenkt. Wie sich herausstellt, sind die betreffenden Parkplätze für die Veranstaltung gemietet. Das wirkt fast schon erbarmungswürdig harmlos.
Martin Conrads
lebt als freier Autor in Berlin und unterrichtet Visuelle Kommunikation an der dortigen Universität der Künste.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juli 2012

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