Ellen Blumenstein

Statement

Ausstellungen zu konzipieren, heißt dabei für mich, einen Weg zu finden und eine Situation herzustellen, in denen den Kunstwerken der größtmögliche Freiraum zugestanden wird und sie sich bestmöglich im Raum verankern, Zusammenhänge erzeugen und eine innere Narration entwickeln können. Über die Konzeption von Ausstellungen deutlich zu machen, welch unverzichtbaren Anteil zeitgenössische Kunst und Künstler/innen an der Schaffung von geistigen Freiräumen jenseits von Schubladendenken und Zweckmäßigkeiten und damit an der Gestaltung eines toleranten, bewussten Miteinanders haben, ist ein wesentlicher Antrieb meiner kuratorischen Praxis.

Zeitgenössische Kunst interessiert mich insbesondere an dem Punkt, an dem ihre Zeitgenossenschaft offensichtlich wird – an dem sich zeigt, dass sie in der Gegenwart produziert wird und sich aus deren Themen speist. Das bedeutet, dass aktuelle Kunst und ihre Betrachter/innen sich in derselben Zeit bewegen und einen Erfahrungshorizont teilen. Doch bildet gute Kunst die Welt, wie sie sich zeigt, nicht 1:1 ab, sondern unterläuft Erwartungshaltungen, wechselt den Blickwinkel, nimmt Wahrnehmungsverschiebungen vor und fokussiert das Unbekannte im Bekannten. Unbekanntes aber muss die Freiheit haben, sich entwickeln zu können, und vermittelt werden: Ein Hauptanliegen meiner Arbeit ist zum einen die Schaffung und Erhaltung eines Freiraumes, in dem die Entfaltung künstlerischer Äußerungen uneingeschränkt möglich ist. Zum anderen möchte ich den Zugang zu künstlerischen Blickweisen auf unsere Lebenswirklichkeit und zu der Bereicherung, die unser Alltag durch diese Perspektiven erfährt, auf möglichst vielfältige Weise ermöglichen. Einen Zugang zu Blickweisen, die seismografisch gesellschaftliche Befindlichkeiten ausloten, die Grenzen von Kunst und Nicht-Kunst befragen und herkömmliche Hierarchien außer Kraft setzen. Mittels der verschiedenen Möglichkeiten von Ausstellungen, Katalogen und begleitenden Veranstaltungen zeichne ich die Wege nachz, auf denen künstlerische Werke zu ihrer eigenen, individuellen Sprache finden. Was macht das Spezifische des jeweiligen Denkens aus? Aus welchen Einflüssen speist es sich? Wie verhält es sich zu anderen Herangehensweisen? Und wo verknüpft es sich mit der Erkenntniswelt der Betrachter/innen?

Solche Ideen müssen sich in einer zunehmend unfreundlichen Realität verorten und erzwingen einen bewussten Umgang mit pragmatischen Fragestellungen: Öffentliche Gelder für die Kunst brechen weg, Sponsorenunterstützung ist immer schwieriger einzuwerben, Öffentlichkeit und Politik gilt es klar zu machen, dass Kultur im Allgemeinen und zeitgenössische Kunst im Besonderen ein grundlegender Bestandteil für eine freiheitliche Gesellschaft sind. Daniel Birnbaum hat es in einem Interview kürzlich so beschrieben: „It’s not about being visible, it’s about making visible.“ Genau darum geht es. Meine Rolle als Kuratorin sehe ich dementsprechend als Ermöglicherin von relevanter kultureller Produktion, ihrer Präsentation auf einem Niveau, das ihr die größtmöglichen Entfaltungsmöglichkeiten zugesteht, sowie ihrer Vermittlung an ein interessiertes Publikum auch in unsicheren Zeiten.

Janneke de Vries (2015)

Jork Weismann 2016
Jork Weismann 2016
Ellen Blumenstein
Kuratorin und Autorin für zeitgenössische Kunst | Berlin

Schlagworte
Film/Video
Gegenwartskunst
Kultur- und Wissensproduktion
Performance
Interdisziplinäre Kulturtheorie

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Ellen Blumenstein
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