Söke Dinkla

Kuratorisches Statement

Wie kann die Kunst heute sozial wirksam sein? Wie kann sie Menschen auch außerhalb des spezialisierten Kunstpublikums emotional berühren? Mich interessieren besonders die Grenzbereiche zwischen bildender Kunst und Alltagskultur, weil die Kunst sich hier permanent selbst in Frage stellt und in Relation zu gesellschaftlichen Entwicklungen neu definiert. Einen besonderen Ort für die Kunst sehe ich dort, wo das Neue entsteht. In der digitalen, elektronischen Kunst, die einen meiner Arbeitsschwerpunkte bildet, liegt die große Utopie und das große Versprechen, das Kunstwerk radikal zu öffnen und die alleinige Autorität des Künstlers zu entkräften. Diese Neudefinition ist wichtig in einer Mediengesellschaft, die sich zwar mit dem Internet in ungeahnter Weise pluralisiert, die aber zugleich unsichtbare Mechanismen der Kontrolle etabliert.

Nach Medienkunstprojekten wie „Connected Cities. Kunstprozesse im urbanen Netz“, „InterAct“ und „Unter der Haut. Transformationen des Biologischen in der zeitgenössischen Kunst“ im Wilhelm Lehmbruck Museum habe ich in Duisburg ein Programm für Kunst im öffentlichen Raum entwickelt. Am Anfang standen die künstlerische Positionen von Jenny Holzer, Les Levine und Ken Lum, denn ihre Strategien der Entwendungen spektakulärer Medien (Holzer) und Bildmittel aus der Werbung (Levine, Lum) schaffen wirksame Formen der Vermittlung auch unbequemer, kritischer Botschaften im öffentlichen Raum. Jenseits dieser Präsentationsformen arbeite ich heute an alternativen Formaten, mit denen der öffentliche Raum wieder zum Handlungsraum unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen wird, wie z.B. im Projekt „PubliCity. Constructing the Truth“, in dem raumlaborberlin ungeliebte urbane Areale mit neuer kommunikativer Energie aufgeladen hat und KünstlerInnen wie Jochen Gerz, Danica Dakic u.a. Dialoge zwischen sich abgrenzenden, sozialen Gruppen initiierten.

Meine Erfahrungen mit diesen Projekten haben mir gezeigt, dass sich der öffentliche Raum der Stadt in den letzten Jahren so stark gewandelt hat, dass eine grundlegende Revision der künstlerischen Praktiken notwendig geworden ist, will die Kunst hier nicht ebenso beliebig und unverbindlich werden wie einige ihrer musealen Formen. Mit „Paradoxien des Öffentlichen“ habe ich deshalb ein hybrides Format aus diskursiver Plattform (Forum), Beteiligungsstruktur (Wettbewerb) und Produktion- und Präsentationsformaten (Ausstellung) entwickelt. Alternativ zum klassischen kuratorischen Prozess steht am Beginn ein offener internationaler Aufruf an interdisziplinär arbeitende KünstlerInnen, die sich mit dem Stadtraum aus der Perspektive und der Wahrnehmung der NutzerInnen beschäftigen: der öffentliche Raum als Konsumraum, als transitorischer Raum und als Datenraum.

Ebenso wie die Kunst ihre eigenen Mittel und Strategien kontinuierlich hinterfragt, ist es notwendig, die kuratorische Praxis immer wieder auf ihre gesellschaftliche Wirksamkeit zu überprüfen und den veränderten sozialen und medialen Bedingungen anzupassen.

Söke Dinkla (2008)

Söke Dinkla
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Direktorin | Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg

Schlagworte
Gegenwartskunst
Medienkunst
Lichtkunst
Kunst im öffentlichen Raum


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