Matthias Harder

Kuratorisches Statement

Die Fotografie im angewandten und künstlerischen Bereich hat sich zu einem Leitmedium entwickelt. Wir finden fotografische Bilder überall, in Zeitungen und Zeitschriften, auf Plakaten und im Internet. Sie bilden Realität ab und sind gleichzeitig nur Interpretationen des Gesehenen, gleichwohl prägen sie unsere Weltsicht und unsere Gedanken, einige bewusst, andere unbewusst. Werbe- und Modebilder gelangen seit vielen Jahren mit großer Selbstverständlichkeit in den musealen Kontext und sind Gegenstand des kunsthistorischen Diskurses. Und die interdisziplinäre Bildwissenschaft unterscheidet kaum mehr zwischen den Bildquellen in Werbung, Medien, Journalismus, Handyfotografie oder Kunst analoger oder digitaler Provenienz. Dieser radikalen Entwicklung und komplexen Wechselwirkung sollten wir auch kuratorisch auf der Spur bleiben.

Gleichzeitig können aber auch traditionelle populäre Themen, wie etwa Blumen, Tiere oder Autos in der zeitgenössischen Fotografie, spannend sein, wenn man genauer hinschaut. Deshalb habe ich mich – neben meiner Hauptbeschäftigung als Kurator der Helmut Newton Stiftung – mitunter auch solchen Motiven ausführlich in Ausstellungen und Publikationen gewidmet. Denn Fotografien können uns grundsätzlich verzaubern und verstören, erregen und amüsieren. Kein anderes modernes Medium in Kunst und Gesellschaft hat eine solche Wirkungsmacht, die wir interessanterweise nicht immer unmittelbar wahrnehmen.

Als studierter Kunsthistoriker interessiere ich mich allerdings nicht nur für die Fotografie in ihrer zweidimensionalen Erscheinungsform, sondern für nahezu alle bildenden Künste – zumal auch viele Künstler klare mediale oder kategorisierende Definitionen konterkarieren oder ignorieren. Und so sind wir mit einem raumgreifenden künstlerischen Denken, mit Interventionen und Irritationen im musealen Kontext und im öffentlichen Raum konfrontiert. Entscheidend bleiben die Themen und Intentionen zeitgenössischer Kunst und Kultur, und ein Kurator sollte sich in erster Linie als Begleiter oder Ideengeber verstehen. Im besten Fall können wir Kuratoren formale oder inhaltliche Aspekte herausarbeiten, kommentieren und pointieren, den Blick für Kunst und Fotografie grundsätzlich schärfen – und Kunstausstellungen als sinnliches und intellektuelles Vergnügen zusammenstellen.

Matthias Harder, Berlin 2018

Steven Kohlstock
Steven KohlstockMatthias Harder
Kurator | Helmut Newton Foundation, Museum für Fotografie, Berlin

Schlagworte
Biennalen
Fotografie
Gegenwartskunst
Installation
Interdisziplinäre Projekte
Malerei

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Matthias Harder