Heike Munder

Kuratorisches Statement

Zu kuratieren bedeutet in meinen Augen nur bedingt aus dem Bestehenden auszuwählen und es in eine sinnfällige Ordnung des bereits Bekannten zu integrieren. Vielmehr ist es ein Arbeiten an den Grenzen des Geschmacks und der Wahrnehmungsfähigkeit oder dort, wo abgeklärte Wahrnehmungsschemata erneut aufs Spiel gesetzt und befragt werden. Museen als generative Archive der zeitgenössischen Kunstproduktion können und müssen sich nicht nur als Sammlungs- und Präsentationsort bereits vorhandener Kunst, deren Elemente nach wechselnden Themen beliebig zu arrangieren sind, sondern als aktiv am Produktionsprozess beteiligte Institutionen verstehen. Praktisch bedeutet dies, dass ich lieber vor Ort hergestellte oder performative Kunst zeige, als andernorts bekannt Gewordenes erneut auszustellen und die Erfahrung und Anschauung auf ein Abrufen von Begriffen zu beschneiden.

Mit den Ausstellungen im migros museum für gegenwartskunst versuche ich Kunst aber nicht nur im institutionellen Kontext und im internationalen Diskurs zu platzieren, sondern gleichermassen Anschlüsse an soziale, politische und historische Fragestellungen zu ermöglichen. So lassen sich die Arbeiten von Henrik Olesen und Cathy Wilkes etwa als Beispiel dafür lesen, wie Formalismus heute gepaart mit sozialen Fragestellungen aussehen kann. Und Ausstellungen wie die von Mark Leckey oder „St. Petrischnee“, die gegenkulturelle Strategien und Ästhetik in den musealen Kontext transportierten, hinterfragen damit sowohl die Herkunft von Gestaltungsformen als auch die Innovationskraft sozialer Bewegungen.

Immer wieder neu bearbeitete Themen meines Interesses sind auch die psychologisch wirksamen Komponenten von Architektur und Räumen (wie z.B. von Heidi Bucher, Robert Kusmirowski, Paul Noble) sowie subversive, hedonistische und glamouröse Strategien (z.B. in der mit Tom Holert ko-kuratierten Gruppenausstellung „The Future Has a Silver Lining“), die sich sowohl selbst als auch in ihrer Darstellung des probaten Mittels des Humors bedienen und im spielerischen Jonglieren mit den Zeichen den seriösen Umgang mit ihnen konterkarieren. In der Skulpturenausstellung „It' s All an Illusion“ (2004), in der das Zitat aus der Kunstgeschichte augenzwinkernd zum Geschichtsbetrug wird, dürfte dies ebenfalls sichtbar geworden sein.

Als grossen Vorteil meiner Generation werte ich die Möglichkeit, mit früher als allzu linear gedachten Geschichtsverläufen experimentieren und die Vergangenheit in ein neues Licht stellen zu können. So habe ich mit „It’s Time for Action – (There’s no Option) About Feminism“ und der Präsentation von Cosey Fanni Tutti versucht, eine ehedem vom Feminismus diskreditierte Position positiv aufzuwerten. Verschüttete oder vorschnell klassifizierte Werke erneut zu untersuchen war auch Anliegen meiner Ausstellungen zu Marc Camille Chaimowicz oder Heidi Bucher. Kunstgeschichte soll damit als beweglicher Prozess formuliert werden, der offen ist für Überprüfungen, Korrekturen und Variationen.

Wichtiger Aspekt der Museumsarbeit ist weiterhin die Verpflichtung und Chance zum Aufbau einer Sammlung, deren Gesicht sich mit jedem Ankauf wieder wandeln kann. Seit Gründung des Museums 1996 versuchen wir darum Künstlern grosse Produktionen zu ermöglichen und diese selbst zu erwerben. Die enge Zusammenarbeit mit den Künstlern ist dabei insbesondere bei fragilen und prozessorientierten Werken extrem wichtig und erlaubt es uns, Strategien der Erhaltung zu erarbeiten oder den Verfall zu kalkulieren. Die Künstler haben die Möglichkeit, sich mit der Sammlung des migros museum auseinanderzusetzen, Diskursstränge aufzugreifen und schlussendlich Werke der Sammlung gegenüber ihren eigenen zeitgenössischen der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Heike Munder (2007)

Heike Munder 2006, Copyright: migros museum für gegenwartskunst Zürich
Heike Munder
Direktorin | migros museum für gegenwartskunst Zürich

Schlagworte
Gegenwartskunst
Installation
Psychologische Räume
Hedonistische und glamouröse Strategien
Konzeptueller Humor
Troubled gender

Kontakt:
Heike Munder