Pia Müller-Tamm

Kuratorisches Statement

Meine Leitvorstellung bei der Konzipierung von Ausstellungen in den historisch abgeschlossenen Werkzusammenhängen der Moderne ist die Annahme eines weiten Anschauungsbegriffs. Dieser geht davon aus, dass die Werke einerseits visuell strukturiert und über die Formanalyse erschließbar sind, dass aber bei komplexeren Werken andere Aspekte von Anschauung, die mit dem inneren Sehen oder mit Erinnerungsprozessen zu tun haben, ebenso beteiligt sind. In meiner Ausstellungspraxis geht es mir darum, Anschauung und diskursive Erschließung der Werke nicht in Opposition zu einander zu setzen, sondern differenzierte Zugänge zur vielschichtigen Bedeutungsstruktur komplexer künstlerischer Werke zu eröffnen. Gerade im Umgang mit historisch abgeschlossenen Oeuvres ist es mein Anliegen, methodisch neue Ansätze und Fragestellungen zur Diskussion zu stellen. Dabei muss die Ausstellung vor allem visuell argumentieren, d.h. so wichtig alle Begleitmedien und Textkommentare zum Verständnis der Werke auch sind, die vorrangige Aufgabe muss darin bestehen, über die visuelle Logik der Präsentation Zusammenhänge für den Betrachter erschließbar zu machen.

Darüber hinaus besteht meine Aufgabe in der Sichtung und Bewertung der zeitgenössischen Kunst, die in der Gleichzeitigkeit aller Techniken, Medien und Inhalte weitaus schwieriger zu vermitteln ist. In meiner Arbeit mit KünstlerInnen wie Katharina Sieverding, Jessica Stockholder, Jonathan Lasker, Hiroshi Sugimoto und anderen ist für mich die Überzeugung leitend, dass die kritische Reflexion über Kunst nicht höher steht als die Kunst selbst, dass vielmehr die Aufgabe des Museums darin besteht, dem Kunstwerk den optimalen architektonischen, ästhetischen und diskursiven Raum zur Verfügung zu stellen. Die Tätigkeit des Ausstellungskurators betrachte ich nicht als eine quasi künstlerische Tätigkeit, auch wenn der gelungenen Dramaturgie eines Ausstellungsparcours meine ganze Aufmerksamkeit gilt.

Pia Müller-Tamm (2006)

Pia Müller-Tamm 2006, Copyright: K 20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Fotograf: Heinz Jokisch
Pia Müller-Tamm
Direktorin | Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 

Schlagworte
Gegenwartskunst
Moderne Kunst
Malerei
Skulptur

Kontakt:
Pia Müller-Tamm