Dorothee Richter

Kuratorisches Statement

Zeitgenössisches Ausstellungsmachen fasse ich als eine Kombinatorik kultureller Praktiken auf. Traditionellerweise steht dabei das „Zeigen“ explizit im Zentrum der Zielsetzung, Ausstellungen münden daher in spezifischen Displays. Diese Auffassung möchte ich radikal erweitern, um das Gewicht auf Produktion und Vermittlung, und damit auf die Praktiken des Ausstellens zu legen. Mit Produktion meine ich einen erweiterten Begriff, der Theorie und Kunstpraxis, die sich gegenseitig mit hervorbringen, als gleichwertig auffasst. Unter einem erweiterten Begriff von kultureller Praxis verstehe ich zudem auch angrenzende Felder wie Architektur, Design, Mode, Neue Medien, Video und Film, Interior Design, die in einem sozio-politischen Raum verortet sind und diesen beeinflussen.

Ausstellungen sind kommunikative, ideologische Situationen im Sinne Roland Barthes, die hergestellt werden, um entlang von Artefakten und deren Anordnung intentional Inhalte zu transportieren. Diese „Botschaften“ sind nicht getrennt von politischen Haltungen und Interessen zu denken. Es macht einen Unterschied, ob ein Setting Zuschauer in eine passive Haltung der Subordination bringt oder als infantile Wesen der Unterhaltung anspricht, sie in einem emotionalen Register erreicht oder in Diskurse involviert, Informationen zugänglich macht, Sehgewohnheiten und Denkweisen stört und die Artikulation der BesucherInnen fördert. So sehe ich die Produktion von Diskursen in Ausstellungen als offene Situationen, die dann interessant werden, wenn sie an Anliegen anknüpfen und diese diskutieren, neu denken und verhandeln. Gleichwohl sehe ich Vermittlung wie alle kommunikativen Prozesse als immer mit einem Mangel, mit einem Schnitt behaftet, sie wird in gewisser Weise immer verfehlt. Dieses grundsätzlich Disharmonische oder Nicht-identische an Kommunikation, an Sprache und auch an Kunst kann als eine Art „Wahrsprechen“ in der Kunst und in der Theorie auftauchen und (subtil) formuliert werden.

Als offensichtliche Schlussfolgerung sehe ich, dass ein bestimmter inhaltlicher Anspruch immer eine formal extreme, umstürzlerische, gewagte Übersetzung mit sich bringen wird, die die pädagogische Situation „Ausstellung“ teilweise aushebelt, in Frage stellt und neu definiert.

Dorothee Richter (2007)

Dorothee Richter 2006, Copyright: Dorothee Richter
Dorothee Richter
Leiterin | Postgraduate Program Curating HGKZ Zürich

Schlagworte
Gegenwartskunst
Kuratorische Praxis
Kunst und Kritik
Feministische Positionen
Kooperative Projekte

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Dorothee Richter
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