Bettina Steinbrügge

Kuratorisches Statement

In dem Film The Host and the Cloud von Pierre Huyghe wandeln Besucher wie Performer durch ein leeres Museum am Stadtrand von Paris. Es scheint erst kürzlich verlassen worden zu sein und der Geist des Museums wirkt nach, in allem was dort sukzessive zu sehen ist. Eine Gruppe von Akteuren wird Einflüssen ausgesetzt, die sie mitgestalten und umwandeln können. Ihre Rollen und Verhaltensweisen ändern sich, während sie mit einer Reihe von Live-Situationen, räumlichen Anordnungen und bruchstückhaften Geschichten konfrontiert wurden. Ideen entstehen und Gedanken scheinen auf, geben kurz Einblick in das, was das Museum vielleicht einmal war und in das, was ein Museum des 21. Jahrhunderts sein oder leisten könnte.

Ich sehe Kuratieren als kompositorischen Prozess an, in der Wechselausstellungen sowie Sammlungspräsentation die wechselseitigen Relationen der Kunstgattungen aus dem Blickwinkel der bildenden Kunst aufzeigen. Die Sammlung reagiert dabei dynamisch auf die gezeigten zeitgenössischen Positionen und erleichtert so deren Kontextualisierung und historische Einbettung. Insbesondere am Belvedere und aus der Perspektive der zeitgenössischen Kunst werden dadurch neue Sichtweisen auf die Kunst nach 1945 in Österreich eröffnet und gängige kunsthistorische Rezeptionsmuster hinterfragt. Es geht um das Nachdenken über eine Institution, die Potenziale freilegt, die sich der einfachen Antworten auf bestehende Fragen verweigert und die stattdessen nach neuen Ideen und Konzepten sucht. Es geht letztlich darum, die Energien und Möglichkeiten eines Museums zu bündeln, sie nach außen zu kommunizieren und dabei möglichst viele Menschen von den Potenzialen von Kunst und Kultur für eine gesellschaftliche Zukunft zu überzeugen.

Dementsprechend ist ein Museum der Zukunft auch kein Ort der historischen Wahrheiten, sondern ein Ort, an dem diese Wahrheiten untersucht und zur Disposition gestellt werden. Eine Institution des 21. Jahrhunderts muss sich heute als ein Möglichkeitsfeld heterogener Wirklichkeiten formulieren, die das Prozesshafte in den Vordergrund stellt und ihre Besucher an diesen Prozessen teilhaben lässt. Eine Sammlung ist nicht nur eine Sammlung, sondern sie muss immer wieder auf neue Lesarten untersucht werden, muss auf zeitgenössische Tendenzen reagieren und ihre eigenen Wahrheiten stetig hinterfragen. Das bedarf aber kuratorischer Wagnisse oder teilweise unpopulärer oder nicht-konformer Wege, die den Blick erst öffnen für das, was der Museumsraum als Möglichkeitsraum zu bieten hat.

(Bettina Steinbrügge, 2006–2011)

Bettina Steinbrügge

Bettina Steinbrügge

Bettina Steinbrügge
Direktorin | Kunstverein in Hamburg

Schlagworte
Gegenwartskunst
Film/Video

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