Barbara Steiner

Kuratorisches Statement

2007 habe ich zusammen mit Charles Esche (Van Abbemuseum, Eindhoven) das Buch Mögliche Museen herausgegeben, das sich der Entwicklung von Museen für moderne und zeitgenössische Kunst widmet. An Hand von zehn Beispielen aus den letzten 50 Jahren und mit den Erfahrungen unserer eigenen musealen Arbeit untersuchten wir gemeinsam mit verschiedenen AutorInnen das öffentliche Museum hinsichtlich seines Potenzials für Erneuerung und Bildung sowie für die (kritische) Reflexion sozialen Wandels.

Uns haben vor allem jene historischen Momente interessiert, in denen Veränderungen möglich schienen, die zuvor undenkbar waren. Unser Blick richtete sich auf die Ambivalenz von Museen zwischen Ideal und gesellschaftlicher Realität, Anforderungen zur Veränderung und größtem Beharrungsvermögen, und auf das Aufblitzen jener utopischen Momente, die Alternativen zu einem wie auch immer gearteten Status Quo vorstellbar machen und Veränderungen erzeugen. Diese utopischen Momente interessieren mich nach wie vor: wo und in welcher Form können sie vor dem Hintergrund eines hochkomplexen Geflechts von Interessenslagen und zunehmend ökonomischer Zwänge (noch) eintreten, welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, um andere Vorstellungen nicht nur zuzulassen sondern auch zu befördern?

Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt meiner Arbeit: Rahmenbedingungen, unter denen künstlerische und kuratorische Produktion stattfinden, begreife ich als Teil meiner Ausstellungkonzeptionen und mehrjährigen Projekte. Darüber hinaus interessiert mich, bereits im Programm einer Institution, in der kuratorischen Praxis und in der Ausstellung, über verschiedene Interessenslagen zu sprechen, unterschiedlichen Haltungen Raum zu geben, aber auch, diese miteinander zu konfrontieren um so Diskurse über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Gang zu setzen.

In diesem Zusammenhang sind es vier Bereiche, um die meine Ausstellungen und Projekte kreisen: das Verhältnis von lokalen und globalen Agenden, Interkulturalität, Interdisziplinarität und die Beziehung zwischen Kunst und Ökonomie. Gerade letztgenannter Aspekt wird meiner Meinung nach in den Institutionen meist zu defensiv behandelt, dabei ist es im Zuge von Veränderungen in der Ausstattung und Finanzierung öffentlicher Häuser in den letzten Jahren immer wichtiger geworden über Partnerschaften und neue Finanzierungsmodelle für Kunstinstitutionen bzw. über das Verhältnis zwischen dem öffentlichen und privaten Sektor nachzudenken. Dieses Anliegen begleitet mich und meine Arbeit in und für Institutionen seit Jahren. So führte ich 2008 und 2009 in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Carte Blanche durch. Aus diesem Anlass wurden Unternehmen (vom kleinen Start-Up-Unternehmen bis zur global agierenden Aktiengesellschaft), kommerzielle Galerien und Privatsammler eingeladen, ihr Engagement für Kunst öffentlich vorzustellen. Eine Serie von Ausstellungen und begleitenden diskursiven Programmen präsentierte verschiedene Haltungen, thematisierte Interessenskonflikte und debattierte Konsequenzen des privaten Engagements für das öffentliche Museum. Kurzum: Es ging darum, auf gesellschaftliche Veränderungen offensiv zu reagieren und neue Perspektiven für Kunst und ihre Institutionen zu schaffen. (Barbara Steiner, Das eroberte Museum (dt), The Captured Museum (en), Jovis: Berlin, 2011)

Freunde und Komplizen für das Künstlerhaus Wien, begonnen 2014, kann als Fortsetzung dieser Debatten gesehen werden. Auch bei diesem Projekt geht es nicht darum, Ökonomisierungsprozesse zu affirmieren, sondern sie kritisch herauszufordern und aktiv mitzugestalten. Im Mittelpunkt des ersten Teils, von 600Mio. - Freunde und Komplizen, stehen Zahlen. Sie bilden monetäre Werte ab, die mit der Geschichte der Künstlergemeinschaft verknüpft sind. Neben der Auseinandersetzung mit der 150-jährige Geschichte Hauses richtet sich der Blick auch in die Zukunft, indem die Ausstellung immer wieder die Frage stellt: was wäre wenn? (www.k-haus.at/600Mio)

Was die oben genannten vier Bereiche eint: sie sind konfliktanfällig, sei es das Verhältnis von Kunst und Wirtschaft, das Aufeinandertreffen von lokalen und globalen Agenden, von verschiedenen Kulturen oder auch Disziplinen. In meinen Projekten – von Europe (to the power of) n, Carte Blanche, Freunde und Komplizen bis hin zu den interdisziplinären Projekten Schrumpfende Städte, Heimat Moderne oder Kulturelle Territorien – werden nicht nur Interessenskonflikte thematisiert sondern auch ein visueller und räumlicher Ausdruck dafür geschaffen.

Einen wichtigen Stellenwert hat für mich in diesem Zusammenhang der 2004 eröffnete Erweiterungsbau der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig von as-if berlinwien. Dieses mehrfach preisgekrönte Gebäude, das nach performativen Grundsätzen konzipiert wurde, erlaubt es, unterschiedliche räumliche Konfigurationen, Verbindungen und Trennungen herzustellen. Die Beschaffenheit der Architektur mit ihren fließenden Raumzonen und den vielen Sichtverbindungen fordert geradezu Verhandlungsprozesse über ihre künstlerische, kuratorische und museale Nutzung heraus. Aus diesem Grund kamen in der 2010 erschienenen Publikation mit dem Titel Spaces of Negotiation neben as-if berlinwien, Fachplanern, dem Bauleiter, dem Projektsteuerer und mir selbst, auch die NutzerInnen zu Wort, die das Gebäude fünf Jahre lang bespielten. (Barbara Steiner/as-if berlin wien: Spaces of Negotiation, Jovis: Berlin, 2010)

Barbara Steiner, 2014

Barbara Steiner
Freie Kuratorin | Leipzig

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Architektur/Raum
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