Renate Wiehager

Kuratorisches Statement

Das Aufgabenfeld für die Kuratorin einer Unternehmenssammlung, welche eine starke unternehmensinterne Präsenz mit konzeptionell umschriebenen öffentlichen Auftritten verbindet, hat sich im Verlaufe der 90er Jahre ausdifferenziert. Das lässt sich vor allem an drei Begriffen festmachen: Struktur, Verantwortung, Langfristigkeit. Die ursprüngliche „Pflege“ von Sammlungsbeständen hat sich zur systematischen Entwicklung von Sammlungsstrukturen gewandelt. Die Verantwortung für das Unternehmen spiegelt sich in der Verantwortung für ein qualifiziertes kulturelles Engagement. Befreit vom Druck tagesaktueller ‚Kursschwankungen’, Wertschöpfungsfragen und Werbekampagnen – als ideale Perspektive – können Corporate-Sammlungen modellhaft an langfristigen Perspektiven arbeiten.

Jenseits von jahrzehntelang gepflegten Vorurteilen, die sich mit dem Verdacht der Ausbeutung künstlerischer Produktion durch das Kapital zusammenfassen lassen, beginnt eine Auffassung Raum zu greifen, die ein inhaltlich qualifiziertes unternehmerisches Engagement für die Kunst im Spannungsfeld zwischen Kunstverein und Museum lokalisiert: Sammlungs- und Ausstellungstätigkeit einer Unternehmenssammlung kann sich am zeitgenössischen Spektrum der Kunst orientieren, ohne dem jeweils letzten Trend folgen zu müssen; sie kann und muss zugleich kunsthistorisch objektivierbare Zusammenhänge erarbeiten, ohne darin durch den enormen Personal- und Verwaltungsapparat eines großen Museums behindert zu werden. Anders gesagt sehe ich Chancen und Verpflichtungen der kuratorischen Praxis von Unternehmenssammlungen in wachsendem Maße darin, die mutige und gelegentlich risikoreiche Arbeit im Feld der zeitgenössischen Kunst mit der wissenschaftlich fundierten Einbindung in übergreifende Kontexte und Entwicklungslinien zu verbinden.

Die Kompetenzansprüche an Kuratoren/Kuratorinnen einer Corporate-Sammlung sind meines Erachtens in allen Bereichen gewachsen: Wissenschaftliche Recherche, Sammlungspraxis, Dokumentation, Archivierung, Publikationen, Ausstellungen, Internetpräsenz, Vermittlungstätigkeit sind im Falle der Daimler Kunst Sammlung konzeptionell in eine Hand gelegt und werden mit einem kleinen Team fester und freier Mitarbeiter/Innen umgesetzt. Alle Beteiligten müssen über ein breites Spektrum an Kenntnissen und Fähigkeiten verfügen, da es keine eigentlichen Spezialisierungen geben kann.

(Renate Wiehager, 2010)

Renate Wiehager 2009, Copyright: Brendel
Renate Wiehager
Leiterin | Daimler Kunst Sammlung, Stuttgart/Berlin

Schlagworte
Gegenwartskunst
Film/Video
Fotografie
Klassische Moderne

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Renate Wiehager
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