Kunstwelt in Deutschland

Vom Ideal des reinen Lichts – die Künstlergruppe ZERO



Einen neuen Kunstbegriff wollte die deutsche Künstlergruppe ZERO in den 1950er-Jahren etablieren. Sie proklamierte die Stunde Null der deutschen Nachkriegskunst und wurde in einem knappen Jahrzehnt zu einer der bedeutendsten Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts.

Im Rückblick muss man jenen 11. April 1957 wohl epochal nennen, an dem zwei junge Düsseldorfer Künstler in ihr Atelier luden und dort die Stunde Null der Nachkriegskunst ausriefen. Es war die Geburt von ZERO. Otto Piene, Heinz Mack und, wenig später, Günther Uecker waren es, die mit einer Serie von Abendausstellungen im „Ruinenatelier“ auf der Gladbacher Straße 69 in Düsseldorf den Beginn einer neuen Avantgarde abfeuerten. In jener Zeit des Aufbruchs bezeichneten sie mit ZERO einen künstlerischen und zugleich historischen Neuanfang, eine Emanzipation von klassischen Genres und tradierten Kunstprinzipien.

Puristische Ästhetik im reinen Licht

Der Neuanfang der Gruppe beruhte auf dem Ideal des „reinen Lichts“. Heinz Mack und Otto Piene sahen sich als eine künstlerische Bewegung im Sinne von Veränderung, als Basis, „die als Null- und Ausgangspunkt für eine neue Sensibilisierung der Umwelt dienen sollte“. Sie entwickelten eine neue Bild- und Formensprache: Licht und Bewegung rückten ins Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit, alles Figürliche reduzierten sie. Ihr Streben richtet sich seitdem auf eine puristische Konzentration, auf die Klarheit der reinen Farbe und der dynamischen Lichtschwingung im Raum. Kinetische Lichtkunst ist das Zauberwort, das sich in Lichtscheiben, Lichtkugeln, ganzen Lichträumen materialisiert. Otto Pienes Lichtballett gehört zu den Hauptwerken. Mit den Parametern Licht, Struktur, Vibration, Monochromie wagten ZERO von Anfang an kühne, kreative Experimente, begleitet von spektakulären, legendär gewordenen Aktionen und Environments.

Eine Feier von Stille, Licht und Leere

Die Ausstellungen waren anfänglich jeweils nur einen Abend lang zu sehen. Otto Piene beschrieb sie als „Vernissage am Abend ohne anschließend dauernde Ausstellung“. Diese Praxis entstand aus der Not heraus. In den 1950er-Jahren gab es in Düsseldorf nur wenige Galerien, die sich dafür einsetzten, Sammler für diese neue Kunstrichtung zu interessieren. Ein wegweisender Galerist war Alfred Schmela. Er eröffnete am 5. Juli 1961 die ZERO-Schau ZERO. Edition, Exposition, Demonstration, verbunden mit einem ZERO-Fest in der Düsseldorfer Altstadt. Zu sehen waren Licht-Objekte aus Aluminiumfahnen und Metallfolien. Außerdem wurden Exemplare der letzten von drei Ausgaben der Zeitschrift ZERO verteilt.

Die Publikation widmete sich zudem gleichgesinnten Künstlern in Europa, unter ihnen Yves Klein als Vertreter der Gruppe Nouveau Réalisme in Paris, Lucio Fontana in Mailand und die Gruppe NUL in den Niederlanden. Neben Klein beteiligten sich über 40 Künstler an der Ausstellung, von den Malern Rupprecht Geiger und Bernard Schultze bis zu Günther Uecker, der mit dieser Ausstellung erstmals Kontakt zur Gruppe ZERO aufnahm und sich ihr anschloss. Alle feierten die Stille, das Schweigen, das Licht und die Leere. Im Jahr 1963 erschien, an die Proklamationen des Futurismus erinnernd, das Manifest ZERO, der neue Idealismus.

Lichtzauber im Dachgeschoss

Einen „utopischen Funken“ konnte die Künstlergruppe auf der Documenta III in Kassel 1964 zünden. Dort begegneten die jungen Künstler der Statik der bildenden Kunst mit mechanischer Bewegung, mit Licht-Spektakeln und einem kinetischen Werk, das sie Lucio Fontana, der selbst nicht eingeladen war, widmeten: Als Lichtraum (Hommage à Fontana) inszenierten die ZERO-Leute im letzten Moment einen wahren Lichtzauber im noch nicht bespielten Dachgeschoss des Hauptausstellungsgebäudes Fridericianum. Der Lichtraum bestand aus sieben rotierenden Objekten, zu denen jeder der drei Künstler eigene Arbeiten beitrug: Mack die Lamellenfelder aus Aluminium, Piene das Rastermotiv mit durchlöcherten Scheiben und Kugeln und Uecker das Nagelfeld als Licht-Struktur-Element. An die Wand des Raums wurde zu Ehren Fontanas eines seiner concetti speziali, ein mit dem Messer aufgeschlitztes monochromes Bild, projiziert.

Auflösung in Flammen

So eklatant wie sie sich an ihren Ideen entzündet hatte, so spektakulär löste sich die revolutionäre Avantgarde-Gruppe auch auf: mit einem Fest, auf dem sie einen brennenden Wagen mit lodernden Flammen Richtung Rhein in Fahrt setzten und zischend in den Fluten versinken ließen. Über das Fest schrieb Mack: „1966 fand ZERO ein positives Ende. Über tausend Menschen haben es in einer Nacht gefeiert. Ich selbst hatte mir dieses Ende gewünscht: ein Ende, das ich genau so befreiend fand wie den Anfang von ZERO.“

Ihre Botschaft und die Keime ihrer Ideen aber waren in die Welt getragen und fanden Verwirklichung in unzähligen kinetischen Phänomenen. Bis zur Auflösung der Gruppe fanden etwa 55 ZERO-Ausstellungen in Europa und den USA statt. Otto Piene wirkte fortan am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er erhielt 2013 von der Stadt Frankfurt den renommierten Max-Beckmann-Preis. Günther Uecker erlangte Berühmtheit mit seinen Nagelbilder, Heinz Mack für seine Bild-Licht-Objekte. Im Dezember 2008 wurde die ZERO-Foundation in Düsseldorf gegründet. Für die Stiftung ist es ein Glücksfall, dass sich die Künstler weiterhin aktiv einbringen können.
Irmgard Berner
ist freie Kulturjournalistin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2013

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