Kunst in Deutschland seit 1945 von Karin Thomas

Nachdem die Kunsthistorikerin Karin Thomas bereits 1985 die Kunst im Osten und Westen Deutschlands in einem Buch knapp und thesenartig gegenübergestellt hatte, gibt sie nun, mehr als eine Dekade nach der Wiedervereinigung, einen umfassenden Überblick über die gesamtdeutsche Kunstentwicklung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Einen solch monumentalen Versuch hat es bislang nicht gegeben. Einzig Kurator Eckhart Gillen unternahm es 1997, im Rahmen der 47. Berliner Festwochen mit der Ausstellung Deutschlandbilder im Berliner Gropiusbau Werke aus Ost und West gleichberechtigt nebeneinander zu präsentieren. Ziel war es, die Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten der künstlerischen Traditionen in den 40 Jahre lang getrennten deutschen Staaten visuell erfahrbar zu machen. Die Auswahl der Exponate konzentrierte sich damals vorrangig auf Kunstwerke, die explizit der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen politischen System gewidmet sind wie Gerhard Richters Oktober-Zyklus zum Terrorismus der späten 1970er Jahre in Westdeutschland oder die großformatigen Geschichtsgemälde der Leipziger Malerschule (Werner Tübke, Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte).
Karin Thomas greift diesen Ansatz auf, kann aber in ihrer Gesamtdarstellung den Blick auch auf weniger prominente "Nebenwege" schweifen lassen. So wird auch Kunst, die auf den ersten Blick unpolitisch erscheint und ganz aus der individuellen Entwicklung eines Künstlers zu erklären ist, zum Signet einer spezifischen, durch die politischen Systeme geprägten Lebenserfahrung. Dazu bettet die Autorin die Werke in den zeithistorischen und kulturellen Kontext ein und versucht, Einblicke in die Alltagswirklichkeit beider Staaten zu geben. Denn die unterschiedlichen Entstehungsbedingungen und Publikationskontexte der Kunst in beiden Teilen Deutschlands hatten wesentlichen Einfluss auf die Etablierung unterschiedlicher Formensprachen und auch die Themenwahl der Arbeiten.
Zehn große Kapitel gliedern das Buch, das mit einer Schilderung der künstlerischen Verarbeitung des Kriegstraumas in den Trümmer- und Wiederaufbaujahren beginnt. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er Jahre verliert sich im Westen das Interesse, gegenständliche Darstellungen des Krieges und seiner Folgen zu versuchen. Mit abstrakten Ausdrucksformen wie Informel und Tachismus und mit Ausstellungen wie der ersten documenta 1955 wollte man nicht nur an die von den Nationalsozialisten gewaltsam abgebrochene Moderne wiederanknüpfen, sondern auch die deutsche Kunst wieder in den internationalen Diskurs integrieren. Die Orientierung am amerikanischen Kunstmarkt spielte dabei eine wichtige Rolle. Zur selben Zeit wurden im Osten die Grundlagen und Regeln für eine parteikontrollierte Auftragskunst, den sozialistischen Realismus, geschaffen. Abstraktion galt als besonders staatsfeindlich. Die Auseinandersetzung mit modernen Künstlern, die sich wie Picasso offiziell zum Kommunismus bekannt hatten, deren Arbeiten der sozialistischen Formensprache jedoch nicht folgten, lieferte reichlich Konfliktstoff.
Immer wieder weist Thomas auf die unterschiedliche Rezeption der gemeinsamen kulturellen Vergangenheit im geteilten Deutschland hin. Während im Westen in den späten 1960er Jahren das Idealbild des freien schöpferischen Individuums zunehmend als Rückzug ins Private kritisiert wurde, erkannten Künstler in der DDR dieses aus der Romantik herrührende, idealistische Künstlerselbstverständnis als Möglichkeit des Widerstands gegen das vom Staat aufgezwungene, dienende Künstlerprofil. Thomas macht aber auch auf Parallelerscheinungen aufmerksam, wenn sie etwa die Bemühungen um einen erweiterten Kunstbegriff bei Joseph Beuys und Gerhard Altenbourg gegenüberstellt, die beide in West- wie Ostdeutschland in den späten 60er Jahren für die enge Verbindung von Kunst und Leben eintraten.
Wichtige Stationen der jeweiligen Kunstentwicklung und des Dialogs zwischen Ost und West werden referiert, und schließlich wird auch eine erste Bilanz der gemeinsamen Entwicklung seit der Wiedervereinigung 1989 gezogen. Wie die Diskussion um die künstlerische Ausgestaltung des Berliner Reichstagsgebäudes und um die Weimarer Ausstellung zur Kunst im Nationalsozialismus und in der DDR (Aufstieg und Fall der Moderne) unlängst zeigte, ist die Beziehung nach langen Jahren der gegenseitigen Abgrenzung immer noch von Vorurteilen, fehlender Information und Problemen der Verständigung geprägt. Kritische Ansätze, Versuche des Dialogs oder gegenseitige Beeinflussung gerieten dabei oft in Vergessenheit. Mit ihrem umfangreichen und informativen Werk leistet Karin Thomas einen wichtigen Beitrag, das Verständnis für die unterschiedlichen Entwicklungen der Kunst seit 1945 in beiden Teilen Deutschlands zu fördern. Dabei hilft die umfangreiche Bildpräsentation dem Leser, den eigenen Blick zu schärfen. Denn in den Kunstwerken spiegelt sich zwar die jeweilige historische Situation, dennoch bleiben sie Zeugnisse der individuellen Wahrnehmung der Welt und können so vielschichtige Erkenntnisse vermitteln.
| Karin Thomas: Kunst in Deutschland seit 1945; DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln ; 600 Abbildungen, 350 Farbabbildungen, 550 Seiten, ISBN 3-8321-7179-7, 48 Euro |
ist Kunsthistorikerin, Regisseurin von Tanz- und Videoperformances und freie Autorin
online-redaktion@goethe.de
Juni 2003














