Der Preis bleibt – die Marion-Ermer-Stiftung ehrt Nachwuchskünstler


Sie sind jung und vorzüglich ausgebildet. Sie stehen am Anfang eines selbst bestimmten Arbeitslebens. Seit 2001 prämiert die Marion-Ermer-Stiftung jährlich vier Künstlerinnen und Künstler aus den neuen Bundesländern mit je 5.000 Euro Preisgeld, ermöglicht einen Katalog und eine gemeinsame Ausstellung. Diese findet zum fünften Mal in den beeindruckenden Ausstellungsräumen des „Oktogons“ der Dresdner Hochschule für Bildende Künste statt.
Eine böse Falle diese Bühne. Das etwas grob gezimmerte Ding könnte auch ein zu groß geratenes Podest sein. Es gibt Stufen, die einladen, hinaufzusteigen. Doch die klappen einfach nach unten weg, wenn man es versucht. Man könnte sich freilich mit einem kühnen Schwung nach oben bringen. Da es sich aber um Kunst handelt und nicht um das wirkliche Leben, wird man so oder so daran gehindert. Falle nennt der 29-jährige Stefan Eichhorn das tückische Objekt unmissverständlich, obwohl es auch nur eine zweckfreie minimalistische Skulptur sein könnte.
Dass der einzige Dresdner unter den vier Prämierten des diesjährigen Marion-Ermer-Preises eine anspielungsreiche ortsbezogene Arbeit zeigt, hat nicht nur mit dem Heimvorteil zu tun. Es ist sein künstlerisches Konzept, mit Rauminterventionen bestehende Verhältnisse in Frage zu stellen. Sein Objekt passt sich achteckig dem zentralen, namensgebenden Raum des „Oktogons“ an – so heißt das Ausstellungsdomizil der Hochschule für Bildende Künste Dresden, die neben der Bauhaus-Universität Weimar als Partnerin des Marion-Ermer-Preises fungiert.
Die Ausstellungsräume sind fantastisch und mit Geschichte aufgeladen. Im Zweiten Weltkrieg, beim Bombenangriff auf Dresden, ausgebrannt, wurden sie erst nach 1990 durch eine behutsame Sanierung wieder nutzbar. Normierte „White Cubes“ konnten hier nicht entstehen. Die gläserne Kuppel – wegen ihrer einprägsamen Form „Zitronenpresse“ genannt – ist ein Wahrzeichen von Dresden. Außen, auf ihrer Spitze, steht ein goldener Engel, der die Ruhmestrompete bläst: die Fama.
Befunde von Leerstellen
Auch die drei anderen Preisträger, die alle in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studierten, präsentieren ihre Arbeiten hier konzentriert und sparsam. Die Berliner Kuratorin Ellen Blumenstein hat sie dabei unterstützt.
Die 1981 im thüringischen Greiz geborene Fotografin Margret Hoppe zeigt nur wenige Arbeiten aus zwei umfangreichen Serien. Verschwundene Bilder suchte sie an Orten auf, wo nach 1990 Bilder entfernt wurden, die mit öffentlichem Auftrag in der DDR entstanden. In ihren Aufnahmen liefert sie Befunde von Leerstellen, die von radikalen Umbewertungen und sich verändernden Rollen von Kunst zeugen. Sie recherchierte auch jene Wand in der Dresdner Kunsthochschule, an die der Student Gerhard Richter 1955 ein Abendmahl mit Picasso gemalt hatte.
Während eines DAAD-Stipendiums in Bulgarien, einem bevorzugten Urlaubsland zu DDR-Zeiten, fotografierte sie sozialistische Denkmale.
Verwirrspiel mit Kühlschranktüren und Sonnenuntergängen
Der aus Hamburg stammende Hans-Christian Lotz verblüfft mit scheinbar delikater abstrakter Malerei. Dass es sich dabei um ausrangierte Kühlschranktüren handelt, bemerkt man erst bei genauem Hinsehen. Er habe nichts an ihnen verändert, behauptet der Künstler, habe sie nur konserviert. Es handele sich auch nicht um eine Persiflage der Malerei, die unlängst in Leipzig als sogenannte „Neue Leipziger Schule“ auf dem Kunstmarkt Furore machte, beteuert er. Auf dazwischen gehängten Postern kann man die Wörter „Schrott“ und „Pop“ lesen. Ein selbst gemaltes Aquarell wird als Reproduktion ausgestellt. Es ist ein Verwirrspiel mit Erwartungshaltungen und Bedeutungszuweisungen zwischen Künstler, Werk und Rezipient, die nicht immer nachvollzogen werden können und sollen.
Auch Andrea Legiehn meidet eindeutige Interpretierbarkeit und Autorschaft. Wenn sie über vier große, im Raum verteilte, aber fast unsichtbare Projektionsflächen Videosequenzen von einem Fünf-Tage-Aufenthalt in Athen laufen lässt, wird man zwar mitten hinein katapultiert. Doch bleibt man irgendwie im Ungewissen. Die Kameraführung wechselt zwischen bemühter Hobbyaufnahme und ambitionierter Stilistik. Man sieht das Meer und Sonnenuntergänge, antike Ruinen und in Vitrinen verwahrte Relikte vergangener Hochkulturen in den Museen. Jugendliche in der Nacht, die den Kick nicht nur auf Surfbrettern suchen. Der von Mikael D. Brkic extra geschaffene elektronische Sound nimmt den Bildern ihre Orts- und Zeitbezogenheit.
Erweiterte Perspektiven
Natürlich spielt die Bühnenskulptur von Stefan Eichhorn auch auf Probleme der Preisvergabe an und auf die Situation, in der sich Absolventen künstlerischer Hochschulen nach ihrem Studium befinden.
Um den Marion-Ermer-Preis muss man sich bewerben: Künstlerinnen und Künstler aus den neuen Bundesländern, die nicht älter als 35 Jahre sind und ein Studium an einer Kunsthochschule abgeschlossen haben, können das tun. Die international besetzte Jury, die jährlich wechselt, hatte in diesem Jahr 189 Einsendungen zu begutachten. Sie entschied sich durchweg für konzeptionelle künstlerische Haltungen. Alle vier Prämierten setzen sich mit Bedingungen und Möglichkeiten künstlerischer Arbeit auseinander. Sie haben ihre Perspektiven in Meisterschüler-, Zusatz- oder Gaststudien im In- oder Ausland erweitert. Mit dem Preis kann ihnen „ein Stück des Weges für die weitere Entwicklung geebnet werden“, schreibt Jurymitglied und Rektor der gastgebenden Dresdner Kunsthochschule, Christian Sery, im Katalog.
Interessieren sich die Ausgezeichneten auch für die Stifterin? Die 1953 geborene Münchnerin Marion Ermer erbte nach 1990 in den neuen Bundesländern ein Immobilienvermögen von über 150 Millionen Mark. Sechs Millionen gab sie auf Anraten in eine Kulturstiftung, die ihren Namen trägt. Das übrige Vermögen wurde von falschen Beratern veruntreut. Heute lebt sie, an Multipler Sklerose erkrankt und fast erblindet, mittellos von einer knappen Rente. Die Stiftung konzentriert sich inzwischen vor allem auf den Preis für junge Künstlerinnen und Künstler.
Preisträgerausstellung des Marion-Ermer-Preises 2009: Stefan Eichhorn, Margret Hoppe, Andrea Legiehn, Hans-Christian Lotz, „Oktogon“ der Hochschule für Bildende Künstle Dresden, 10.12.2009–07.02.2010
Sigrun Hellmich
ist Kunstwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Sie lebt in Leipzig.
ist Kunstwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Sie lebt in Leipzig.
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Januar 2010
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