Kunstwelt in Deutschland

Widerspenstige Kunstnachbarn zu Gast – polnische Kunst in Berlin

Pawel Althamer bei der Arbeit im Deutsche Guggenheim, 2011 | © Pawel Althamer, Deutsche Guggenheim 2011, Foto: Mathias Schorman
Pawel Althamer bei der Arbeit im Deutsche Guggenheim, 2011 (© Pawel Althamer, Deutsche Guggenheim 2011, Foto: Mathias Schorman)

Anlässlich der polnischen EU-Ratspräsidentschaft war Ende 2011 in Berlin ein wahrer Ausstellungsreigen polnischer Kunst geboten. Ein Fazit.

„Tür an Tür“ schraubt sich in die Geschichte hinein

Zuerst gilt es, die Ausstellung Tür an Tür im Gropius-Bau zu nennen. Anhand von rund 800 Ausstellungsstücken zeichnete Anda Rottenberg das Wechselgefälle der deutsch-polnischen Beziehungen über die Existenz des Eisernen Vorhang hinaus nach. Spiralförmig schraubte sich die Ausstellung quasi in die Geschichte hinein, gab eine strenge Chronologie zugunsten thematischen Knotenpunkten wie etwa den dynastischen Verbindungen zwischen Polen und Deutschland auf. Hier wurde als märchenhaftes Paradebeispiel die Landshuter Hochzeit (1475) des Wittelsbacher Herzog Georg dem Reichen und der jagiellonischen Prinzessin Hedwig opulent zur Anschauung gebracht.

Tür an Tür maßte sich auch erst gar nicht an, das gerade infolge der sogenannten „polnischen Teilungen“ im späten 18. Jahrhundert verursachte Dickicht an politischen Machtansprüchen und kriegerischen Auseinandersetzungen kunsthistorisch adäquat entwirren zu können. Von wunderbar erhaltenen, illuminierten Handschriften über Gemälde von Lukas Cranach d. Ä. und Skulpturen des in der Krakauer Marienkirche tätigen deutschen Bildhauer Veit Stoß bis hin zu dem Film Der Kanal (1957) von Andrzej Wajda reichten die internationalen Leihgaben.

Einzig der brachiale Kulisseneinbau eines begehbaren Käfigs zur melodramatischen Zurschaustellung des Monumentalschinken Preußische Huldigung (1882) von Jan Matejko und anderer Bildbeiträge zum Deutschen Ritter-Orden blieb als alberner Kurzschluss eines Ausstellungsarchitekten unangenehm haften.

Sieht man einmal von den formalistischen Einsprengseln wie einer Nagelskulptur von Guenther Uecker ab, so wurde gerade mit aktuellen Spotlights respektive konzentrierten Einschüben von Werken Wilhelm Sasnals und Gregor Schneiders geschichtsrefelektierte, oft düster gestimmte Zeitgenossenschaft markiert.

„Polish!“ stellt die Gretchenfrage

Aber auch im rein zeitgenössischen Terrain hatte Berlin von Herbst an auffallend widerspenstige Ausstellungen zur polnischen Kunst zu verzeichnen. Während das Künstlerhaus Bethanien mit der Gruppenschau Polish! erneut die Gretchenfrage nach der Identität von Slawomir Elsner, Katazina Kobro, Piot Uklanski denkbar lakonisch aufwerfen ließ, bestachen die polnischen Künstlerstars Pawel Althamer im Deutschen Guggenheim und Miroslaw Balka in der Akademie der Künste mit Solo-Schauen.

Mit jeweils auf einen Raum abgestimmten Videoprojektionen in Schwarz-Weiß komponierte Balka in der Akademie am Pariser Platz ein Requiem auf die Unorte des Holocausts in Polen aus einer niemals unschuldigen Perspektive der Nachgeborenen. Ob man nun in dem ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz harmlose Rehe durch die Winterlandschaft hoppeln sieht oder andernorts abstrakt gigantische aufgedrehte Gasflammenkreise, Balkas poetische und nie dokumentarische Video-Memorials rufen im kollektiven Gedächtnis zugleich das allerdunkelste Kapitel menschlicher Verbrechen im 20. Jahrhundert auf.

Pawel Althamers sagenhafter Auftritt

Der aber sagenhafteste Auftritt im buchstäblichen Sinn gelang Pawel Althamer, als er die Warschauer Kunststofffabrik ALMECH seines Vaters eine Ausstellungsperiode lang in das Deutsche Guggenheim einziehen ließ. Bereitwillige Besucher beziehungsweise Guggenheim-Mitarbeiter standen ihm und seinem polnischen Team Modell für ein Gruppenporträt. Entsprechend des auf alle sozialen Schichten ausgedehnten Lebenskunstentwurfs Althamers gelang ihm so eine raffinierte Rochade zwischen den Produktionssystemen der Kunst und Wirtschaft.

Hergestellt wurden nach leibhaftigen Vorbildern zwei Skulpturen pro Tag via Kunststoff und Armierstahlgerüst. Am Anfang wurde den zu Porträtierenden eine Silikonmaske abgenommen. Althamer und Helfer modellierten dann in einem zweiten Schritt die phantasmatischen Körper aus Streifen heißen Kunststoffs, welche von den ALMECH-Maschinen fabriziert wurden. Mit jedem Tag wuchs nicht nur Althamers kleine Gemeinde, sondern auch der gespenstische Zug der scheinbar aus einem Zwischenreich zwischen Leben und Tod Entsprungenen. Wie bei einer mittelalterlichen Auferstehungsszene scheinen diese Leinenstreifen von ihrem mumifizierten Körper zu streifen. Manche lächeln selig vor sich hin, als würden sie in einer Art Nirvana schweben, andere wiederum wirken so, als seien sie in ein depressives schwarzes Loch gestürzt.

Althamer hat bei aller fundierter gesellschaftlichen Realitätsrecherche auch einen Hang zu transzendenten Gratwanderungen: „Ich wollte nicht nur auf sympathische Weise eine Gemeinschaft zum Ausdruck bringen, sondern auch eine Atmosphäre für spirituelle Erfahrungen schaffen.“
Birgit Sonna
arbeitet als Korrespondentin für das Kunstmagazin „art“ sowie als Lektorin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2012

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