Vom grausamen Erfolg – das „Scheitern“ der 7. Berlin-Biennale


Für viele Ausstellungsbesucher und Kritiker gilt die 7. Berlin-Biennale (27. April bis 1. Juli 2012) als gescheitert. Dabei stellte sie im Grunde nur das Politische künstlerischer Tätigkeit in Frage – und damit letztendlich sich selbst. Ein Rückblick des Künstlers Andreas Schlaegel.
„Meinen die das ernst?“ Von der 7. Berlin-Biennale hatte sich die junge griechische Kuratorin etwas anderes versprochen. Sie steht im improvisiert wirkenden Zeltlager, das Mitglieder der Occupy-Berlin-Bewegung auf Einladung der Kuratoren Artur Żmijewski und Joanna Warsza im zentralen Saal im Erdgeschoss der Kunst-Werke, eines der wichtigsten Ausstellungsorte der Biennale, aufgebaut haben.
Die Auswirkungen der europäischen Wirtschaftskrise, die Griechenland tagtäglich erlebt: Stellen derartige Entwicklungen nicht grundsätzlich andere Herausforderungen an die Kunst? Politische, kritische, anpackende Kunst war versprochen worden. Präsentiert jedoch wurde studentische Anti-Ästhetik mit überraschend plumpen und abgegriffenen Graffiti-Slogans.
Naiver Polit-Kitsch oder Zynismus?
Auch der mit Styroporblöcken an einem riesigen Jesuskopf arbeitende Bildhauer Mirosław Patecki, der vor zwei Jahren im polnischen Świebodzin die weltgrößte Jesus-Statue im Auftrag der katholischen Kirche errichtete, findet bei der griechischen Kuratorin wenig Anklang: ebenso wenig wie die zarten Birkensetzlinge aus der Gegend um das frühere Vernichtungslager Auschwitz Birkenau, die der Künstler Łukasz Surowiec im Dachgeschoss der Kunst-Werke ausgebreitet hat und den Besuchern zum Einpflanzen in den heimischen Garten anbietet.
Mit ihrer Kritik steht die Kuratorin aus Griechenland nicht allein. Auch die deutsche Presse reagierte teils erstaunlich hart auf einzelne Projekte. So wurde der tschechische Künstler Martin Zet, der freiwillig gespendete Exemplare von Thilo Sarrazins rassistischem Bestseller Deutschland schafft sich ab für eine Installation sammeln wollte, nicht nur der Zensur beschuldigt. Selbst vor dem Vergleich seines Projekts mit den Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten schreckten einige Kommentatoren nicht zurück.
Von der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) bis hin zur linken Tageszeitung (taz) wurde den Kuratoren eine „Nähe zum Politkitsch“ und „lauwarmer Zynismus“ attestiert. Die Ausstellung sei „undurchdacht“ und ein „Debakel politischer Naivität“.

Moderation zwischen Standpunkten
Tatsächlich entsprach das, was auf der Berlin-Biennale zu sehen war, wohl kaum den Kriterien, die an Kunst gestellt werden sollten. Wirklich innovative Kunstwerke im klassischen Sinne waren wenige zu entdecken. Dem Gedanken einer Übersichtsausstellung, die zur Illustration einer pfiffig-amüsanten These einen vielversprechenden und möglichst jungen Künstlerreigen auftreten lässt, aus dem sich dann Kunstmarkt und Kritik ihre Lieblinge der Saison herauspicken können, verweigerten sich Artur Żmijewski und Joanna Warsza konsequent.
Dass die Kuratoren von Anfang an anderes im Sinn hatten, machte Żmijewski bereits im Vorwort zur Vorabpublikation Forget Fear deutlich: anstatt brav „Kunstobjekte zu verwalten, sie aus dem Gesamtwerk von KünstlerInnen zu fischen, sie zu transportieren, zu versichern und an die Wand zu hängen“, ginge es ihnen um die „Moderation und Verhandlung zwischen konträren politischen Standpunkten in Form von künstlerischem Handeln“. Wie das aussehen könnte, wurde unter anderem in Form von dokumentierten Fallbeispielen, Plänen oder Modellen vorgeführt.
Realität oder Performance?
So konnte man die 7. Berlin-Biennale als Spielfeld eines sozio-kulturellen Experiments mit dem Schwerpunkt auf Konfliktbewältigung auffassen. Die Kuratoren wählten dafür genau die Künstler und Künstlergruppen aus, deren Arbeit die Aspekte von Vermittlung und Austausch nicht nur reflektierten, sondern auch umzusetzen suchten.

Dabei waren die interessantesten Projekte dieser Biennale diejenigen, die ihre eigenen Formate schufen. Dazu gehörte der JRMiP Kongress von Yael Bartana. Er steht für ein fiktiv-performatives „Jewish Renaissance Movement in Poland“, eine Bewegung, die unter dem Symbol eines polnischen Adlers im Davidstern angeblich „3,3 Millionen Juden nach Polen“ zurückholen will.
JRMiP Kongress: Promo-Video
Im Rahmen der Biennale wurde diese Bewegung tatsächlich ins Leben gerufen: mit Freiwilligen und Besuchern, in Form eines dreitägigen Kongresses, den man auch als eine Art interaktiver Performance erleben konnte, sinnigerweise in einem Theater inszeniert.
Die Grenzen zwischen furchtbarer Realität und unbegreiflicher Fiktion wurden im elegant präsentierten New World Summit des Niederländers Jonas Staal auf vergleichbare Weise, aber unter anderen Vorzeichen verhandelt. An zwei Tagen lud er Vertreter von Gruppierungen international als terroristisch geächteten Organisationen zu einer Art alternativem Weltparlament vor einem Publikum ein, das über weite Strecken stumm, hilflos und uninformiert den selbstgerechten Äußerungen der Gäste lauschte.

Biennale oder Therapie?
Vor dem Hintergrund der Passivität des Publikums und der Feindseligkeit der Presse scheint es, als liege die zentrale Auseinandersetzung derartiger Projekte weniger in deren vordergründigem Anliegen, sondern in einer Art skulpturalem Prozess – als Arbeit am Publikum als politischem Körper. Der 7. Berlin-Biennale ging es um Analyse, Diagnose, Therapie und Reform.
Kurz vor dem Ende der Laufzeit der Biennale meldeten sich die Occupy-Berlin-Teilnehmer aus ihrem Zeltlager mit ihrer Forderung nach einer basisdemokratischen Umstrukturierung der 7. Berlin-Biennale zu Wort: die „Verteilung des gesamten Budgets“ solle „transparent gemacht werden“, die Biennale „horizontal“ funktionieren. „Dieses Experiment ist bewusst naiv“, schränkten die Kuratoren die Forderung sogleich wieder ein; denn „Horizontalität“ sei „manchmal chaotisch und ineffizient“. Dennoch stellten die Organisatoren der 7. Berlin-Biennale in diesem Sinne ihre eigene Struktur radikal zur Disposition.
Damit zeigte sich auch in diesem vermeintlichen „Scheitern“ der 7. Berlin-Biennale ein postdemokratisches Dilemma, bei dem selbst politische Kunst und ebenso aktuelle Formen von politischem Aktivismus nur von den drängenden Problemen ablenken, zu deren Lösung eigentlich beigetragen werden sollte. Dies allerdings exerzierte die Schau auf grausame Art und Weise bis zum Ende durch.
ist Künstler. Er schreibt für Publikationen über zeitgenössiche Kunst und lebt in Berlin.
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Juli 2012
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