Wohl und Wehe des Kunstvereins
Seit einigen Jahren wird die Institution des Kunstvereins ungeachtet ihrer historischen Bedeutung verstärkt in Frage gestellt.
Während die schärfsten Kritiker dem Kunstverein sogar eine weitere Daseinsberechtigung absprechen wollen, heben andere die wichtige Funktion dieser Einrichtung als nichtkommerzielle Experimentierbühne für zeitgenössische Künstler hervor.
Gerade in Zeiten des grassierenden Event-Fiebers in der Kultur könne der Kunstverein durch sein nicht auf schiere Besucherzahlen abgestimmtes Programm ein entscheidendes Defizit ausfüllen, heißt es. Tatsache ist, dass sich durch die veränderte Ausstellungslandschaft, vor allem durch die Zunahme von Foren für zeitgenössische Kunst die Koordinaten erheblich verschoben haben.
War bis in die achtziger Jahre hinein selbst in einigen größeren Städten der Kunstverein einziger Hort der aktuellen Kunstpräsentation, so hat er sich mittlerweile diese Rolle mit Ausstellungshallen, Kunsträumen, Off-Spaces, städtischen Galerien und vor allem auch klassischen Museen zu teilen. Befinden sich also die Kunstvereine in einer permanent sich abwärts drehenden Spiralbewegung, wie so mancher Kritiker glauben möchte? Wohl kaum, aber es ist ein starkes Gefälle zwischen den teils sehr traditionell ausgerichteten und den selbstkritisch ihren Status Quo reflektierenden Institutionen zu verspüren. Keine Frage, eine der ältesten Bürgerinitiativen im Dienste der Kunstvermittlung hat sich neu zu profilieren.
Ehrwürdige Tradition
Zur Geschichte: In Nachfolge von Kultur fördernden Institutionen wie etwa der “British Society for the Encouragement of Arts, Manufactures and Commerce” sind um 1800 in verschiedenen europäischen Staaten erste mäzenatische Gesellschaften entstanden. Die Gründungsphase der deutschen Kunstvereine liegt zwischen 1818 bis 1840. Das im Aufstieg begriffene Bürgertum rief Vereinigungen zur Förderung der zeitgenössischen Kunst ins Leben. Konkrete Absicht war es, sich mit der Vermittlungstätigkeit zwischen Künstler und Kunst interessiertem Laien einer Aufgabe zu widmen, die bis dahin dem Adel vorbehalten war. Somit können die sich vor allem auf Verkaufsausstellungen und Steuerung des Kunstmarkts belaufenden Aktivitäten innerhalb der Kunstvereine als Vorläufer demokratischer Prozesse angesehen werden.
Finanzierungsquellen und Organisation
Meist waren die Kunstvereine vormals in ihrer Satzung als Aktiengesellschaften oder Losvereine eingetragen. Bis heute rekrutiert sich die zentrale Finanzierungsquelle aus den Mitgliedsbeiträgen, wobei die Institutionen seitens der jeweiligen Stadt in der Regel je nach Größe subventioniert werden. Es gibt Kunstvereine mit rund 20 Mitgliedern, die circa 150 Euro Zuschuss im Jahr erhalten und solche mit 5000 Mitgliedern und einem Etat von 500.000 Euro. Gemäß dem Vereinsrecht verfügen die Kunstvereine über einen von den Mitgliedern gewählten Vorstand. In allen größeren Institutionen verantwortet das Ausstellungsprogramm ein hauptamtlicher Direktor in Person eines kunsttheoretisch versierten Kurators, der vom Vorstand eingestellt wird. Ein wichtiger Lockvogel für die Mitglieder des Kunstvereins sind neben einem anspruchsvollen Reiseprogramm nach wie vor die “Jahresgaben”. In der Zeit vor Weihnachten werden in einer Gruppenschau Werke jüngerer Künstler offeriert, die von den Mitgliedern zu prozentual ermäßigten Preisen erworben werden können.
Das Überleben sichern
Unterdessen sind die im AdKV (Arbeitsgemeinschaft deutscher Kunstvereine) eingetragenen Institutionen auf rund 250 angewachsen. Vorbilder hinsichtlich einer möglichen Neuorientierung sind zum Beispiel die Kunstvereine in Frankfurt/main, Hannover und Stuttgart, die sich als vitale Orte des Kunstdiskurses etabliert haben und ästhetisch innovative Ausstellungskonzepte verfolgen. Auch die Kunstvereine in Bonn, Köln und Düsseldorf konnten über mehrere Dekaden eine solide Arbeit leisten und junge unbekanntere Künstler auf dem Markt durchsetzen. Den Sprung in die Konkurrenzfähigkeit mit den wichtigsten Ausstellungshallen für zeitgenössische Kunst geschafft haben auch die Kunstvereine in Hamburg und München. Doch man sollte nicht nur auf die größten, ältesten und renommiertesten Kunstvereine in Deutschland schielen. In den neuen Bundesländern konnte sich in den letzten Jahren eine ganze Reihe von kleineren Einrichtungen etablieren, die einer regionalen Kunstszene zweifelsohne das Überleben sichert.
ist Kunsthistorikerin und arbeitet als Korrespondentin für die Neue Zürcher Zeitung und als Lektorin
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aktualisiert Dezember 2007












