Wir sind mehr als nur ein Museum – das ZKM in Karlsruhe
Virtuell durch Städte reisen, Pflanzen auf dem Touchscreen zum Blühen bringen oder sein eigenes Konterfei als Kunstwerk auf die Leinwand beamen – im Karlsruher Medienmuseum wird der Besucher Teil der Kunst. Vor zehn Jahren wurde das ZKM eröffnet – und ist heute die weltweit einzige Institution, in der Medienkunst sowohlausgestellt als auch erforscht und entwickelt wird.
1997 eröffnete Gründungsdirektor Heinrich Klotz das ZKM in einer denkmalgeschützten ehemaligen Munitionsfabrik. Mit 80.000 Quadratmetern Fläche ist es mit dem Pariser Centre Georges Pompidou vergleichbar. Traditionelle Malerei hat hier neben der Computergrafik ebenso Bestand wie das Cello neben dem Synthesizer. "Wir wollen dem gesamten Spektrum der modernen Kunst einen Raum geben", sagt der österreichische Medientheoretiker Peter Weibel, der seit 1999 das ZKM leitet. Mit wechselnden Ausstellungen wird die ständige Sammlung ergänzt, mehr als 200.000 Besucher lockt das ZKM damit jährlich nach Karlsruhe.
Doch unter dem Kürzel ZKM verbirgt sich weit mehr als nur ein Archiv von Kunstwerken – es ist inzwischen Kennwort für Forschung, Entwicklung, Dokumentation und Forum geworden. Ein Ort, an dem gleichermaßen präsentiert wie geforscht wird. "Wir sind ein Museum, aber wir sind eben noch mehr als nur ein Museum", meint Weibel. "Wir sammeln, archivieren und machen Ausstellungen. Aber gleichzeitig forschen und entwickeln wir."
Als die Computer laufen lernten
Unter einem Dach vereint das ZKM zwei Museen, eine Mediathek und vier Forschungsinstitute. Das Museum für Neue Kunst zeigt ausgewählte Werke europäischer und amerikanischer Kunst von 1960 bis heute, von Joseph Beuys über Nam June Paik bis Andy Warhol. Neben dem Kunstmuseum ist das Medienmuseum ein Hauptanziehungspunkt für das Publikum. Es ist das erste vollständig interaktiv konzipierte Museum: Ob Video-Projekte, begehbare Installationen oder Computersimulationen – die Besucher sind aufgefordert, sich aktiv an den Kunstwerken zu beteiligen.Ein anderer Teil der ständigen Ausstellung des Medienmuseums beschäftigt sich mit der Zeit, in der die Computer laufen lernten. Angefangen beim legendären Röhrenrechner Z 22 von 1957 über den Commodore 64 bis hin zu Spieleklassikern wie Pong oder Pac Man: Hier sind die Ikonen der Computergeschichte an einem Ort versammelt – und veranschaulichen die rasante Entwicklung von der analogen zur digitalen Technik.
Forschung im Vordergrund
Neben den Museumsaktivitäten steht für Peter Weibel vor allem die Forschung im Vordergrund. Jährlich werden rund 20 bis 30 Gastkünstler aus aller Welt eingeladen und Produktionen in Auftrag gegeben. "Kein Museum gibt einem Maler Geld mit dem Auftrag zehn Gemälde herzustellen. Das ZKM macht das im Bereich der Medienkunst. Wir sind in diesem Sinne ähnlich wie ein Theater oder ein Opernhaus, wir vergeben Werkaufträge", erklärt Weibel.
Dafür stehen die vier Forschungsinstitute im ZKM bereit. Im Institut für Bildmedien basteln Techniker und Gastkünstler an Software-Systemen, interaktiven Installationen und 3D-Systemen, um neue Bild-Technologien zu entwickeln. Auch im Institut für Musik und Akustik wird künstlerische Produktion mit Forschungsarbeit verbunden. Neben einem gläsernen Tonstudio gibt es in der Fabrik mehrere kleinere Studios und Ateliers. Dort können Musiker Stücke aufnehmen oder - räumlich getrennt, doch technisch vernetzt - gemeinsame Live-Konzerte bestreiten. Rund 200 elektroakustische Produktionen wurden hier in den vergangenen Jahren präsentiert.
Die Mediathek bietet eine der umfassendsten Sammlungen zeitgenössischer Musik, Video und Literatur zur Kunst des 20. Jahrhunderts. Sie ist eine Fundgrube für Forscher, aber auch ein Ort, an dem man einfach nur herumstöbern und sich informieren kann. Die audiovisuellen Schätze, die hier zunächst nur zu Forschungszwecken zugänglich waren, wurden durch neu entwickelte Schnittstellen-Technologien nun auch einem breiten Publikum zugänglich gemacht.
![]() |
Virtuelle Diskussionen mit Philosophen
Doch nicht nur Kunst im Netz, sondern auch die Netzkultur im weiteren Sinne will Weibel verstärkt zum Thema machen. Ein Schwerpunktthema des ZKM ist die Entwicklung des "Web 2.0", bei denen Internetnutzer ihre Videos und Fotos auf sogenannten Mitmachportalen wie "Flickr" oder "YouTube" einstellen und sich untereinander austauschen. "Die Web 2.0-Revolution hat den Betrachter zum Benutzer gemacht, das Publikum im Netz hat sich emanzipiert", sagt Weibel. In einer Symposionsreihe beschäftigen sich seit 2005 Wissenschaftler und Blogger damit, welche Auswirkungen diese Medienentwicklung für die Gesellschaft haben.Konsequent will Weibel mit dieser Entwicklung auch sein Museumskonzept vorantreiben. "Auch das Museum muss zu einer Kommunikationsplattform werden", sagt er und hofft, die zeitlich-räumliche Abgeschlossenheit des Museums zu überwinden. Ein Schritt dorthin ist die Eröffnung einer Dependance des ZKM in der virtuellen Welt von "Second Life". In einer "Philosophenschule" können Avatare dort künftig mit den Philosophen Peter Sloterdijk und Boris Groys über die Entwicklung der Medien diskutieren – live im virtuellen Raum.
Journalistin, Mainz
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Oktober 2007













