Museen und Institutionen in Deutschland

Hotspot oder Kunstgehege? – die Leipziger Baumwollspinnerei

Die Leipziger Baumwollspinnerei © Spinnerei Leipzig
Die Leipziger Baumwollspinnerei wurde zu einem legendären Kunstzentrum. Dabei ist es nicht neu, dass verlassene Industriegebäude kunstbetrieblich nachgenutzt werden – ob in New York, London, Berlin, Moskau oder Peking. Ist Leipzig ein Erfolgsmodell eigener Art?

Der 125. Geburtstag dieser einstmals größten Baumwollspinnerei Kontinentaleuropas wurde gerade medienwirksam gefeiert, obwohl sie gar nicht mehr existiert. Kanzlerin Angela Merkel war als Festrednerin eingeladen und nahm sich viel Zeit, den „wunderbaren Strukturwandel“ zu besichtigen. Sie erinnerte aber auch an das wechselvolle, deutsche Geschichte durchmessende Schicksal des einstmals ehrgeizig errichteten Industriekomplexes mit 20 Gebäuden, Arbeiterwohnungen, Betriebskindergarten und Schrebergartensiedlung. Nach der „Wende“ fielen über 4.000 Arbeitsplätze, meist von Frauen, weg.

Bea Meyer: o.T., 2008, 163 x 100 cm. Klebeband, gold, silber auf Papier / Siebdruck; aus der Serie MAMA AUS SPASS BIN ICH JETZT MAL EINE FRAU | © Galerie b2_Kalt, dreckig und staubig war es auf der abgelegenen unwirtlichen Industriebrache im Westen der Stadt, als sich Mitte der 1990er-Jahre nicht nur kleine Gewerke, sondern auch eine Schar von Künstlern und Künstlerinnen einmietete. „Sonntags hörten wir noch die Vögel singen“, erinnert sich Peter Bux. Er war einer der ersten hier – neben Hans Aichinger, Kaeseberg, Uwe Kowski, Christiane Baumgartner, Rosa Loy und Neo Rauch.

Seit 2001 ist es das Konzept einer neuen Betreibergesellschaft, die Fabrikanlage mit 90.000 nutzbaren Quadratmetern unter dem Motto From cotton to culture zu vermarkten.

„Neue Leipziger Schule“ – eine Erfolgsstory mit Happy End?

Als vor vier Jahren auf einen Streich gleich fünf der wichtigsten Leipziger Galerien große attraktive Räume auf dem Areal eröffneten, wurde es fast zum „Erlebnispark“. Neue Leipziger Malerei lautete die Zauberformel, die international Aufmerksamkeit bescherte, Sammler und Käufer lockte und Busse voller Kunsttouristen. Zu den gemeinsam veranstalteten „Galerierundgängen“ reiste jetzt auch der Jetset an. Auf der Suche nach weißen Flecken auf der Kunstweltkarte, nach ständig Neuem wurde plötzlich das Alte wiederentdeckt. Das Flair der heruntergewirtschafteten gründerzeitlichen Produktionsgebäude erinnert an die untergegangene DDR. Und die neuen „Spinner“ passen gut ins Bild vom Aufbruch Ost. Wie kein anderer hat der Leipziger Neo Rauch die postindustrielle Nostalgie in seine Bilder einfließen lassen. Mit Hand- und Imaginationskraft für große Formate revitalisierte er die tot gesagte Malerei und gilt nun als charismatischer Star ihres neuen Siegeszuges.

Die Spinnerei ist ein gefragter, immer noch preisgünstiger Arbeitsort für inzwischen fast 100 Künstlerinnen und Künstler geworden. In einer gemeinsamen Werkschau zeigen sie gerade, dass durchaus nicht alle malen. Nicht alle haben an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert, die neben den bekannt gewordenen Malern auch exzellente Absolventen der Fotografie, Medienkunst und des Grafikdesigns ausbildet. Haltungen und Qualitätsansprüche sind unterschiedlich. Die Neue Leipziger Schule setzte sich als Marke durch, von der viele noch immer profitieren können – wenige grenzen sich ab. Ursprünglich war nur eine kleine Gruppe mehr oder weniger figurativ malender junger Künstler gemeint, die inzwischen Mitte dreißig Jahre alt sind - vor allem Tilo Baumgärtel, Tim Eitel, Martin Kobe, Christoph Ruckhäberle, David Schnell und Matthias Weischer. Sie kommen meist gar nicht aus Leipzig und nicht alle haben hier Ateliers.

Die Szene ist vielfältiger als das Klischee

Blick auf die Baumwollspinnerei 
© Spinnerei LeipzigAuch wenn manche Sterne schon vor der Finanzkrise blasser wurden – das „Wunder von Leipzig“ wird gepflegt. Nicht nur von den zehn privaten Galerien. Vor allem aber bei Eigen + Art: Gerd Harry Lybke, genannt „Judy“, hat sich mit einer Karriere vom Aktmodell zum „Global Player“ selbst zur Legende gemacht. Neben seinen Räumen in Berlin-Mitte powert er mit einem museal großen, hohen Ausstellungsraum und einem üppigen „Schaulager“. Zum Stamm des PR-erfahrenen „Maler-Machers“ gehören nicht nur Neo Rauch und Matthias Weischer, sondern auch konzeptionell arbeitende Künstler wie Carsten und Olaf Nicolai oder Nina Fischer & Maroan el Sani.

Viele der „Young Painters from Leipzig“, aber auch andere interessante Absolventinnen und Absolventen der Leipziger Kunsthochschule hat Galerist Matthias Kleindienst entdeckt.

Die spannendsten Galerieräume richtete Jochen Hempel für seine Dogenhaus Galerie ein. Er kann Einbauten mit vorgefundenen Flaschenzügen versetzen. Zu sehen sind nicht nur lokale, sondern auch internationale fotografische, installative und malerische Positionen. ASPN, Filipp Rosbach, maerzgalerie und der Laden fuer Nichts entwickelten eigene Profile, die einengende Klischees von einer regionalen Szene durchbrechen. Am überraschendsten gelingt das immer wieder der Produzentengallerie b2 mit sperrigen Rauminszenierungen – wie zuletzt von Markus Uhr – und ruppiger Malerei, zum Beispiel von Oliver Kossack.

Zwar haben eine New Yorker und eine Londoner Galerie ihre hiesigen Dependancen wieder aufgegeben, dafür sind die Münchner Nusser & Baumgart zu Gast und Hilario Galguera betreibt die erste mexikanische Galerie in Europa. Er zeigt nicht nur junge Landsleute, sondern auch bekannte Größen wie Jannis Kounellis und Damien Hirst.

Genügend Denk- und Experimentierraum

Stefan Eberstadt, Rucksack House, Ausstellung „Xtreme Houses“, HALLE 14, 2004
© Claus BachDas geistige Zentrum des Areals ist der desolate Gebäudekoloss der Halle 14. Der „Luxus der Leere“ gibt genügend Denk- und Experimentierfläche für Ausstellungsprogramme an den Schnittstellen von Kunst und Gesellschaft - dank des erfinderischen Kurators Frank Motz. Auf Initiative der Stiftung Federkiel begann eine behutsame Sanierung, gibt es ein Kunstprogramm für Kinder und eine Bibliothek, wurden Partner, wie der Universal Cube der Kunsthochschule und die Columbus Art Foundation, mit eigenen Ausstellungsplattformen gewonnen. Weniger spektakulär haben zahlreiche kunstflankierende oder artfremde Werkstätten und Firmen neues Leben auf das Gelände gebracht. Das holprige Pflaster und die stillgelegten Gleise sollen bleiben.

Sigrun Hellmich
ist Kunstwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Autorin. Sie lebt in Leipzig.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2009

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