
Diese Kunstausstellung ist in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes:
- Erstmals wird ein zeitlicher Bogen gespannt von der vormodernen, vorkolonialen Zeit bis zur zeitgenössischen Kunst,
- erstmals wird dabei die gesamte Zone der Sonnenwende rund um den Globus in den Blick genommen,
- erstmals wird ein solches Großprojekt vom Goethe-Institut und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihrem Ethnologischen Museum als Kooperation gemeinsam verantwortet,
- erstmals wird die Ausstellung zum Anlass für ein thematisches Rahmenprogramm genutzt, das die Tropen in den verschiedenen Aspekten behandelt.
Das Goethe-Institut in Rio de Janeiro mit seinem Leiter Alfons Hug war Ideengeber und Motor, das Ethnologische Museum Berlin mit seiner Direktorin Viola König und seinem Kurator Peter Junge war der starke Museumspartner mit den einmaligen Sammlungen zur vorkolonialen und kolonialen Zeit, das Iberoamerikanische Institut mit Barbara Göbel war mit weiteren Einrichtungen verantwortlich für das Rahmenprogramm und Bruno Fischli von der Zentrale des Goethe-Instituts fügte alle Komponenten zu einem eindrucksvollen Veranstaltungskonzept zusammen. Ohne die großzügige Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes und weiterer Sponsoren wäre die Ausstellung so nicht möglich gewesen. Allen Beteiligten sei herzlich gedankt. Es ist beispielhaft, was hier geleistet worden ist.
Nach den ersten Stationen in Brasilien in einer Vorversion wird die Ausstellung jetzt im Martin Gropius-Bau zu sehen sein und Berlin zu einer tropischen Metropole werden lassen.
Die Zone des mehr als 5000 Kilometer breiten Tropengürtels zwischen dem Wendekreis des Steinbocks und des Krebses ist ein faszinierender Teil unserer Erde, der einem anderen Rhythmus und anderen Gesetzen folgt. Die Zone der Sonnenwende ist geografische Realität und kulturelle Konstruktion, ist Projektionsfläche europäischer Utopien und Träume und realer Ort globaler Phänomene wie Umweltzerstörung und wuchernde Megastädte, ist Paradies und Hölle gleichermaßen – ein Reich der Paradoxe.
Mit diesen Paradoxen umzugehen ist Konzept und Inhalt. Die Ausstellung hat das Potential, den kritischen Diskurs über die Tropen mit den Mitteln der Kunst zu führen - sinnlich, reflektierend, bis hin zur Dekonstruktion von Strukturen. Sie schlägt eine Brücke zwischen Werken, die in vormoderner Zeit entstanden sind und den heutigen zeitgenössischen Positionen der Kunst. Natur, Lebensformen und Kultur werden in ihren Differenzen und Ähnlichkeiten in einer vielfältigen Formen- und Farbensprache vermittelt. Während die vormoderne Kunst den Betrachter stärker durch spirituelle und mythische Bilderwelten in den Bann zieht, fesselt die zeitgenössische Kunst durch ihren hohen Grad an Reflexion. Man gewinnt den Eindruck, dass die Ausstellungsmacher der Kunst nicht nur zutrauen, Botschaften zu formulieren, sondern Wirksamkeit zu erzielen. Die Kunst ist sicher nicht der Wettermacher, aber vielleicht ist sie im Besitz des Barometers.
Im Zentrum der Ausstellung steht eine Reästhetisierung der Tropen. Ziel dieser Reästhetisierung ist es, „angesichts der übermächtigen politischen und ökonomischen Diskurse das kulturelle Gewicht der tropischen Naturräume in die Waagschale zu werfen“. Es ist die künstlerische Ausdruckskraft, die sich hier gegenüber den tagesaktuellen Armutsdebatten und den oberflächlichen Banalisierungen emanzipiert und Annäherungen erlaubt, die weder die Wissenschaft noch die Religion leisten können.
Der Tropengürtel, wo inzwischen mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung lebt, kennt klare präzise Grenzen, die sie von der übrigen Welt scheiden. Innerhalb dieser Zone erfährt man jedoch eine andere Logik der Grenzen. Nicht, dass die Grenzen abwesend wären, sie sind jedoch nicht wie der Wendekreis mit dem Lineal gezogen, sondern unterliegen dem Erleben des Unvorhersehbaren und der plötzlichen Ereignisse. Genau diese Logik drückt sich auch in der Kunst und im sozialen Leben aus. Improvisation und flexible Veränderungen sind ihre Merkmale. Der tropicalismo, eine Kunstrichtung und Ästhetiktheorie der Tropen setzt sich damit auseinander. Die Komplexität der Tropen wird durch die Ausstellung nicht enzyklopädisch erschlossen, sondern exemplarisch an charakteristischen Phänomenen dargestellt. Es sind Fragmente der Tropen, die trotzdem zu einer erstaunlich konzentrierten Präsentation geführt haben.
Berlin ist kein willkürlicher Ort für eine solche Ausstellung. Nirgendwo wurde die außereuropäische Kunst - und hier wiederum die Kunst aus den Tropen - so umfassend gesammelt wie in Berlin. Nirgendwo wird dies wieder so sichtbar sein wie in der Mitte Berlins. Einer der geistigen Väter für einen solchen Weltort der Kunst und Kultur ist Alexander von Humboldt, der uns die fernen Kulturen nahe gebracht hat und der uns die Gleichwertigkeit der Kulturen belegt hat. Sein Name und seine Botschaft sind Grundlage für das Humboldt-Forum auf dem Berliner Schlossplatz. Was im 19. Jahrhundert eine visionäre Idee war, kann heute im 21. Jahrhundert von uns realisiert werden. So wie die Museumsinsel als humanistische Bildungslandschaft eine Ideengeschichte Europas darstellt, so wird gegenüber auf dem Schlossplatz der Ort der außereuropäischen Kulturen sein, die Welt als Teilhaber in der Mitte Berlins.
Das Humboldt-Forum ist in mehrfacher Hinsicht kulturpolitisch höchst aktuell. Es macht die Gleichwertigkeit aller Kulturen zum Programm und fördert damit in einer globalisierten Welt Erfahrungen und Einsichten in das Andere. Es definiert ein Netzwerk der Metropolen über Kunst und Kultur und es wird Ausgangspunkt für eine erlebnisfreudige und wissensbasierte Vermittlung zur Kompetenz von Weltverständnis.
Den Berliner Museen ist durchaus bewusst, dass die einst im Schloss befindliche Königliche Kunstkammer, von Leibniz konzipiert, die Wurzel ihrer Herkunft war. Die Berliner Museen waren von Anfang an als Universalmuseen aller Künste und Kulturen der Welt vorgesehen und damit auf das Wechselspiel von Museumsinsel und Schloss angelegt.
So wird die Ausstellung zu einer Wegmarke auf dem Weg zum Humboldt-Forum, einer gedanklichen Einheit von Kulturerbe, Kulturwissen, Kulturbegegnung, Kulturerlebnis. Zu diesem Konzept gehören nicht nur Ausstellungen klassischer und zeitgenössischer Kunst, sondern auch Literatur, Musik, Theater, Film und Diskurse. Auch dieses wird bei der Ausstellung „Die Tropen“ in einem geeigneten Format realisiert. Es wird eine Lange Nacht der Tropen geben, eine Filmreihe, die sich mit den Tropen auseinandersetzt, darunter das berühmte Stummfilmwerk von Murnau, TABU, Thementage mit Performances, Diskussionen und Lesungen, Vortagsreihen und Symposien sowie ein Konzert „Lisboa-Maputo-Berlin“.
Ausstellung und Rahmenprogramm werden Lebensgefühl, Naturbetrachtung und Kunstauffassung der Tropen in den verschiedensten Facetten zugänglich machen.
Und noch einmal zurück zu Humboldt: Es trifft sich gut, dass die vom Goethe-Institut in einer spanischen und in einer portugiesischen Fassung herausgegebene Zeitschrift „Humboldt“, dessen aktuelle Nummer sich ebenfalls mit den Tropen beschäftigt, nunmehr im fünfzigsten Jahr erscheint und zum ersten Mal in einer deutschen Ausgabe vorliegen wird. Das Themenheft gestattet noch einmal andere und überraschende Blicke auf dieses spannende Thema.
Präsident des Goethe-Instituts








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