Künstlerporträts und Ausstellungsbesprechungen

Was wir sehen, ist fiktiv – Beate Gütschow in Dresden

Beate Gütschow: S#34, 2009. LightJet print, 148x340 cm
Courtesy: Sonnabend Gallery, New York; Produzentengalerie Hamburg; Barbara Gross Galerie Munich, Collection Louise and Eric Franck © VG Bild-Kunst

Die Berliner Fotografin Beate Gütschow, die mit idyllisch grünen Landschaften und kargen schwarzweißen Stadtbildern bekannt wurde, hat in Dresden einen idealen Ausstellungsort gefunden.


Eine gewisse Monumentalität sei ihr wichtig, sagt die 1970 in Mainz geborene, heute in Berlin lebende Fotografin Beate Gütschow. Ihre Bilder beeindrucken durch Perfektion und Größe, wirken aber auch unheimlich. Nach Werkschauen in Chicago, Berlin und Nürnberg sind jetzt in Dresden 37 Arbeiten aus drei in den letzten zehn Jahren entstandenen Serien zu sehen.

Als besondere Herausforderung, ja fast als Referenzrahmen, erweist sich diesmal der Ausstellungsort selbst: die Kunsthalle im Lipsiusbau. Erst vor vier Jahren im 1945 teilweise zerstörten und jahrzehntelang ruinösen Neorenaissancegebäude des historischen Sächsischen Kunstvereins eröffnet, ist sie zwar räumlich schwierig zu bespielen, besitzt aber außerordentlichen architektonischen Charme. Denn die preisgekrönte Sanierung verzichtete auf eine Rekonstruktion. Spuren der Geschichte wurden nicht übertüncht wie gerade bei den kulissenartigen pseudobarocken Nachbauten des alten Dresdens rund um die Frauenkirche. Das Wiederaufgebaute ist – vielfach mit Symbolwert aufgeladen – zum touristischen Tummelplatz geworden, während sich die als Elbflorenz verklärte Stadt mit Neuem und Modernem schwertut.

Beate Gütschow: S#10, 2005. LightJet print, 180x267 cm
Courtesy: Sonnabend Gallery, New York; Produzentengalerie Hamburg; Barbara Gross Galerie Munich, Collection Louise and Eric Franck © VG Bild-Kunst
Beate Gütschow, 2001, C-print
© VG Bild-Kunst, Bonn 2009. Courtesy Louise and Eric Franck Collection, London; Barbara Gross Galerie, München; Produzentengalerie Hamburg; Sonnabend Gallery, New York.

Irgendwie vertraut und heimisch

Liegt es an der idyllischen Lage an der „Brühlschen Terrasse“ – einer Elbpromenade, die als Balkon Europas gerühmt wird, dass der Lipsiusbau als experimenteller Ort für zeitgenössische Kunst nur schwer in Gang kommt? Dabei wurde hier schon einmal zu Beginn des 20. Jahrhunderts international beachtete neue Kunst gezeigt. Wenn man von hier aus auf die weiten unbebauten Elbwiesen schaut, könnte man meinen, Beate Gütschow habe gerade dort Motive für ihre Landschaftsbilder gefunden. Eine meist weitläufige, unspektakuläre Natur – ausschließlich in grüner Jahreszeit – irgendwie vertraut und heimisch und doch wie nicht von dieser Welt. Menschen sitzen, liegen, stehen – kontemplativ einander zugewendet oder ins Weite schauend. Nicht selten sind es Rückenfiguren. Manchmal beobachten die einen die anderen. Schön, zu schön, aber merkwürdig beunruhigend. Die Irritation hat ihren Grund. Es sind keine authentischen Aufnahmen. Sie sind am Computer zusammengesetzt, und das so versiert, dass die Schnittstellen nicht bemerkt werden können. Daraus macht die Fotografin keinen Hehl – es ist ihr Konzept. Schon im Studium – 1993 bis 2000 an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg – hat sie dazu gefunden. Zur Fotografie kam sie nach Malerei und Grafik und über installatives Arbeiten. Bernhard Blume und Wolfgang Tillmans waren ihre Lehrer.

Beate Gütschow vollzieht mit digitaler Technik Kompositionsprinzipien einer idealen Landschaftsmalerei nach, wie sie im 17. und 18. Jahrhundert praktiziert wurde. Sie komponiert Vorder-, Mittel-, Hintergrund, platziert Bäume und Büsche – ähnlich einem Bühnenvorhang – als Rahmen und Personen als identifikationsstiftende Staffage.

Beate Gütschow, 2001, C-print
© VG Bild-Kunst, Bonn 2009. Courtesy Louise and Eric Franck Collection, London; Barbara Gross Galerie, München; Produzentengalerie Hamburg; Sonnabend Gallery, New York.
Beate Gütschow: S#14, 2005. LightJet print, 180x267 cm
Courtesy: Sonnabend Gallery, New York; Produzentengalerie Hamburg; Barbara Gross Galerie Munich, Collection Louise and Eric Franck © VG Bild-Kunst

Für eine auf der Biennale in Venedig 2007 gezeigte Videoarbeit recherchierte sie sogar, wie der niederländische Landschaftsmaler Jacob van Ruisdael die zwei Fassungen seines dramatischen Gemäldes Der Judenfriedhof (1654–60) entwarf. In Amsterdam fand sie den Friedhof wirklich, konnte sogar den Standort identifizieren, wo der Maler gezeichnet haben könnte. Sie filmte seine Perspektive, fügte auch, so wie er es tat, eine Ruine hinzu, die es dort gar nicht gab. Und sie stellte ebenfalls zwei Bildversionen her, die sie gleichzeitig als Video-Diptychon zeigt. Die vor über 300 Jahren gemalten Bilder werden scheinbar in die Wirklichkeit zurückgeführt. Wenn das Rauschen des Baches jetzt zu hören ist, weiß man nicht, ob man den Bildern noch trauen kann.

Eine von Ruisdaels Fassungen befindet sich in Dresden, in der Gemäldegalerie Alte Meister – nur wenige hundert Meter vom Lipsiusbau entfernt. Auch deshalb wollte Beate Gütschow hier ausstellen.

Zeit- und ortlos

Bei allen anderen Arbeiten jedoch legt sie großen Wert darauf, solche konkreten Ortsbezüge auszuschließen. Weder der Zeitpunkt noch die Herkunft des Ausgangsmaterials sollen entschlüsselt werden können. Aber man sieht, dass sich ihr Aktionsradius vergrößert hat, ebenso wie die Radikalität ihrer Bildfindungen. „Diese Arbeiten bestehen aus bis zu 150 Einzelteilen“, sagt die Fotografin über ihre großformatigen Stadtlandschaften. Sie bedient sich dazu aus einem Archiv von eigenen Aufnahmen, die sie auf Reisen macht. Aus ihnen setzt sie monströse, hybride Architekturen zusammen und eine alles überwuchernde Betonurbanität. Die scheint nicht altern zu können, sondern verwahrlosen zu müssen, verwundet von Kriegen und Heimatlosigkeit. Beate Gütschow führt Konstruktionsregeln und den Formenkanon der Moderne ins Absurde. Menschen können da nur als winzige Statisten vorkommen. Dass diese Stadtlandschaften strikt Schwarzweiß-Prints sind, macht sie noch trostloser, lässt sie aber auch wie Dokumentationen von schon Vergangenem erscheinen.

Nichts liegt Beate Gütschow ferner, als etwas vordergründig vorzuführen oder zu kritisieren. Ihre Arbeiten sind zuerst Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung und Funktionalisierung von Fotografien. Das Vertrauen, dass die technischen Geräte wahre Bilder liefern, hält sich auch heute hartnäckig, obwohl digitale Manipulationen Alltag geworden sind. Fast logisch erscheint es da, dass Beate Gütschow die fotografierten Objekte nun ganz von dem Zwang, Wirklichkeit widerzuspiegeln, befreit. In einer Serie, die erstmals in Dresden zu sehen ist, verwandelt sie banale Utensilien und Oberflächen zu magischen Stillleben und lässt sie in Leuchtkästen hintergründig strahlen.


Beate Gütschow: „place(ments)“, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kunsthalle im Lipsiusbau, bis 17. Januar 2010
Sigrun Hellmich
ist Kunstwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Sie lebt in Leipzig.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2009

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