Rot, Gelb, Blau – Leni Hoffmann im Museum Ludwig


In den Rang einer Enkelin Tatlins und Rodtschenkos erhoben, platziert die Künstlerin Leni Hoffmann fünf Arbeiten vor und im Museum Ludwig. Was auf Partizipation hin ausgelegt ist, darf nicht unbedingt immer auch benutzt werden.
Ist es Scheu, die die Besucher des Museums Ludwig davon abhält, die Installation Flipper der Künstlerin Leni Hoffmann zu benutzen? Die Arbeit aus Knetmasse, Beton und Vinylsitzkissen bildet den Auftakt zu der Ausstellung RGB der 1962 in Bad Pyrmont nahe Hameln geborenen Künstlerin. Mitten in der Eingangshalle des Museums hat Leni Hoffmann an zwei weißen Säulen riesige palettenförmige Sitzflächen angebracht. Die beiden Formen aus Beton, überzogen mit einem hellgrünen und einem gelben Sitzkissen ragen weit in den Raum hinein. Die Bodenfläche ist kreisförmig um die Installation herum mit türkisfarbener Knetmasse überzogen.
Was zum Verweilen einlädt, darf seit einiger Zeit nicht mehr benutzt werden. Zu gefährlich sei das, meint ein Museumswärter, der abgestellt ist, dafür zu sorgen, dass sich niemand hinsetzt. Bevor der zuständige Museumsreferent die Benutzung untersagt hat, meint er, kletterten bis zu 20 Personen, darunter viele Kinder, auf der Installation herum. Die tanzten und tollten. Was passiert, wenn eine der schweren Betonplatten, die obendrein an tragenden Säulen befestigt sind, herunter bricht, mag er sich nicht vorstellen.
Leni Hoffmanns aktuelle Ausstellung bezieht sich auf eine Projektreihe des Museums Ludwig. Aus Anlass des 100. Geburtstags des futuristischen Manifests und des wenig später veröffentlichten Manifests der russischen Avantgardisten-Gruppe Hylea, packt das Museum seine Schätze aus: Eine der weltweit größten Sammlungen der Russischen Avantgarde besitzt es. Leni Hoffmann, in den Rang einer „Enkelin“ der russischen Künstler erhoben, soll durch ihre Ausstellung die Ideen der Russen in die Gegenwart transportieren. Rodtschenkos Enkelin
Eine Verwandtschaft ergibt sich durch das Bekenntnis zu einer alltagsnahen und sozialen Kunst. Aleksandr Rodtschenko löste Anfang des 20. Jahrhunderts die Malerei von der Leinwand ab und ließ sie sich in den Raum ausdehnen. Leni Hoffmann denkt dies weiter, indem sie Malerei in bestehende Architektur einbaut und dreidimensional werden lässt. Verwandt ist sie darin auch Wladimir Tatlin, dessen „Großer Turm“ 1917 Kunst mit Architektur verband. Was passiert, wenn ein Kunstwerk, das auf Partizipation des Betrachters ausgelegt ist, nicht benutzt werden darf? Sind es die zerstörungswütig veranlagten Besucher, die den idealistischen Traum der Russen und ihrer Nachfolgerin Leni Hoffmann von einer Kunst der Partizipation zunichte machen? Oder muss man der Künstlerin Fehler bei der Konzeption ihrer Arbeit vorwerfen? Müsste die Installation stabiler gebaut sein und den Gesetzen der Statik gehorchen? Sollten die eleganten Formen zusätzlich gestützt werden, vielleicht sogar ungefährlicher Kunststoff anstelle von Beton verwendet werden?
Vielleicht müssen Hoffmanns Installationen nicht benutzt werden können. Vielleicht lässt sich der von den Museumsmachern beschworene Dialog aus Kunstwerk, Raum und Betrachter auch herstellen, wenn der Betrachter betrachtet und nicht ausprobiert. Leni Hoffmann, die in Freiburg, in der Außenstelle der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Professorin ist, hat ihre aktuellen Arbeiten bis 2010 datiert. Sie verändern sich. So speichert etwa der Knet-Boden, der ein leise quatschendes Geräusch hören lässt, wenn einer darauf geht, hunderte Spuren von Turnschuhen, Stiefelettchen, Öko-Schlappen und High-Heels.
Eine Kunst-Sitzecke für das Museum Ludwig
Insgesamt fünf Arbeiten hat Leni Hoffmann vor und im Museum platziert. Wer die Eingangshalle verlässt und über die Treppe das erste Stockwerk erreicht, trifft links an der Ecke auf die Arbeit munka. Vis-à-vis von Sigmar Polkes Fensterfront von 1994 hat die Künstlerin einen horizontalen Streifen Mauer mit pinkfarbener Knete bezogen. Zwei Streifen, einer grün, einer grau, ziehen sich hindurch. Zwei Sitzflächen, wieder Formen aus Beton, sind an beiden Seiten des Mauerecks angebracht: eine Kunst-Sitzecke. Die Knetfläche ist nicht glatt. Aus der pinken Masse hat Leni Hoffmann, wie in vielen ihrer Arbeiten, Arabesken herausgearbeitet, die an sich kräuselnde Farnblätter antiker Säulen-Kapitelle erinnern.
Durch mehrere Picasso-Räume hindurch, vorbei an einem Kopf Giacomettis mit langer Nase, betritt man den Saal mit Hoffmanns Arbeit harah. Zwölf von insgesamt 40 Scheiben einer breiten Fensterfront hat die Künstlerin mit Knetmasse überzogen. Grün, gelb und rot verkleidet entziehen sie die Domkulisse teilweise dem Blick des Hinausschauenden. Die fröhlichen Knetfarben korrespondieren mit den übrigen Arbeiten in dem Raum, mit Bildern von Ferdinand Léger und André Masson. Auch sie benutzten wie Hoffmann (und die russischen Avantgardisten) Schwarz, Weiß und Rot, Gelb und Blau – in der Fachsprache der Drucker und Grafiker kurz RGB genannt.
Geadelter Alltag
Zwei Arbeiten hat Hoffmann im Außenraum angebracht: eine auf der Museums-Dachterrasse mit Blick auf Dom und Sankt Martin und eine vor dem Südeingang des Museums. Diese zweite Arbeit wirft den Besucher aus der ruhigen Museumsatmosphäre direkt in den Verkehrslärm Kölns. An einer U-Bahn-Baustelle hat Leni Hoffmann einen kleinen Teil der Straße für ihre Arbeit memnun oldum reklamiert. Ein Stück Straße, versehen mit Baustellen-Spuren, schwarzem Teer und schmutzigen Kupferplatten, umrahmt sie mit einer Art orangefarbenem Rettungsring. Um diesen ersten Rahmen herum stehen Blumenkübel im Halbkreis. Einen dritten Rahmen bilden die Autos, die sich fortwährend in den dichten Verkehr der Straße einfädeln, stocken, hupen und wieder anfahren. Leni Hoffmann deckt hier mit einfachen Mitteln Ästhetisches auf. Sie adelt ein Stück Alltag, indem sie eine Baustelle in den Rang eines Kunstwerks erhebt. Verena Hütter
ist freie Autorin und Redakteurin. Sie lebt in München.
ist freie Autorin und Redakteurin. Sie lebt in München.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2009
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Links zum Thema
- Leni Hoffmann: „RGB“ im Museum Ludwig Köln (26.09.2009–28.03.2010)


- Katalog: „Leni Hoffmann – beautiful one day – perfect the next“, erschienen 2004 im Modo-Verlag

- Katalog: „Leni Hoffmann UBIK“, erschienen 1997 bei Hatje Cantz


- Deutsche Stiftung Kulturlandschaft: Über Leni Hoffmann

- Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe











