Von Hunden und Menschen – die Documenta 13 in Kassel


Die 1955 erstmals ausgerichtete und seit 1977 regelmäßig alle fünf Jahre in Kassel stattfindende Documenta verspricht als einzigartige Großausstellung zeitgenössischer Kunst immer auch eine Analyse der Gegenwart. Während ihrer Laufzeit von 100 Tagen präsentiert die Documenta 13 einen subtilen Blick auf einen zerbrechlichen Weltzustand.
Es wird wohl ein Schreibfehler gewesen sein, der auf der Presseliste der Ausstellungsorte der Documenta im Jahr 2012 das Gebäude der Kasseler Handwerkskammer zur „Hundwerkskammer“ werden ließ.
Trotzdem stutzt man kurz, ob sich dahinter nicht einer jener (anti-)konzeptuellen Kniffe von Carolyn Christov-Bakargiev verbergen könnte. Die US-amerikanische Kuratorin und künstlerische Leiterin der dOCUMENTA 13 war schon Wochen vor der Eröffnung der 100-tägigen Ausstellung mit verschiedenen, teils zunächst verwirrenden Äußerungen zu ihrem Konzept in den Medien zitiert worden.
„Dogumenta“ oder Documenta?
Einerseits beharrte Christov-Bakargiev darauf, „kein Konzept“ für die dOCUMENTA 13 zu haben; andererseits ist von einer „ganzheitlichen und nichtlogozentrischen Vision“ die Rede, von der die Ausstellung angetrieben sei. In einem Interview spekulierte die Kuratorin darüber, wie Erdbeeren zu politischen Akteuren werden können und stellte fest, dass es keinen fundamentalen Unterschied zwischen Menschen und Hunden gebe, was der Ausstellung bereits im Vorfeld den spöttischen Titel „Dogumenta“ bescherte.

Wer in den letzten Jahren jedoch Texte von so unterschiedlichen Autoren wie Dietmar Dath, Bruno Latour oder Donna Haraway gelesen hat, konnte bald vermuten, dass Christov-Bakargievs Anspruch, „das menschliche Denken nicht hierarchisch über die Fähigkeiten anderer Spezies und Dinge zu stellen“, keineswegs mit Spaßaktionismus zu tun hat, sondern durchaus eine als „öko-feministisch“ bezeichnete Methode ist, „traumatische Momente, Wendepunkte, Unfälle, Katastrophen und Krisen“ mit kuratorischen Mitteln zu interpretieren und weiterzudenken.
dOCUMENTA 13 – Impressionen; © Südpol-Redaktionsbüro/M. Conrads
Ein „assoziativer Raum der Forschung“
Der gedankliche Zugang zur dOCUMENTA 13 eröffnet sich idealerweise in einem Raum des Fridericianums, dem die Ausstellungs-Choreografie eine besonders hervorgehobene Position zuweist: dem „Brain“, gedacht als „assoziativer Raum der Forschung, in dem anstelle eines Konzepts eine Reihe von Kunstwerken, Objekten und Dokumenten versammelt sind“. Darunter finden sich neben aktuellen künstlerischen Arbeiten von Judith Hopf, Judith Barry oder Tamara Henderson auch Gegenstände, die die US-amerikanische Fotografin Lee Miller als Kriegsberichterstatterin in Adolf Hitlers Wohnung an sich nahm, ein Funktionsmodell des Computerpioniers Konrad Zuse oder „Objekte, die im libanesischen Bürgerkrieg beschädigt wurden“.
Außerhalb des „Brain“ will die Ausstellung auf vielen Wegen entschlüsselt werden. Das ist bei dieser dOCUMENTA 13 durchaus wörtlich zu nehmen, sind doch diesmal die Arbeiten der insgesamt knapp 300 gelisteten Teilnehmer – unter Bezeichnungen wie „Künstler“, „Nicht-Kunst-Künstler“, „Feministische Wissenschaftlerin“, „Erfinder“, „Saatgut-Aktivistin“ oder „Kritikerin“ – nicht nur auf die „klassischen“ Documenta-Ausstellungsorte wie das Fridericianum, die Neue Galerie, die Documenta-Halle, das Ottoneum, die Orangerie und den Hauptbahnhof verteilt.
Sie sind auch großzügig in der bei der letzten Documenta vernachlässigten Karlsaue verstreut: jener öffentlichen, 1,5 Quadratkilometer großen barocken Parkanlage, die das Bild des im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstörten und danach teils im modernistischen Stil wiederaufgebauten Kassel entscheidend prägt.
Ruheplätze und rasende Ritter
In der Karlsaue befinden sich, wie in einem Märchengarten der aus Kassel stammenden Brüder Grimm, Installationen, Skulpturen, Soundarbeiten, Landschaftsarchitekturen und Pavillons von etwa 60 Künstlern. Hierzu gehören die bereits 2010 als erste Arbeit der dOCUMENTA 13 errichtete Idee di pietra von Giuseppe Penone (ein Fels, der auf einem Baum ruht), die „Mangold-Fähre“ von Christian Philipp Müller, bei der mit Mangoldbeeten gespickte Kähne auf einem Kanal begangen werden können, das Sanatorium von Pedro Reyes, in dem man sich „soziatrisch“ – gegen urbane Missstände – behandeln lassen kann oder der zentral gelegene Doing Nothing Garden des chinesischen Künstlers Song Dong: ein künstlicher Hügel, an dessen Fuß die Besucher mit Blick auf die Orangerie offensichtlich gerne ausruhen.

In einem den Gebrüdern Grimm gewidmeten Museum am Rande der Karlsaue schließlich wird als Teil der dOCUMENTA 13 bezeichnenderweise – auf Video und Foto – gezeigt, wie sich der bulgarische Künstler Nedko Solakov als Ritter austobt.
Documenta global
Überhaupt spielt die Begegnung mit „Natur“ bei dieser Documenta eine entscheidende Rolle, wenn auch nicht im Sinne des „Naturschönen“, sondern als Bestandteil eines ins Ungleichgewicht geratenen Weltzustandes. Manche Arbeiten weisen darauf eher dezent hin, wie The Lover, Kristina Buchs Freilichtinstallation mit lebenden Schmetterlingen. Andere sind politischer und drastischer, wie Maria Thereza Alves The Return of a Lake, ein Werk, das die gegen die indigene Bevölkerung gerichtete Wasserpolitik am Chalco-See in Mexiko-Stadt thematisiert.

Wenn Alves, wie man im Katalog lesen kann, dort während der Eröffnung der dOCUMENTA 13 mit einer Gruppe von Ureinwohnern künstliche Inseln zur nachhaltigen Bewirtschaftung der Seeregion schafft, dann steht diese Arbeit stellvertretend für eine so fragwürdige wie faszinierende Idee der Kuratorin Carolyn Christov-Bakargievs. Demnach will die dOCUMENTA 13 eine „räumliche Wende“ vollziehen, bei der die bloßen Vorstellungen über entfernte Orte ebenso wichtig sind, wie der Blick auf die in Kassel ausgestellten Werke.
Und so findet die dOCUMENTA 13 laut Christov-Bakargiev tatsächlich mehr oder weniger virtuell und ganzheitlich auch in Kabul, Alexandria, Kairo und im kanadischen Banff statt. Ob die bloße Vorstellung reicht?
lebt als freier Autor in Berlin und unterrichtet Visuelle Kommunikation an der dortigen Universität der Künste.
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Juni 2012
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