Design in Deutschland

Funktionell, klar und unaufdringlich: Design aus Deutschland

TAC Teeservice, Walter Gropius, Rosenthal, 1967, Cop: Rosenthall AG
Herstellung Thonet, © Stefan Diez Office
Genio für Rosenthal, © Ingmar Kurth
Deutsche  Brunnen Einheitswasserflasche, Günter Kupetz, 1969, © Informationszentrale Deutsches Mineralwasser ( IDM )
Tischleuchte, Wilhelm Wagenfeld, 1923/24, © Tecnolumen
Egal, ob Mailand, Miami oder Basel: Die wichtigsten Designmessen der Welt präsentieren heute das sogenannte high-end Design – rar, teuer und vor allem limitiert. Es beherrscht längst die öffentliche Wahrnehmung der Disziplin und konterkariert dabei ihren ureigenen Kontext: das industrielle Serienprodukt.
Von dieser Entwicklung nahezu unberührt erscheint nur das deutsche Design zu sein. Es funktioniert, ist technisch ausgereift und von kühl-sachlicher Erscheinung.

Die neue Nähe des Designs zur Kunst ist auf der ganzen Welt spürbar. Denn scheinbar hat nur das Spektakuläre in Zeiten der Globalisierung eine Chance, genügend Aufmerksamkeit zu erzielen. Und man kann sich des Gefühls kaum verwehren, dass das klassische Industriedesign auf bestem Wege ist, sich selbst abzuschaffen.
Aber auf der Mailänder Möbelmesse 2008 ließ sich auch entdecken, dass es noch anders geht. Neben all jenen, die vor allem den Event suchen, gibt es noch Designer, die ihre Profession nahezu altmodisch ernst nehmen. Eine Ernsthaftigkeit, die man beispielsweise in dem Stuhl Myto von Konstantin Grcic für die Firma Plank erleben konnte. Was macht ihn im Zuge der Mailänder Messe zu einer Ausnahmeerscheinung?
Überraschende Kombinationen
Es gibt tausende Freischwinger, gute und schlechte, aber der letzte, der sich mit einem Freischwinger aus Kunststoff – einem damals eher spröden Material – beschäftigt hat, war vor 40 Jahren Verner Panton. Heute gibt es andere Kunststoffe mit Eigenschaften, die ein anderes Design und innovative Konstruktionsprinzipien zulassen. Es ist möglich, unserer Zeit adäquate Formen und Produkte zu schaffen, die frisch und unverbraucht unsere Alltagskultur bereichern können. Auch der Designer Stefan Diez, der eine zeitlang bei Grcic arbeitete, ist nicht ohne Grund in der gleichen Kategorie tätig. Nur für ihn ist in der Tat das Material viel öfter Ausgangspunkt seiner Entwürfe.

Diez lotet mit der Leidenschaft eines Forschers die Möglichkeiten der Werkstoffe aus und kommt zu überraschenden Kombinationen. Dabei sind sie niemals Selbstzweck, sondern dienen beispielsweise der Entwicklung neuer Produkttypologien wie bei seiner Serie genio für Rosenthal, bei der er Porzellan und Metall derart kombiniert, dass die Zubereitung von Speisen und deren Präsentation am Tisch aus denselben Formen geschehen kann. Diez’ Produkte sind immer schlüssig und bis zum Detail konsequent für ihre Nutzer gestaltet.
Für Thonet entwarf er jüngst einen Bugholzstuhl, die Form 404. Und es gelang ihm, im Umfeld der großen Namen der Moderne, sowohl dem Material als auch der Form noch etwas Neues abzutrotzen, einen innovativen Ansatz zu formulieren, der sich – und darin liegt seine Stärke – ganz natürlich in die Reihe der bestehenden Bugholzklassiker einzuordnen weiß.
Problemlösung für den Menschen
Diez und Grcic sind längst mit Designpreisen hoch dekoriert und international erfolgreich. Und doch stehen sie wie viele andere deutsche Designer ihrer Generation auch in der Tradition einer spezifisch deutschen Designauffassung, einer in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entwickelten Idee, die – vereinfacht dargestellt – Gestaltung zuallererst als Problemlösung für den Menschen definierte. Der deutsche Werkbund, gegründet 1907, das Bauhaus in den 1920er-Jahren und die Ulmer Hochschule in den 1950er- und 1960er-Jahren waren die prägenden Institutionen der Moderne, die die Idee einer allumfassenden Umweltgestaltung verfolgten.

Für die öffentliche Kommunikation dieser Auffassung sorgen seit über 50 Jahren Designförderinstitutionen wie der Rat für Formgebung, das Designcenter Stuttgart oder das Internationale Design Zentrum Berlin.
Kern der Botschaft: Design dient dazu, Lösungen für die Interaktion zwischen Mensch und Produkt und – in einer übergeordneten Dimension – Lösungen für die soziokulturellen Veränderungen der Industriegesellschaft zu entwickeln. Dieses Selbstverständnis prägt bis heute das deutsche Design in seiner sachlich-kühlen Erscheinung.
Porsche Carrera 911, Originalversion, F.A. Porsche 1963, Cop: Porsche AG

Mono A Besteck, Peter Raacke, 1959, cop: mono Metallwarenfabrik Seibel GmbH
Schranksystem SL, Interlübke, Rolf Heide, 1961, Cop: Gebr. Lübke GmbH & Co. KG
Apple Macintosh II c, Hartmut Esslinger, 1984, Cop: Apple Computer
Marcel Breuer, Wassily Chair, 1928, cop: Knoll International
Phonosuper SK4 von 1956, Designer Hans Gugelot/Dieter Rams, Cop: Braun GmbH
Chair One, Konstantin Grcic, Magis, 2004, cop: Magis

Myto; Konstantin Grcic, 2007/08,  © Konstantin Grcic; PLANK Collezioni Srl, Italien

Sachlich-kühle Ästhetik
Denn vordergründige Emotionen sind im deutschen Produktdesign bisher eine Ausnahmeerscheinung. Selbst bei einem zugegebenermaßen hoch emotionalen Produkt wie dem Porsche 911 hatte sein Schöpfer, Ferdinand Alexander Porsche, die Vorstellung, ein möglichst neutrales Fahrzeug zu entwerfen. Das ist ihm nicht gelungen, vielmehr hat er eine Ikone erschaffen. Denn seit 45 Jahren gibt es diese Form, ohne dass sie merklich verändert wurde. Und neben dem Stuttgarter Sportwagen bestimmen noch etliche weitere Longseller das Bild des Designs in Deutschland. Peter Raackes Mono A-Besteck (1959), Günter Kupetz’ Mineralwasserflasche (1969) oder Rolf Heides Schranksystem SL für interlübke (1963) wurden gerade deshalb zu Ikonen des Alltags, weil sie durch ihre gestalterische Klarheit bis heute kaum visuelle Abnutzungsspuren aufweisen.
Materialien der Moderne
Gerade seine Klarheit ermöglichte es dem deutschen Design schon frühzeitig international Anklang zu finden. So ist der weltweite Erfolg vieler Produktmarken der Gebrauchs- und Investitionsgüterindustrie darauf zurückzuführen, dass sie in den Alltag aller westlichen Industriegesellschaften ohne weiteres integrierbar waren. Stahl, Schichtholz, Kunststoff und Glas bilden die Materialpalette des deutschen Designs. Es sind die Materialien der Moderne, die überall in der industrialisierten Welt zum Einsatz kamen und in ihrer nationalen Anonymität zugleich über eine ungeheure Symbolkraft verfügen. Das globalisierte Produkt war bereits Realität, bevor die Diskussion, wie ein solches auszusehen hätte, vor kurzem an Dynamik gewann.
Internationales Interesse am deutschen Design
Seit einigen Jahren erleben wir wieder verstärkt internationales Interesse am deutschen Design. Auch wenn ein Apple iPod jede Form haben könnte, weil ein Mikrochip keine Auskunft darüber gibt, welche Form für seine wahrnehmbare Gestaltung angemessen sei, wählte der britische Designer Jonathan Ive eine Formensprache, die dem Braun-Design eines Dieter Rams aus den 1960er Jahren verblüffend ähnelt. Vermutlich war der Audi TT von Peter Schreyer aus dem Jahr 1998 das erste Produkt, das die weltweite Designgemeinde wieder nach Deutschland schauen ließ. Schreyer ließ die Postmoderne von heute wie die klassische Moderne des vergangenen Jahrhunderts aussehen: Ein Auto, so radikal simpel aus Kreisformen aufgebaut, als sei es aus dem Zukunftslabor des Bauhauses geschlüpft.
Geprägt von Unternehmensmarken
Tatsache ist, dass seine unaufdringliche Erscheinung immer noch zu den auffälligsten Merkmalen des deutschen Designs gehört. Dies gilt nicht nur für Produkte, sondern auch für ihre Protagonisten. Designer, die mit einer Künstler-Attitüde in den Vordergrund treten, bilden nach wie vor eine Ausnahme. Luigi Colani mag eine solche, im eigenen Land immer heftig umstrittene Ausnahmeerscheinung sein. Jil Sander ist es gewiss für den Bereich der Mode. Aber selbst Dieter Rams, der prägende Gestalter des technischen Minimalismus, ist nur für die internationale Designgemeinde eine Ikone, gefolgt vielleicht von dem bereits erwähnten Konstantin Grcic für die folgende Generation. Das deutsche Design ist nach wie vor von Unternehmensmarken geprägt. Audi, BMW, Mercedes-Benz, Dornbracht, Erco, interlübke, Miele, Rosenthal, WMF – um nur einige zu nennen – sind zunächst einmal anonyme Industriemarken. Die Persönlichkeiten, die sich dahinter verbergen, kennen nur wenige. Das spezifisch Deutsche dabei: In kaum einem anderen Land existieren so starke Marken, die durch ihre eigenständige Erscheinung geprägt sind. Mit ihrem unverwechselbaren Design kommunizieren sie heute attraktive Werte, Lifestyles und Identifikationsmuster für globale Zielgruppen. Nicht spektakulär, aber immer identifizierbar und damit weltweit wettbewerbsfähig.
Andrej Kupetz
ist Geschäftsführer und Fachlicher Leiter des Rats für Formgebung/German Design Council und schreibt für Designmagazine wie design report, form u.a.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2008
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