Ralph Ammer – interaktives Design und neue Formen der Kommunikation

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Über die Stirnwand eines Raumes breitet sich ein gigantisches Spinngewebe aus. Das Spiegelbild des Besuchers fällt auf das Netz und ist in den Maschen gefangen. Der Besucher und sein Abbild bewegen sich zur Seite. Das Spinnennetz gibt nach, aber verdichtet sich an den Stellen, wo der Schatten zu entkommen versucht.
Die virtuelle Installation Being not truthful - bestehend aus einem Computer, an den eine Kamera und ein Projektor angeschlossen sind – ist ein Projekt von Ralph Ammer, junger Star des interaktiven Designs aus Berlin in Zusammenarbeit mit Stefan Sagmeister aus New York. |
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Während ehemals graphische Bedienoberflächen, Tastatur, Maus und Bildschirm den Zugang zu elektronischen Welten öffneten, haben interaktive Systeme eine „sensible“ materielle Benutzerschnittstelle (Interface). In diesem Falle ist es der Schatten des Besuchers, durch den der Mensch über seine Gebärden in das virtuelle Geschehen eingreift. Durch permanent ablaufende Rückkopplungseffekte wechseln sich Mensch und Maschine in der Rolle des Agierenden bzw. Reagierenden ab.
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Ausloten von technologischen Grenzen
Interaction Design ist eine Zukunftsbranche und die Technologie mit multisensorischen Schnittstellen steht erst am Anfang. In einigen Bereichen, wie der Ausstellungsgestaltung oder bei Lernprogrammen für die Schule konnte die neue Technik mit Erfolg eingesetzt werden. Aktuelle experimentelle Projekte versuchen Fühlen, Hören, Sehen, Raum und Orientierung, Logik und Phantasie durch technische Systeme zu imitieren und für Anwendungen im Alltag nutzbar zu machen.
Die Werke von Ralph Ammer sind beispielhaft für diese „junge Szene“. Er gehört zu einer Generation, die mit Skateboard und Laptop aufgewachsen ist, versehen mit einem Übermaß an Talent und unkonventionellen Ideen. Die Avantgarde der neuen Fachrichtung ist international vernetzt. Ammer, im Rottal geboren und in Passau aufgewachsen, lernte sein Handwerk als Kommunikationsdesigner an der Universität der Künste Berlin. Die Projekte des Designers zeichnen sich durch seine Fähigkeit aus, komplexe und vielschichtige Konzepte auf ein logisches Grundprinzip zu reduzieren, um sie dann nach einem prägnanten formalen System zu visualisieren und zu variieren. |
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Trotz der Vereinfachung gelingt es ihm durch die Vielfalt von Details die Faszination der Komplexität zu erhalten. Auftragsarbeiten für die Expo 2000, die Museumsinsel und das jüdische Museum in Berlin gelten als Pionierleistung auf dem Gebiet des interaktiven Designs und sicherten ihm und seinen Partnern internationales Renommee. Als einer der jüngsten Professoren für Design mit digitalen Medien in München verblüfft er seine Studenten dadurch, dass er bei Vorlesungen auf Powerpoint-Demonstrationen verzichtet. Stattdessen zeichnet er mit digitalem Bleistift seine Konzepte auf die Projektorwand – fast wie ehedem Professoren mit Kreide an der Tafel.
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Kidai Shoran - eine Stadt der Vergangenheit wird zum Leben erweckt
Das Projekt Kidai Shoran anlässlich der Wiedereröffnung des Museums für Ostasiatische Kunst in Berlin ist exemplarisch für den Einsatz von interaktivem Design als didaktischem Instrument. Kidai Shoran, eine kostbare 12 Meter breite Bildrolle, zeigt detailliert den japanischen Alltag in der Einkaufsstraße von Edo, dem heutigen Tokyo, um 1800. Es handelt sich dabei um Darstellungen von mehr als 1.000 Menschen aus verschiedenen Berufen und gesellschaftlichen Klassen, dazu über 100 Läden, Werkstätten und Gasthäuser. Ein internationales Team aus Japanologen hatte die unzähligen Details des Bildes und ihren Kontext in einem opulenten wissenschaftlichen Werk erfasst. Wie konnte man dieses Meisterwerk japanischer Kunst für Besucher verständlich machen und die Fülle der Informationen filtern und zu Antworten auf Fragen von Besuchern bündeln?
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Das Team der Designer - Joachim Sauter, Ralph Ammer, Stephan Huber und Tobias Schmidt - verbanden Text und Bild mit einer Datenbank und setzten unter das digitale Panorama eine Wegachse mit Standortanzeiger. Der Besucher kann sich virtuell am Bildschirm auf einen Spaziergang durch die 700 Meter lange Straße begeben und in Begleitung eines Samurai, eines Mönches oder sogar eines Hundes, aus verschiedenen Sichtweisen das bunte Straßenleben erkunden. Dabei sind die Darstellungen im Bild mit entsprechenden Textbeschreibungen über den wirtschaftlichen und historischen Hintergrund und Übersetzungen von Bildtafeln zu einer äußerst komplexen narrativen Struktur verknüpft.
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Im individuellen Wechselspiel von Bild und Text gewinnt der Betrachter eine lebendige und profunde Vorstellung von Kidai Shoran. Ammer sieht seine Arbeiten im Schnittpunkt von Kunst- und Designdiskurs: „Während ich in der Kunst meine Vorstellungen ausdrücke, stellt mein Design eher die Bemühungen dar, in die Welt einzugreifen. So lassen sich Bilder erzeugen, die etwas bewusst machen. Zum Beispiel können abstrakte wissenschaftliche Statistiken zur Luftverschmutzung oder Armutsverteilung in eine geographische Karte eingearbeitet werden. Manchmal ist es erst diese Visualisierung, die ein Bewusstsein schafft von der Dringlichkeit zu handeln und etwas zu verändern.“ |
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Christian Burchard
ist Dozent für Ästhetik und Designtheorie an der Fachhochschule München und Mitarbeiter am Deutschen Museum.
ist Dozent für Ästhetik und Designtheorie an der Fachhochschule München und Mitarbeiter am Deutschen Museum.
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September 2007













