Beta Tank – Designkunst auf Reisen

|
Design oder Kunst? Die Objekte von Beta Tank sind nur schwer einzuordnen. Doch manchmal müssen sie als Kunst oder Design klassifiziert werden. Denn wenn die Produkte auf Reisen den Zoll passieren, hängt davon die Höhe der Steuer und der Zollgebühr ab. Ein System, das Beta Tank analysiert und kritisiert – mit dem Projekt „Taxing Art“, über das im Gestalten Verlag vor Kurzem auch ein Buch erschienen ist. Taschen, die durchwühlt werden. Koffer, die man öffnen muss. Fragen, die einem kritisch guckende Zollbeamte stellen. Die meisten Reisenden sind froh, wenn ihnen dieses Szenario erspart bleibt. Außer Eyal Burstein. Der in Berlin lebende Designer mit israelischen Wurzeln legt es auf seinen Geschäftsreisen sogar darauf an, am Zoll angehalten und kontrolliert zu werden. Denn Burstein aka Beta Tank interessiert sich dafür, wie Zollbeamte auf seine Objekte reagieren. Wie klassifizieren sie zum Beispiel den B-side table? Ein Holztisch, dessen eine Hälfte wie ein ganz normaler Tisch aussieht und industriell produziert wurde – während die andere Hälfte eine von Hand künstlerisch verzierte, lagenartige Oberfläche hat. Ist das ein Möbelstück, eine Skulptur – oder beides? |
|
| ||
|
Zollbeamte als Designexperten
Eine Frage, auf die es unterschiedliche Antworten gibt. Denn von Land zu Land legen die jeweiligen Zoll- oder Steuergesetze fest, was Kunst und was Design ist. Auf Zwitterobjekte wie die von Beta Tank müssen entweder die Kriterien eines Kunstwerks oder die eines Designprodukts angewendet werden. Konkret bedeutet das, dass ein x-beliebiger Zollbeamter entscheiden kann, ob es sich seiner Einschätzung nach um ein Design- oder ein Kunstobjekt handelt. Davon abhängig ist die Höhe der zu bezahlenden Steuer. In Deutschland zum Beispiel beträgt die Mehrwertsteuer für einen Gebrauchsgegenstand mit kommerziellen Charakteristika 19 Prozent, während Kunst hingegen als nicht-funktional betrachtet und nur mit 7 Prozent besteuert wird.
Beta Tanks ironisches Verwirrspiel
Eine Situation, die Eyal Burstein als grotesk empfindet. Denn wo hört Design auf und wo fängt Kunst an? Wer entscheidet mit welchem Wissen darüber? Genau an diesem Punkt setzt Beta Tank an. Die Frage, ob etwas Design oder Kunst ist, sei heutzutage nicht mehr von Bedeutung. „Die Grenzen zwischen den beiden Disziplinen verschwimmen immer mehr“, sagt Eyal Burstein. Weil er auf das Missverhältnis von Gesetzgebung und Realität aufmerksam machen will, hat er das Projekt Taxing Art ins Leben gerufen. Taxing Art bedeutet zum einen Steuer-Kunst, Kunst einschätzen – zum anderen kann man den Begriff auch im Sinne von Kunst, die anstrengend ist, verstehen. Im Zentrum des Projekts stehen fünf Produkte, die so doppelbödig sind wie der Titel Taxing Art selber: Stühle und Tische, die nicht klar als Kunst oder Design definierbar sind und so auf ironische Weise die vorgegebenen Richtlinien unterlaufen.
Ein Tisch mit zwei Seiten
Unter den Objekten, die er ursprünglich für die parallel zur Kunstmesse Art Basel stattfindende Designmesse Design Miami/Basel entworfen hat, gehört auch der B-side table. Oder ein Tisch, dessen Fläche aus 119 kleinen, beweglichen Holzteilchen zusammengesetzt ist. Per Hand kann man den Pyramid Table in eine Skulptur verwandeln. Man muss dafür nur die Holzteile mit der ebenen Seite umdrehen. Schauen die Pyramiden dann nach oben, ist die Arbeitsfläche nicht mehr als solche zu benutzen. Folglich hat man es laut dem deutschen Gesetz mit Kunst zu tun.
Wenn Objekte reisen
Burstein schickte seine Objekte noch auf weitere Reisen: Zu einer Ausstellung nach Barcelona, nach Istanbul zur Designwoche, ins arabische Katar und schließlich zurück nach Berlin. Die Erfahrungen, die er hierbei mit seinem eigenen Buchhalter, der Logistikfirma und unterschiedlichen Zollbeamten machte, kann man jetzt in einem Buch mit dem gleichnamigen Titel Taxing Art – When Objects Travel nachlesen. In dem Buch, das im Gestalten Verlag erschienen ist, wird einem vor allem eins klar: Wie beliebig darüber entschieden wird, was Kunst und was Design ist. Denn wie hätte es sonst passieren können, dass Beta Tanks Pyramid Table auf einer Reise an vier verschiedene Orte vier Mal unterschiedlich kategorisiert wurde? |
|
| ||
![]() |
In Barcelona war es ein Holztisch, in Istanbul war die Rede von „Teilen eines hölzernen Esstischs“. In Doha, der Hauptstadt von Katar, zählte derselbe Tisch plötzlich zu Eyal Bursteins persönlichen Gebrauchsgegenständen. Nur in Berlin sah man das Objekt schließlich als Skulptur an. Taxing Art ist eine typische Beta Tank-Arbeit. Denn Eyal Burstein betreibt Design als Forschung. „Ich interessiere mich für ein bestimmtes Thema, recherchiere und versuche es anhand von 3D-Objekten besser zu verstehen“, so Burstein. Eine Philosophie, die sich auch im Namen widerspiegelt: Beta im Sinne einer Beta Version, eines Testobjekts und Tank im Sinne von Think Tank. Beta Tank geht es – anders als vielen seiner Kollegen – nicht darum, einfach einen Tisch oder einen Stuhl zu entwerfen. Die Gegenstände sollen dazu dienen, einen intellektuellen Prozess oder gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar zu machen. Und das gibt es nicht so oft: Design, das zum Denken anregt.
Literatur-Tipp
Beta Tank Taxing Art. When Objects Travel. 160 pages, full color, flexicover Language: English ISBN: 978-3-89955-346-8 Gestalten Verlag
|
|




internet-redaktion@goethe.de








