Designer in Deutschland

Gespür für Gegensätze: Sebastian Herkner

Sebastian Herkner | © Studio Sebastian Herkner

Detail „Bask“ | © Studio Sebastian Herkner


Der Offenbacher Sebastian Herkner ist einer der Shootingstars des deutschen Designs. Seit er den Nachwuchspreis des Deutschen Designpreises gewonnen hat, ist er unversehens auch bei renommierten Auftraggebern gefragt.

Sebastian Herkner ist gerade auf dem Sprung. Von einem der vielen Nachwuchsdesigner, die versuchen, auf Messen und in Design-Blogs Publikum, Presse und Produzenten auf sich aufmerksam zu machen, hin zu einem gefragten Designer, um dessen Dienste sich renommierte Hersteller bemühen. Noch arbeitet der 1981 geborene Herkner alleine mit einem Praktikanten in seinem Studio, einer ehemaligen Lederwerkstatt in Offenbach, in der er auch wohnt. Doch seit einiger Zeit breiten sich dort die Arbeitsflächen immer mehr aus, und der Wohnraum wird immer kleiner. Die Zeiten, als Herkner in den Werkstätten der HfG Offenbach, wo er studiert hat und noch immer lehrt, wochenlang Prototypen selbst initiierter Entwürfe baute, um sie anschließend möglichen Interessenten zu präsentieren, dürften bald vorbei sein.

Körbe „Bask“ | © Studio Sebastian Herkner

Stehleuchten „Bell Light“ | © Studio Sebastian Herkner

Tisch „Bell“ | © Studio Sebastian Herkner

Sideboard „Tauber Cabinet“ | © Studio Sebastian Herkner


Seit er 2011 den Nachwuchspreis des Deutschen Designpreises gewonnen hat, melden sich immer häufiger namhafte Auftraggeber bei ihm. Damals, bei der Preisverleihung, war auf einmal Patricia Urquiola, die derzeit wohl einflussreichste Designerin der Welt, auf ihn zugekommen und hatte ihn umarmt. „Ich habe dir die Daumen gedrückt“, hat sie gesagt. Einige der neuen Kontakte hat er ihr zu verdanken. Und jetzt, sagt Herkner, arbeite er an acht Projekten gleichzeitig.
Umgedrehte Typologie
Entscheidend für diese Erfolgsgeschichte ist allerdings vor allem die Qualität seiner Entwürfe. So unterschiedlich seine Möbel und Leuchten auf den ersten Blick sein mögen, so sehr fällt an ihnen auf, wie scheinbar gegensätzliche Elemente eine Verbindung eingehen. Herkner bringt verschiedene Materialien, Farben, Funktionen, Herstellungstechniken und auch Vorlagen aus den unterschiedlichsten Kontexten zusammen, ohne dass es um bloßen Effekt, um einen Gag ginge: Für seine Stehleuchte Bell-Light kombinierte er zum Beispiel einen Ständer aus Vierkantholz mit einem zylindrischen, an einem Griff verstellbaren Leuchtenkörper, der an eine industrielle Arbeitsleuchte erinnert, mit einem auswechselbaren Schirm aus Kupfergitter, Blech oder Filz; fixieren lässt sich der Schirm mit einem Clip-Ring, den man von Farbeimern kennt. Sein Bell-Table wiederum, der sich von allen Entwürfen bisher am besten verkauft, besteht aus einem Fuß aus farbig getöntem Glas und einem Trichter aus Messing, der bündig aufgesteckt wird und die Tischplatte trägt. „Ich wollte die Typologie umdrehen“, sagt Herkner. „Normalerweise hat ein Beistelltisch einen schweren Metallfuß und die Glasplatte darauf, hier wirkt der Fuß leicht und zerbrechlich.“ Es war gar nicht so einfach, eine Glasmanufaktur zu finden, die getöntes Glas noch in dieser Größe bläst. Von Poschinger in Frauenau im Bayerischen Wald konnte es. Das Messing brachte die Metalldrückerei Cloos aus Bad Vilbel in die richtige Form. „Ich arbeite gerne mit traditionellen Verfahren“, sagt Herkner. Nicht nur, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass er vom Fachwissen und von der Flexibilität der Handwerker besonders profitiert, sondern auch, weil er es als eine nachhaltige Strategie versteht, traditionelle Verfahren zu bewahren.

Dass Herkner immer wieder auf bereits vorhandene Dinge zurückgreift, ist in gewisser Weise sogar noch nachhaltiger. So etwas wie den Verschlussring von Farbeimern setzt er gleich als Ready-made ein, die schöne Form eines Glassturzes macht er sich als Lampenschirm zunutze, und die kleinen Steckleuchten fürs Kinderzimmer, die er in Griechenland entdeckte, steckt er in einen zwölfeckigen Ring aus Schukosteckern: Heraus kommt ein Kronleuchter, an den man, wenn man möchte, auch das Stromkabel des Toasters auf dem Esstisch anschließen kann. Überhaupt arbeitet Herkner gern mit Kontextverschiebungen und Vorlagen aus unterschiedlichen Sphären: Die Konstruktion eines klassischen Holzfasses übertrug er auf einen Tischfuß aus Aluminiumleisten, das diagonal geknickte Blech von Lüftungsschächten auf ein Sideboardgehäuse, die Waschkaue, in der Bergleute früher ihre Kleidung aufbewahrten, auf einen Hängekorb für die Küche mit Lochblech und Haken, um Tassen darauf abzustellen oder Küchentücher aufzuhängen – je nach Bedarf lässt er sich wie die Vorlage auch mit einem Seil bis unter die Decke ziehen. Nur einen Hersteller hat Herkner dafür noch nicht gefunden.
„Clip Chairs“| © Studio Sebastian Herkner

Leuchten „Chalice“ | © Studio Sebastian Herkner

Tische „Ander“| © Studio Sebastian Herkner

Lernen vom Modedesign
Noch sind erst sechs seiner Entwürfe in Produktion, darunter der Clip Chair des niederländischen Unternehmens De Vorm. An dem von einem einfachen Küchenstuhl abgeleiteten Modell stechen insbesondere die Details hervor: Die unterschiedlich schrägen, von einer fünfachsigen CNC-Fräse ausgefrästen Winkel des Rahmens und die beiden schwarzen Clips aus PVC, die Rückenlehne und Beine miteinander verbinden. Auch hier kombiniert und kontrastiert Herkner wieder unterschiedliche Materialien und Farben auf überzeugende Weise. Das Gespür dafür, wie man solche Kombinationen austariert, hat er während eines Praktikums bei der britischen Modedesignerin Stella McCartney entwickelt. „Jetzt“, sagt er, „gehe ich oft wie ein Modedesigner vor, wenn ich Farben wähle. Ich arbeite nicht mit dem RAL-Fächer, sondern selektiere Farben aus Fotos.“
Der RAL-Fächer ist ein System von Standardfarben, entwickelt für die Industrie.


 
Markus Zehentbauer
ist Kunsthistoriker und arbeitet als freier Journalist und Lektor in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2011

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