Typisch deutsch? Die Gestalter Jehs + Laub

|
Jehs + Laub vereinen „typisch deutsche“ Gestaltungsmerkmale wie Funktionalität, formale Stringenz und Klarheit mit fantasievollem Materialeinsatz bei ungewöhnlichen Konzepten und verstehen sich als „europäische Designer“. Bei der Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd haben sich Markus Jehs (* 1965) und Jürgen Laub (* 1964) kennen gelernt. Die ersten Semester beobachteten sie sich gegenseitig eher kritisch, um dann auf den Rat eines Professors hin zusammenzuarbeiten. Bis heute klappt das sehr erfolgreich. „Wir haben uns schon als Studenten vorgestellt, wie es sein wird, wenn eines unserer Produkte auf der Mailänder Möbelmesse ausgestellt wird“, erklärt Markus Jehs ihre Motivation. 1992 machten sie gemeinsam ihr Diplom und 1997 war es dann endlich so weit: ihre Leuchte Constellation wurde von Nemo in Mailand präsentiert. Trotz der gemeinsamen Leidenschaft für Italien sind sie ihrer Heimat allerdings bis heute treu geblieben. Gutes Design entsteht im Team Mittlerweile leben sie in Stuttgart und arbeiten für Firmen wie Cassina, Fritz Hansen, Thonet, Renz, Ycam oder Cor. Cuvert heißt das Ensemble, das sie 2008 auf der Kölner Möbelmesse am Stand von Cor präsentierten, wegen der grafischen Ähnlichkeit mit den Linien auf der Rückseite eines gefalteten Briefkuverts. Aus dieser strengen Grundform heraus entfalten die Sofas, Sessel und Hocker ihr weiches, gepolstertes Inneres und bieten mit Leder- und Stoffbezügen hohen Sitzkomfort. Farbige Couchtische aus Acryl und Filzteppiche mit Wollapplikationen vollenden das Ensemble. Seit 2000 arbeiten sie mit Thonet zusammen. Bei dem Sofaprogramm 4000 gingen die beiden Gestalter bis an die Grenzen der machbaren Materialverformung und falteten das Sperrholz, als wäre es Papier. Ganz in der Bugholz-Tradition entstanden elegant geschwungene, segmentierte Holzschalen als Basis für die bequem gepolsterte Sitz- und Rückenfläche. „Die Auseinandersetzung mit modernen, aber gleichzeitig auch traditionellen Herstellungsmethoden wie der Verformung von Holz übt auf uns einen ganz besonderen Reiz aus“, meint Jürgen Laub. Denn Thonet ist nicht nur ein Möbelproduzent, sondern real existierende Designgeschichte. | |
| ||
|
Interesse an ungewöhnlichen Aufgaben 2002 begann die Zusammenarbeit mit Cassina. Jehs + Laub gestalteten die Sofagruppe Blox und Big Blox, bei der sie das Thema Kubus auf souveräne Art neu interpretierten und durch die nach außen gekehrten Nähte die grafische Struktur der Möbel besonders betonten. Der Büroausstatter Renz präsentierte 2004 auf der Orgatec ihre Officeserie Size, ein Jahr später gab es für die minimalistisch reduzierten Schreibtische mit Containern und einem Sideboardprogramm den if gold award. 2007 wurde ihnen für das Tischprogramm Lane der red dot product design award verliehen.Trotzdem haben Jehs + Laub immer noch großes Interesse an ungewöhnlichen und experimentellen Aufgaben, wie dem Wettbewerb zur Gestaltung eines Eishotels in Nordschweden, den sie mit ihrem Entwurf gewannen. Sie wollten dort keine Möbel aus Eis bauen, sondern ließen sich von den Formen der Eisschollen im Polarmeer inspirieren. Room 606 - ice cracks hieß die Suite, die im Dezember 2006 hundert Kilometer nördlich vom Polarkreis entstand und dort im Mai 2007 wieder dahin schmolz. Für den dänischen Möbelproduzenten Fritz Hansen, der zahlreiche Designklassiker im Programm hat, gestalteten sie als neue „Lounge Furniture“ den komfortablen Space Chair, der ebenfalls Chancen hat eine neue Designikone zu werden. Bei dem einfachen, leichten Sessel entfernten sie alle überflüssigen Materialien und reduzierten die Grundstruktur auf eine flexible, weiche Schale, die von einem Gestell aus gelasertem Stahl gehalten wird. Die vierteilige Polsterung auf Pads wird darauf mit den integrierten Druckknöpfen befestigt - ein in der Automobilindustrie häufig verwendetes Befestigungssystem. Entstanden ist der Space Chair während sie am Konzept für einen neuen Showroom für Mercedes Benz arbeiteten. Beide Projekte haben sich gegenseitig befruchtet: die Produktionsprozesse in der Automobilindustrie waren Inspiration für die Befestigung der Polster und im Showroom wartet jetzt neben den Automobilen auch der Space Chair auf die Besucher. Wechselnde Rollenverteilung Zu ihren jüngsten Projekten gehören die mit dem Interior Innovation Avard 2007 der Kölner Möbelmesse ausgezeichneten Garderoben match und stripes für Schönbuch. Sie geben den Dingen, die scheinbar nirgends hingehören ein Zuhause, wie Markus Jehs sagt.Die elegante Leuchtenserie Dress entwickelten sie 2007 für die spanische Firma Fambuena. Bei den Tisch-, Steh- und Pendelleuchten, die ein sehr warmes, wohnliches Licht verbreiten, wurden Satinbänder um einen Metallkorpus gewickelt. Als Teamarbeiter haben Jehs + Laub eine immer wieder wechselnde, aber doch klare Rollenverteilung: einer hat die visionäre Idee, der andere reduziert sie auf das Machbare. Beide treibt die Neugier an und wenn die Chemie mit den Herstellern stimmt, macht ihnen die Realisierung der Entwürfe auch immer noch am Wochenende und bis tief in die Nacht hinein Spaß. | |
Dr. Bettina Becker ist Kulturwissenschaftlerin. Sie lebt und arbeitet als Dozentin und Autorin in Kassel.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Februar 2008
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Februar 2008













