Designer in Deutschland

Das Kommunikationskraftwerk: Erik Spiekermann

Die Hausschrift der Deutschen Bahn | Copyright: Erik Spiekermann

Infopict | Copyright: Erik Spiekermann

Über das „ß“ können Schrifteninteressierte ganze Nächte diskutieren. Dieses gehört zur FF Meta. | Copyright: Erik Spiekermann

Für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) entwickelte Erik Spiekermann das Leitsystem. | Copyright: Erik Spiekermann

Die exklusive Hausschrift von Gravis hat eine LED-Anmutung, sie heißt Gravis-Haybrid. | Copyright: Erik Spiekermann


Wer ein kleines a für den schönsten, wichtigsten, freundlichsten aller Buchstaben hält und sich so sehr in den Dienst der Kommunikation stellt, wie der Schriftentwerfer, Typograf, Kommunikationsdesigner und Unternehmer Erik Spiekermann dies seit über 30 Jahren unermüdlich tut, der muss beides sehr mögen: Buchstaben und Menschen.

Januar 2010. Es dröhnt. „Schau Dir mal diesen herrlichen Schwung an! Die Kurve da oben!“ Jemand guckt irritiert um die Ecke. „Und hier, diese perfekte Unterlänge! Das ist doch fantastisch“.

Erik Spiekermann steht während einer Wettbewerbsjury vor einigen ausgestellten Editorials – und referiert über ein kleines g. Er spricht laut und schnell. Ein sonores Stakkato. Und gleichzeitig schwärmt er von diesem Buchstaben mit einer Liebe und Hingabe, wie man andere Männer allenfalls über Frauen oder Autos reden hört.
Sein Herz auf der Zunge tragen.
Für den Schriftentwerfer, Typografen, Kommunikationsdesigner, Unternehmer und Globetrotter Erik Spiekermann scheint diese Redensart erfunden worden zu sein. Er sagt, was er denkt. Spontan, direkt, meistens ziemlich laut, manchmal kaum erträglich ehrlich. Man muss das abkönnen, wenn Spiekermann diskutiert, opponiert, polemisiert. Und nicht immer erschließt sich sofort, was das soll, wenn er wieder mal rumpoltert. Aber irgendwann entdeckt man den Masterplan hinter all den großen und kleinen kommunikativen Versatzstücken.
Ohne Kommunikation geht nichts
Wenn Kommunikation ein Mensch wäre, sie wäre ein Spiekermann. Wenn Kommunikation ein Sport wäre, wäre er Weltmeister. Spiekermanns zentrale Botschaft lautet: Ohne Kommunikation geht nichts! Er hält sie für das Brot, das Gesellschaften nährt, und Schrift für das Korn, also die wichtigste Zutat. Und weil ihm die Qualität dieses Brotes essenziell wichtig ist, liefert er die Zutaten persönlich und in bester Qualität, perfekt abgestimmt auf die Bedürfnisse und Geschmäcker der Zeit. Ein paar Beispiele sollen dies verdeutlichen.

Als Spiekermann bereits 1984 mit der Arbeit an einer die omnipräsente Helvetica substituierende Hausschrift für die Deutsche Post beginnt, ist er seiner Zeit mindestens 10 Jahre voraus. Denn „FF Meta“, wie diese Schrift später – und nachdem die Post sie selbstverständlich abgelehnt hatte – heißen wird, ist der Prototyp einer neuen Groteskschriftengeneration, die die unendlichen Möglichkeiten digitalen Schriftentwurfs mit den Ansprüchen an moderne, multimedial belastbare Nutzschriften verknüpft. Meta, 1991 veröffentlicht und seitdem kontinuierlich zu einer großen Fontfamilie erweitert, ist heute ein Symbol und eine Zäsur in der Geschichte der Typografie: Früh weist sie den Weg in die digitale Zukunft der Schrift und zeigt gleichzeitig am Beispiel des Verhaltens der Post, wie schwer sich Unternehmen und Institutionen mit den Veränderungen in der sogenannten Kommunikationsgesellschaft tun, die zwar technologisch alles kann, den vielfältigen Nutzen vieler Innovationen aber längst noch nicht begriffen hat. Der Erfolg gibt Spiekermann recht: Die Meta ist eine der weltweit meistverkauften Schriften der vergangenen 20 Jahre.
Die FF Meta wurde 2007 um eine Serifenversion ergänzt, hier die ersten Entwürfe dazu. | Copyright: Erik Spiekermann

ITC Officina, eine moderne Korrespondenzschrift für Laserdrucker, eine Mischung aus Letter Gothic und Courier. | Copyright: Erik Spiekermann

Am Zeitgeist orientiert
Bereits 1989 erscheint „ITC Officina“, ein weiteres Beispiel dafür, wie clever sich Spiekermann mit seinen Entwürfen am Zeitgeist orientiert. Denn die guten alten Typewriterfonts, wie Letter Gothic oder Courier (beide aus dem Jahr 1956), haben zu diesem Zeitpunkt, da der Siegeszug des Personal Computers beginnt, de facto ausgedient, basieren sie doch auf der technischen Unzulänglichkeit einheitlicher Schriftkegelbreiten auf Schreibmaschinen. Spiekermann hatte dies erkannt und liefert mit Officina eine Schrift, die den durch die Schreibmaschine gelernten Charakter persönlicher Briefkorrespondenz mit den Fähigkeiten eines PC verknüpft. Auch die Officina wird ein großer Erfolg.

Seine Erfahrungen mit der Post helfen Spiekermann 2005 bei einer anderen Informationsschrift: der Hausschrift für die Deutsche Bahn. Natürlich hatte auch die Bahn über Jahrzehnte Helvetica verwendet, die nun jedoch vor dem Hintergrund eines immer komplexeren Informationsbedarfes an ihre Grenzen stieß. Wer heute einen Bahnfolder in Händen hält, begreift die Könnerschaft Spiekermannscher Schriften sofort.

Die DB-Type im Entwicklungsstadium | Copyright: Erik Spiekermann

Die ITC-Officina und die FF-Axel im Vergleich. Axels Stärke zeigt sich in der Verwendung in Tabellen | Copyright: Erik Spiekermann

Anfang der 90er Jahre wurde Eriks Officina von ITC verlegt. Das war vor FontShop und den FontFonts. | Copyright: Erik Spiekermann

Denn auch in winzigen Schriftgraden liest sich dieser Font klar und deutlich, und dies nicht nur auf Drucksachen, sondern auch auf dem Bildschirm. Ein echtes Meisterstück, das an Klasse noch gewinnt, wenn man weiß, wie viel Mühe es gekostet hat, diese Schrift im Bahnvorstand durchzusetzen.
Der jüngste Spross
Schließlich Axel, der jüngste Spross in Spiekermanns Schriftenclan. Unermüdlich auf der Suche nach zeitgemäßen Themen entdeckt er nun die Gruppe der Controller und Sekretärinnen, die heimlichen Herrscher in jedem Unternehmen, die es mit ihrem Lieblingstool Excel (siehe: Axel) immer wieder schaffen, ganze Corporate Design-Prozesse still und heimlich auszuhebeln. Denn Excel ist ein Ingenieursprodukt, das auf Typografie keine Rücksicht nimmt. Und so halten eben diese Controller und Sekretärinnen allein schon deshalb die typografische Bankrotterklärung „Arial“ für die Krone der Schriftschöpfung, weil sie in Zahlenkolonnen am Bildschirm und in digitalen Austauschformaten – nun ja – funktioniert. Axel weist hier einen weitaus besseren Weg. Platzsparender, lesbarer und als einer der ersten Fonts mit integrierter Webfonttechnologie auf jedem Rechner zu sehen, ohne dass die Schrift installiert sein muss. Wieder so eine Idee, die weite Kreise ziehen wird.

Eine ganze Reihe weiterer Schriften, die immer in Kooperation mit gestandenen Fontsdesignern entstehen (zum Beispiel mit Just van Rossum, Erik van Blokland, Lucas de Groot, Ole Schäfer und Christian Schwartz) komplettiert das Œuvre und reiht Spiekermann längst ein in die Tradition großer deutschsprachiger Schriftenentwerfer wie Jan Tschichold, Hermann Zapf oder Adrian Frutiger. Im Gegensatz zu beispielsweise Tschichold jedoch, der im Laufe seines typografischen Lebens eine Metamorphose vom Revolutionär (Ivan Tschichold und der Konstruktivismus) zum Bewahrer (Schrift Sabon als Zitat der Renaissanceantiqua Garamond) vollzog, wird Spiekermann mit zunehmendem Alter immer moderner. Mitten drin in den Wirren der digitalen Revolution kämpft er, laut und vernehmlich, mit Geist und Mut, für die Kultur der Schrift. Ein Ende ist nicht abzusehen.
Der Unternehmer Spiekermann
Damit wäre diese Geschichte eigentlich schon zu Ende erzählt. Ist sie aber nicht, denn wahre Könnerschaft offenbart sich nicht nur da, wo gute Ideen entstehen, sie zeigt sich vor allem darin, diese Ideen auch durchzusetzen.

Der Auftraggeber Bosch hat eine eigene Hausschrift. Die Schriftfamilie BoschSans und  BoschSerif. | Copyright: Erik Spiekermann

Eine Zusammenstellung der Spiekermann-Schriften | Copyright: Erik Spiekermann

Die FF-Unit-Slab, eine serifenbetonte Variante der FF-Unit | Copyright: Erik Spiekermann

Das Leitsystem des Düsseldorfer Flughafens ist Eriks Spiekermanns Werk. | Copyright: Erik Spiekermann

Der Düsseldorfer Flughafen nutzt die Schrift FF Info, die Erik Spiekermann zusammen mit Ole Schäfer 1998 entwickelte. | Copyright: Erik Spiekermann

Erik Spiekermann, Jahrgang 1947, Autor, Kommunikationsdesigner und Schriftgestalter | Copyright: Erik Spiekermann

Womit wir beim Unternehmer Erik Spiekermann und bei seiner Bedeutung für das deutsche und internationale Grafikdesign wären. Und nicht zuletzt beim Medienphänomen @espiekermann.

Dem britischen Designmagazin Eye ist es im Februar 2010 gelungen, Spiekermanns Einfluss mithilfe eines detaillierten Diagramms zu visualisieren. Der Leser blickt auf ein Werk, das im Jahr 1979 beginnt und vier farblich gekennzeichnete Erfolgskriterien ausweist: eigene Firmen mit Kunden, Spin-offs, Publikationen und Designleistungen.

Tatsächlich zeigt das Diagramm, einer Wirbelsäule ähnlich, das Rückgrat des deutschen Grafikdesigns der vergangenen 30 Jahre. Und möglicherweise gibt es weltweit keine vergleichbare Designpersönlichkeit, deren Schüler und ehemalige Mitarbeiter einen derart umfangreichen und erfolgreichen Unternehmensbaum gepflanzt haben. Eye zählt über 50 Designbüros und selbstständige Grafikdesigner, die in direkter beruflicher Verwandtschaft zu Erik Spiekermann und seinen Unternehmen stehen.

Schon MetaDesign 1.0 – gegründet 1979 von Erik Spiekermann, Florian Fischer und Dieter Heil – verankert die Bedeutung der visuellen Kommunikation, der Typografie und der grafischen Markenpflege in den Führungsetagen großer und mittlerer Unternehmen. Die Nachfrage wird bald größer als das Angebot, sodass es sich MetaDesign ohne Schaden erlauben kann, die kreativsten Köpfe an die Selbständigkeit zu verlieren. Dass diese Abnabelung in den meisten Fällen respektvoll über die Bühne geht, beweist das jährliche Klassentreffen RealMeta, zum dem sich über 400 „Ehemalige“ bekennen.

2001 trennen sich Spiekermann und MetaDesign, das zu diesem Zeitpunkt Büros in Berlin, San Francisco, London und Zürich unterhält. Und viele halten dies für das Ende – von Spiekermann und MetaDesign. Das Gegenteil ist der Fall: Spiekermanns Marke MetaDesign ist bis heute auch ohne ihn stark. Und sein neues Büro EdenSpiekermann betreut schon wieder internationale Kunden in drei Niederlassungen.
Digitale Schriften
Der Durchsetzung von Typografie im digitalen Markt widmet sich Spiekermann ebenfalls unternehmerisch: 1988 gründet er, zusammen mit seiner ersten Frau Joan, den FontShop, den sie gemeinsam mit Neville Brody zu FontShop International ausbauen, und der heute der weltweit führende Anbieter digitaler Schriften mit Dependancen in sechs Ländern ist. Ebenfalls mit Brody gründet Spiekermann 1990 das Schriftenlabel FontFont, auf dem viele seiner Schriftschöpfungen erscheinen, und das legendäre Typoexperiment FUSE, zunächst auch Namensgeber der ersten FUSE-Konferenz in Berlin, die bis heute unter dem Namen TypoBerlin jährlich über 1.000 Designer aus aller Welt in die deutsche Hauptstadt lockt.
@espiekermann
Spiekermann auf allen Kanälen also, umtriebig und ideenreich. Er weiß genau, wie man das macht: Ideen und Menschen zusammenbringen. Und wenn es eine Eigenschaft gibt, auf die exakt jeder aus seinem engeren Umfeld als Erstes zu sprechen kommt, dann ist es diese beeindruckende Fähigkeit zum Netzwerken.

Da ist es kein Wunder, dass das junge digitale Netz Twitter, dem Barack Obama angeblich seinen Wahlerfolg verdankt und in dem sich bereits Tausende von Designern tummeln (darunter so bedeutende Marken wie Interbrand oder Pentagram und alle bedeutenden Designmagazine), einen kennt, dem heute bereits 75.000 Interessierte folgen und der zum Jahresende locker bei 100.000 Followern liegen dürfte. Sein Twittername: @espiekermann.

Der Autor bedankt sich für die Mitarbeit an diesem Artikel bei Jürgen Siebert, Vorstand Marketing des von Erik Spiekermann mitbegründeten FontShops und seit vielen Jahren einer seiner engsten Vertrauten. Siebert, mit seinem FontBlog heute wahrscheinlich Deutschlands bekanntester Designblogger, steuerte neben vielen nützlichen Hinweisen vor allem die Passagen über Erik Spiekermanns Bedeutung bei.
Johannes Erler
lernte Erik Spiekermann 1992 während eines Praktikums bei MetaDesign kennen und begegnet ihm seit dem immer wieder, zum Beispiel auf Kongressen und in Designjurys. Erler ist selbst Kommunikationsdesigner und Typograf, hat sich allerdings an die eigene Schrift noch nicht herangetraut, weil ihm bis heute ein guter Grund dafür fehlt. Dafür ist er mit seinem Büro Factor Design einer der erfolgreichsten deutschen Kommunikationsdesigner der vergangenen 17 Jahre. Erlers persönliche Lieblingsschrift von Erik Spiekermann ist die „Unit“.

Der Text ist die gekürzte Fassung eines Beitrags für das Jahrbuch des Rat für Formgebung/German Design Council anlässlich der Verleihung des Designpreises der Bundesrepublik Deutschland 2011 an Erik Spiekermann in der Kategorie Persönlichkeit. Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Rat für Formgebung/German Design Council.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2011

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