Designthemen in Deutschland

Intelligenter Umgang mit Ressourcen: Recyclingdesign macht Ungenutztes und Gebrauchtes wieder sichtbar

Detailansicht, Copyright: Franziska Wodicka

möbel 14 | 14, B 43 | H 14 | T 19, 1 alte große Glasschütte, MDF mit Grundierfolie, 19mm, weiß lackiert, Copyright: Franziska Wodicka

möbel 41 | 02, B 146 | H 47 | T 50, 8 alte lackierte Holzschubladen von ganz unterschiedlicher Herkunft, MDF schwarz, 19mm, geölt, Copyright: Franziska Wodicka

Bett Pixelstar, Copyright: Arbeitskreis Recycling e.V. Recyclingbörse

Recyclingdesign und „Sustainable Design“ – sprich nachhaltiges Design – stehen in der Designbranche gerade hoch im Kurs.

Einige Produkte treffen diesen Nerv der Zeit und können neben den viel beschworenen Werten wie Langlebigkeit und Wiederverwertbarkeit auch noch den Wunsch nach einem individuellen und schönen Produkt erfüllen, das in der Großstadt wie in der Provinz funktioniert.

So machen sich die konkaven Regale namens Frank, die im westfälischen Herford in Nordwestdeutschland in dem dort ansässigen sozialen Projekt RecyclingBörse! zusammengebaut werden, ebenso gut in den Ladengeschäften in Berlin-Mitte wie in der rein funktionalen Kantine des regionalen Herstellers selbst.
Kein perfektes Produkt
Ihren Ursprung aus bereits gebrauchten Spanplatten oder aufgesägtem Vollholz soll man ihnen, wie auch den anderen Objekten der hauseigenen Reihe ReDesign, ansehen, und tut das auch durchaus. „Es handelt sich eben nicht um ein perfektes Produkt, sondern da ist hier und da der Lack ab. Darauf muss sich der Kunde einlassen“, sagt RecyclingBörse!-Geschäftsführer Udo Holtkamp, der seit vielen Jahren mit mittlerweile 120 Mitarbeitern Gebrauchtes und Benutztes auf eine weitere Verwertbarkeit prüft.

Sich auf Gebrauchtes einlassen und es weiter nutzen – das macht auch Designerin Franziska Wodicka bei einem anderen Produkt, das seit Kurzem viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. In ihrem Kreuzberger Ladengeschäft verkauft sie alte Schubladen, die von ihr mit neuem Korpus zu individuellen Kleinmöbeln verarbeitet werden. Viele handwerklich hochwertige Schubladen überleben laut Wodicka nämlich ihren Korpus um Jahrzehnte und diese „Singles“ bekommen dann in Kreuzberg einen neuen Partner in Form eines eigens auf sie zugetischlerten Korpus aus furnierten Platten oder auch Vollholz. Das sieht danach gleichermaßen gut und gelebt aus, und verkauft sich auch noch gut, wie Franziska Wodicka sagt.
imm Cologne, Copyright: Arbeitskreis Recycling e.V. Recyclingbörse

Regal Frank, Copyright: Arbeitskreis Recycling e.V. Recyclingbörse


Korbleuchte Pitbull, Copyright: Arbeitskreis Recycling e.V. Recyclingbörse


Liegestuhl, Stoffrecycling, Copyright: Arbeitskreis Recycling e.V. Recyclingbörse

Materiallager, Copyright: Arbeitskreis Recycling e.V. Recyclingbörse



Sessel Pixelstar, Copyright: Arbeitskreis Recycling e.V. Recyclingbörse



Tisch ExIKEA, Copyright: Arbeitskreis Recycling e.V. Recyclingbörse



Produktion, Copyright: Arbeitskreis Recycling e.V. Recyclingbörse

Recycling sollte nicht der erste Schritt sein
Solche engagierten Formen des Möbel-Recyclings freuen auch ansonsten kritische Beobachter des Hypes um „Sustainable Design“ und Recyclingdesign wie den Berliner Designer und Veranstalter des „Sustainable Design Forums“ Sebastian Feucht. „Bei den Schubladen wird alte Handwerkstechnik erhalten und gepflegt, die es heute gar nicht mehr gibt. Es ist ein intelligentes Umgehen mit Ressourcen, die selber schon fast Antiquitäten sind.“ Dieser überlegte Zugang fehlt ihm in der aktuell hochtourigen Diskussion um Nachhaltigkeit und Recycling noch oft: „Dinge zu recyceln ist ein guter Schritt – aber es sollte nicht der erste sein.“ Zuvor wäre es nicht nur seiner Meinung nach sinnvoll, die ungeheure Menge an Material, Energie und Abfall schon in der Produktion einzuschränken: „Recyclingdesign ist ein bisschen wie bei einem Rohrbruch das Wasser aufzuwischen – es ist nur sinnvoll, wenn man sich auch irgendwann der Ursache der Havarie widmet.“ Um diese Ursachen näher zu beleuchten und Wege aus der drohenden ökologischen Katastrophe aufzuzeigen, lädt er in lockerer Folge die Theoretiker und Praktiker der Nachhaltigkeit wie den Hamburger Professor Michael Braungart ins Berliner Internationale Design Zentrum IDZ zu Vorträgen ein. Vor allem Braungarts „Cradle-to-Cradle“-Prinzip, das Wertschöpfung und Entsorgung schon in einer ressourcenschonenden Produktion mitbedenkt, wurde dort von vielen Besuchern diskutiert. Dass darunter so viele junge Designer sind, ist Veranstalter Feucht nur recht: „Auch eine modische Welle wie „Sustainable Design“ kann ja helfen, Bewusstsein für Konsum und Folgen für die Umwelt zu schaffen.“ Ganz neu ist das alles für ihn nicht, so sieht er Bewegungen gegen Ausbeutung von Mensch und Natur immer mal wieder aufkommen – und auch wieder verschwinden. Diesmal könnte es aber auch seiner Meinung nach anders laufen, da es mehr Öffentlichkeit als sonst gibt. Die ist durch den Klimawandel sensibilisiert für Umwelthemen und sucht nach Gegenentwürfen zu dem gegenwärtigen Immer-Mehr-Prinzip. Eine mögliche Antwort hat Feucht durch seine praktische Arbeit als Designer im Angebot: „Die Lösung liegt wohl im Dematerialismus. Fast alles, was wir nutzen, vom Auto bis zum Maßband, geht auch mit viel weniger Material und Masse, und damit mit viel weniger Abfall und Überschuss. Große Veränderungen können aber nur aus der produzierenden Industrie kommen. Und da scheinen einige immerhin jetzt nachzudenken.“
Ideen zur kreativen Wiederverwertung
Bis es soweit ist, kann man sich die Folgen des gegenwärtigen Materialismus ansehen, wenn man in der RecyclingBörse! in Herford auf den großen Gewerbehof fährt. Der wird flankiert von einem bunten Zaun aus Skiern, die praktisch nicht verrotten und hier als Zaunlatten eine neue Funktion finden. Dahinter können Bürger bei freundlichen Mitarbeitern abgeben, was noch funktioniert, aber nicht mehr gebraucht wird: Kleidung, Möbel, Bücher, Platten, Elektrogeräte. Auf der anderen Gebäudeseite kommen ganze Lkws mit Produktionsresten wie Teppichstücken an – ungebraucht, aber nicht mehr zu verkaufen. Dieser große Restehaufen, der täglich aus allen möglichen privaten und industriellen Ecken den Weg in die Börse findet, wird dann von einem gut eingespielten Team, davon viele ehemals Langzeit-Arbeitslose, begutachtet, sortiert, und, wenn möglich, in einem der fünf Ladengeschäfte in der Region günstig abgegeben. Nur was gar nicht mehr funktioniert, landet danach endgültig im Container. Geschäftsführer Holtkamp verliert dabei auch nicht den Grund vieler Menschen für Mehrfachnutzungen aus den Augen: „Arme müssen an allem sparen, wir wollen das aktuell gerade mal wieder. Das ist ein Unterschied.“ Manchmal entstehen aus der ungeheuren Masse des abgegebenen Materials aber auch Ideen zur kreativen Weiterverwertung und dann werden in der hauseigenen Tischlerwerkstatt Regale wie Frank oder die Möbelserie Pixelstar entworfen und gebaut, die neben etabliertem Design bestehen können.
Internationaler Designpreis
Aktuell haben die ReDesign-Objekte aus Herford ihren Weg zum DMY International Design Festival Berlin oder der internationalen Möbelmesse imm cologne in Köln gefunden, die sich immer mehr auf die Verbindung von Design, Umwelt und Nachhaltigkeit einlassen. Geschäftsführer Holtkamp, der sich mit der RecyclingBörse! bereits seit 1984 mit dem Thema beschäftigt, geht dem Trend noch ein Stück entgegen. Die RecyclingBörse! lobt einen Preis aus, den das Museum für zeitgenössische Kunst und Design MARTa in Herford unterstützt: Junge Designer sind unter dem Motto: „Nutzloses wieder sichtbar machen“ aufgerufen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Jury ist prominent jenseits des alten Wollsocken- und Latzhosen-Klischees besetzt: Neben dem belgischen Documenta IX-Leiter Jan Hoet sitzen dort Designer wie der Potsdamer Professor Hermann Weizenegger oder Verena Wriedt von der Fachhochschule Detmold. Den Gewinnern ist also einige Aufmerksamkeit sicher und sie können ihre Entwürfe danach im MARTa Museum, im Bauhaus Dessau und im IDZ in Berlin ausstellen. Bewerben kann sich jeder, der zum Thema Recycling Ideen hat. Juryvorsitzender Hoet will sich nicht auf genaue Parameter festlegen: „Wir hoffen auf Arbeiten, die die Prozesse zeigen, die gerade weltweit laufen. Manchmal manifestiert sich alles in einem Produkt. Und das suchen wir weiter.“
Iris Braun
ist freie Journalistin und Autorin. Für das Berliner Stadtmagazin „tip“ ist sie mit offenen Augen und Ohren in der jungen Designszene unterwegs.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2009

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