Die Überwindung der Unsichtbarkeit – deutsches Möbeldesign

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Möbeldesign aus Deutschland? Noch immer befördert die Frage danach große Ratlosigkeit auf die Gesichter der internationalen Designgemeinde. Deutsche Autos – natürlich, technisch hervorragendes Konsumgüter- und Maschinendesign – selbstverständlich, aber Möbeldesign? Ein paar Klassiker fallen jedem ein, aber die sind in der Tat schon vor Urzeiten gestaltet worden. Was danach kommt, gleicht einer Terra incognita. Zu Unrecht, wie Experten meinen, denn gerade heute gibt es zwischen Rheda-Wiedenbrück und Coburg, Hamburg und München Neuland zu entdecken.
Es ist etwas dran an dem Bild von der großen Unbekannten, als die uns die deutsche Möbellandschaft begegnet. Dieses Dasein im Schatten Italiens – die große Messlatte im Designvergleich – hat ihre Ursache aber weniger in der nicht vorhandenen industriellen Möbelproduktion – die ist in den Clustern Ostwestfalen, Franken oder Württemberg weitaus größer, aktiver und in ihrer Produktionstiefe weitreichender als zum Beispiel im vermeintlichen Möbeldesignparadies Italien. Es liegt auch nicht an der fehlenden Qualität deutscher Gestalter, innovatives Design zu produzieren – auch das ist angesichts der langfristigen Erfolge mit geradezu möbeltypologischem Neuland dem Reich der Fabeln zuzuordnen. Beschränkte Vertriebsstruktur
Der Grund für die eher schwache Wahrnehmung des deutschen Möbeldesigns im internationalen Vergleich liegt in der beschränkten Vertriebsstruktur der Hersteller hierzulande. Für die meisten mittelständisch orientierten Möbelproduzenten reichte bisher der deutsche Binnenmarkt aus, und Export war allenfalls eine Frage, wie die Belieferung der Beneluxländer zu organisieren sei. Der Verkauf weiter Teile der deutschen Möbelproduktion wird auch heute noch über Einkaufsverbände organisiert. Die zahlreichen Polstermöbel, Schrankwände, Tische oder Küchen, die in der deutschen Provinz gestaltet und produziert werden, landen als qualitativ anständige, aber namenlose Produkte in den Möbelmärkten dieser Republik. Zu echten Marken haben es nur jene gebracht, die dieses System mit unternehmerischem Weitblick und Starrsinn durchbrechen wollten und ihren Markt schon immer in der großen weiten Welt gesucht haben. Es sind beileibe nicht die größten und wirtschaftlich erfolgreichsten, aber erstaunlicher- oder konsequenterweise eben jene, die sich einer gestalterischen Idee verschrieben haben, einer unverwechselbaren Handschrift und die auf – man glaubt es kaum – den Grundideen des deutschen Designs beruhen: Ganzheitlichkeit, Systematik, Funktionalität, gestalterische Innovation, Qualität.
Technische Innovation
Am Anfang des deutschen Möbeldesigns steht eine technische Innovation, die eine formale Radikalität nach sich zog und sogar bis heute als der Geburtsakt der gesamten Disziplin Industriedesign schlechthin gilt. In den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts perfektionierte der Unternehmer Michael Thonet in Boppard am Rhein das industrielle Biegen von Buchenholz unter Wasserdampf. Der Bugholzstuhl entstand und mit ihm ein für ihn typisches Design, das bis heute Bestand hat. Es war eine nahezu produktionsbedingte Form, die diesen Stuhl und seine Konstruktion von allem bisher Gesehenen abhob und das Sitzen aus dem Handwerk in das Industriezeitalter katapultierte. Der damalige Bopparder Landesherr, Fürst Metternich, war so angetan von der Leistungsfähigkeit der Firma Thonet, dass er sie überredete, ihre Zelte doch in Wien aufzuschlagen, um von dort aus die internationale Karriere der Bugholztechnologie zu professionalisieren. Doch bereits im frühen 20. Jahrhundert suchte die mittlerweile weltweit aktive Firma Produktionsorte mit ausreichendem Holzbestand und fand das hessische Frankenberg, von dem aus ein Teil der Familie zukünftig die Geschicke des Unternehmens weiterbetrieb. Dieser hessische Zweig des Familienunternehmens war es dann auch, der in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts einen zweiten immensen Technologieschub in der Zusammenarbeit mit der Avantgarde des Bauhauses erfuhr. Auf das Biegen des Holzes folgte das Biegen von Stahlrohr, mit dem Mart Stam, Marcel Breuer oder Ludwig Mies van der Rohe experimentierten. Deutsches Möbeldesign war in der Moderne angekommen und wieder war die Verbindung aus Technologie und einer adäquaten Gestaltung entscheidend für den internationalen Erfolg. Systemdesign
Nazizeit und Krieg stellen eine Zäsur in der Entwicklung der industriellen Gestaltung in Deutschland dar – das gilt auch für das Möbeldesign. Die Avantgarde emigrierte, der offizielle Zeitgeschmack versuchte sich in der Etablierung eines „völkischen“ Gestaltungsbegriffs, der aber anders als zum Beispiel in der skandinavischen Moderne, in der die Interpretation der Volkskunst im modernen Industriedesign gelang, sich vor allem durch formale Plumpheit auszeichnete. Erst nach dem Krieg, als die neu gegründeten Amerikahäuser in den zerstörten Westzonen Ausstellungen zeitgemäßen Wohnens in den USA zeigten, entschieden sich viele kleine Betriebe in der wieder anlaufenden Produktion für eine moderne Designauffassung. Die Zerstörung des Krieges hatte einen enormen Bedarf an bezahlbarem Wohnraum und modernen, preisgünstigen Möbeln geschaffen. Und, was umso bemerkenswerter erscheint, auch angesichts des Vorbildes der amerikanischen Konsumgesellschaft entstanden gleichsam typisch deutsche Themen im Design. Kein ikonographischer oder modischer Ansatz wurde entwickelt, sondern vielmehr ein systemischer.
Die Marke interlübke entstand, für die der Hamburger Innenarchitekt Rolf Heide moderne Schranksysteme schuf, einen Klassiker, der bis heute in Produktion ist. Friedrich Wilhelm Möller entwickelte das Sitzmöbel-System conseta für die junge Polstermöbelmarke cor, dessen Grundtypus bis heute in unendlicher Variation hergestellt wird. Dieter Rams schuf für Vitsœ das wohl bis heute unerreichte Regalsystem 606, den Prototyp des Systemdesigns der Moderne schlechthin, das alle Krisen des Unternehmens, selbst seine Pleite, überlebte. Diesen international erfolgreichen Beispielen standen gleichzeitig innovative Ideen gegenüber, – seien es die unglaublich fragilen, leichten Möbel des Bauhaus-Schülers Herbert Hirche oder die Kunststoffschalen-Stühle, die der Architekt Georg Leowald für Wilkhahn entwickelte – denen die internationale Aufmerksamkeit aufgrund der kaum entwickelten Internationalität der Unternehmen zunächst versagt blieb. Stattliche Anzahl kleiner Unternehmen
Und heute? Hat sich an der Situation etwas geändert? International erfolgreiche deutsche Designer wie Konstantin Grcic oder Werner Aisslinger arbeiten vornehmlich für italienische Möbelproduzenten. Daneben aber hat sich hierzulande eine stattliche Anzahl kleiner Unternehmen etabliert, die einen eigenen Weg einschlagen, oftmals Designer und Produzenten in Personalunion darstellen und für die die Welt der Markt ist. Doch wer sind heute jene Player, die das deutsche Möbeldesign international repräsentieren? Da ist zum Beispiel Nils Holger Moormann, der eine Marke der radikalen Schlichtheit geschaffen hat, sich aber wie kaum ein Zweiter der deutschen Systemintelligenz verschrieben hat. Sein von Axel Kufus entworfenes Regalsystem FNP ist von ingeniöser Perfektion geprägt und erinnert in seiner Anmutung an die Konstruktion von Leichtflugzeugen. Da ist das Studio Vertijet aus Halle, das für cor mit Lava ein Polstermöbelsystem entwickelt hat, das das Sitzen, Liegen, Lümmeln und Arbeiten völlig neu interpretiert hat.
Ein Formszenario, das der klassischen Polsterkonfiguration eine lange Nase zeigt. Da ist das Unternehmen e15 aus Oberursel, dessen Chef Philipp Mainzer das Material Vollholz aus seinem gedeckten Dasein in konservativen Umgebungen befreit hat, die internationale Architektenszene begeistert, und jüngst gar mit dem Münchener Designer Stefan Diez einen Stuhl entwickelt hat, dessen Fertigung – inspiriert durch eine Methode aus dem Flugzeugmodellbau – modernste Technik mit traditionellem Handwerk verbindet. Da ist der Frankfurter Designer Knut Völzke, der mit seinem Universalmöbelsystem May, Julie, August – bestehend aus einem Tablett und zwei Containern in verschiedenen Größen – auf den Spuren des legendären Ulmer Hockers wandert. Ein Ding wird erst durch die Ideen seines Nutzers zu dem, was es sein soll. Völzkes Label Leise bietet dafür die perfekte Blaupause. Typisch deutsche Designideen
Erfreulich ist: Diese Reihe junger deutscher Möbelunternehmen ließe sich noch weiter fortsetzen, denn das deutsche Möbeldesign scheint seine Unsichtbarkeit auf internationalem Parkett zu überwinden. Der Grund ist, dass alle diese Unternehmen die Notwendigkeit sehen, ihren Markt anders als bisher zu definieren. Bemerkenswert ist, in dem was die Designer tun und so eigenständig sie ihre Themen und Nischen auch bespielen, sie fühlen sich bewusst oder unbewusst typisch deutschen Designideen verpflichtet. Sie sind technologie- und qualitätsverliebt, systemorientiert und immer auf der Suche nach einer neuen Typologie, die das gesamte Designgeschehen zu revolutionieren vermag. Sind wir also zuversichtlich, dass sich die einstige Terra incognita Möbeldesign aus Deutschland in wenigen Jahren zu einer anerkannten Größe im internationalen Vergleich wandeln wird.
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Andrej Kupetz
ist Geschäftsführer und fachlicher Leiter des Rats für Formgebung/German Design Council. Er schreibt unter anderem für Designmagazine wie „design report“ und „form“.
Stephan Ott
arbeitet als freier Autor, Journalist und Dozent. Seit Anfang 1999 ist er für die Kommunikation des Rat für Formgebung/German Design Council verantwortlich.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2009
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel?
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online-redaktion@goethe.de
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