„Wie Touristen in der eigenen Stadt“ – das Designmagazin „Berlin Haushoch“

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Drei Designerinnen ziehen für ein Jahr mit ihrem Büro in einen Berliner Bezirk, arbeiten dort und bringen danach ein Hochglanzheft heraus, das sich auf gestalterisch hohem Niveau mit diesem Bezirk beschäftigt. „Berlin Haushoch“ heißen die komplett werbefreien Bezirks-Wundertüten, die neben aufwendig inszenierten Bilderstrecken auch aufschlussreiche Hintergrundreportagen über die Menschen und ihr Leben in diesen Bezirken bieten. „Eine Hommage an Berlin und seine Vielseitigkeit“ nennen die drei Herausgeberinnen die Ergebnisse ihrer Arbeit. Bisher sind drei Ausgaben erschienen, die wie die thematisierten Stadtviertel heißen und schon durch die kongenialen Titelbilder auf den Inhalt verweisen: „Marzahn“, dessen Titel grauen Plattenbau versetzt mit Hoffnungstreifen in Form von gelb gestrichenen Balkonen zeigt, „Wedding“ auf dem eine knallige Hochzeitstorte durch die Luft fliegt und damit auf das englische Wort für „Hochzeit“ ebenso anspielt wie auf die Bilderstrecke zu einer türkischen Hochzeit im Heft, und zuletzt das Titelbild der „Charlottenburg“-Ausgabe, auf dem ein weißer Pudel beim Hundefriseur das gediegene Westberliner Viertel mit seinen bürgerlichen Bewohnern rund um Kurfürstendamm und Savignyplatz versinnbildlicht. Im Herz des Trendbezirks
Wie das Titelbild für „Mitte“, die nächste Ausgabe, aussieht, wissen die drei Herausgeberinnen, alle Absolventinnen der Berliner Hochschule der Künste, noch nicht. Sie sind gerade dabei, sich in das Geschehen dieses komplexen Bezirks einzuleben. Dafür sind sie mitten in das Herz des Trendbezirks gezogen, in das Scheunenviertel hinter der jüdischen Synagoge. Dort haben sie Büroräume gefunden, die man in dem glatten Galerienviertel nicht mehr vermutet: im Hinterhof in einem halb sanierten Plattenbauensemble. Und sie sind dort auf Menschen gestoßen, die man dort ebenso wenig vermutet: „Normale, ungestylte Leute. Und sogar Rentner“, wie Ana Lessing etwas erstaunt sagt. Wie ungewöhnlich das ist, zeigt ein Blick auf die Ladengeschäfte rund um ihr Büro: Galerien, Bioläden, Designerläden für Kinderkleidung, jede Art von Coffeeshop und noch mehr Galerien. „Aber das ist eben nur die eine Seite. Und alles andere kriegt man nur richtig mit, wenn man hier auch lebt und täglich die gleichen Straßen langgeht. Dann sieht man auf einmal die Molle-und-Korn-Kneipen auf der Torstraße und die Discounter-Supermärkte in den Seitenstraßen“, ergänzt Alexandra Bald, die |
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als einzige der drei Herausgeberinnen nicht aus Berlin kommt. Früher habe sie sich immer gefragt, wo die Menschen im gentrifizierten Mitte überhaupt Lebensmittel einkaufen, jetzt wisse sie es.
Eine harte Nuss
Und nicht nur das. Dadurch, dass die drei ein Jahr lang „wie Touristen in der eigenen Stadt“ durch die Straßen laufen, nehmen sie die Schwingungen eines Bezirks wie selbstverständlich auf. Sogar Charlottenburg, wo Ana Lessing aufgewachsen ist, hatte einiges an Überraschungen parat – „in der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo hält man sich ja sonst eher nicht auf“. Den Bezirk Mitte halten die drei allerdings für eine harte Nuss: „Bis wir hier durch die glatte Kruste durch sind, dauert es.“ Solange gehen sie auch in diesem Bezirk wie in den anderen dreien vor: „Wir lassen uns oft treiben, nehmen nicht immer den direkten Weg, sondern biegen zweimal ab und schauen, was hinter der nächsten Ecke kommt“, sagt Esra Rotthoff. Bei diesen Streifzügen schauen sie für ihre Bilderstrecke „Berliner Zimmer“ gern in Wohnungen rein, klopfen an Türen oder winken zu den Wohnungen hoch – und werden erstaunlich oft auch zum Fotografieren hineingebeten. „Ich glaube, man nimmt uns ab, dass wir die Leute und ihre Umgebung nicht entstellen wollen. Auch bei unseren Porträts wollen wir ehrlich zeigen, wie die Menschen in dem Bezirk aussehen und leben – aber wir wollen sie nicht vorführen.“
Kreativität im grauen Viertel
Schon bei ihrem ersten Heft „Marzahn“, das 2005 erschien, ging es ihnen nicht darum, eine weitere sensationsheischende Reportage über das Elend in den Berliner Plattenbauvierteln zu zeigen. Sondern sie hatten im Rahmen einer Suche nach Ausstellungsräumen für ihre Kunst die funktionierenden Strukturen des Zusammenlebens und auch die Kreativität in dem grauen Viertel entdeckt, „und das fanden wir auf einmal viel spannender als selber unsere Kunst dort hinzubringen. Also dachten wir, dass man im Gegenteil mal so ein Viertel und seine Bewohner zum Thema eines Designheftes machen müsste“, erklärt Alexandra Bald.
Für das neue Heft „Mitte“ liegt die Aufgabe der drei nun im Gegensatz zu Marzahn wieder darin, zwischen so viel Design, Oberfläche und „Kreativwirtschaft“ das Authentische erst einmal wiederzufinden. Und wenn die Unterschiede im Bezirk Charlottenburg zwischen Bahnhofsmission und Bürgerlichkeit schon groß waren, sind die Gegensätze, mit denen die Macherinnen für das „Mitte“-Heft jonglieren müssen, noch größer. Denn eigentlich gehören zu dem Bezirk ja auch Teile des Regierungsviertels, die Museumsinsel, der ehemalige Mauerstreifen an der Bernauer Straße und die angrenzenden beliebten Altbauviertel, die Plattenbaugürtel um den Alexanderplatz sowie der Alexanderplatz selbst, samt seiner Touristenhorden rund um das neu eröffnete grellrosa Einkaufszentrum „Alexa“. |
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Urteil liegt beim Betrachter
Das ist genauso Mitte, wie das der Hipster und Schauspieler hier im Scheunenviertel“, sagt Ana. Die allerdings dominieren das Bild des Bezirks, einfach durch ihre Präsenz. „Wenn wir hier Menschen bitten, sie in ihren Räumen oder auf der Straße zu fotografieren, kann es sein, dass sie sich selber sehr professionell darstellen – einfach weil sie wissen, wie es geht.“ Das sei in einem Viertel wie Marzahn anders: „Dort ist die nette alte Dame stolz auf ihre Schrankwand, nicht auf sich selbst.“ Mit beiden Ansätzen kommen die drei gut klar: „Wir zeigen das Bild und überlassen dem Betrachter die Schlussfolgerung.“
Bis das „Mitte“-Heft im Herbst 2010 erscheint, haben die drei noch etwas Zeit, sich auf den Straßen umzuschauen, in Wohnzimmerfenster zu gucken oder einfach aus dem Fenster ihres Plattenbau-Büros. Gegenüber macht sich gerade ein Rentner im Jogginganzug auf seinem Balkon zu schaffen. Die drei Designerinnen schauen ihm interessiert zu. Vielleicht wird er ja einer der Protagonisten des anderen „Mitte“ im nächsten Heft. |
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Iris Braun
ist freie Journalistin und Autorin in Berlin.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2010
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel?
Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
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