Produktdesign in Deutschland – Ausblick auf eine neue Dekade im zweiten Jahrhundert des Designs

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Ein Blick auf die Preisträger des Designpreises der Bundesrepublik Deutschland 2010 zeigt, welche Themen Unternehmer und Designer in der kommenden Dekade beschäftigen werden. Während auf der Ebene der Form nach wie vor der klassischen Moderne und ihrer humanen Sachlichkeit gehuldigt wird, zeigen sich verblüffende Lösungen in der Neudefinition der Beziehungen zwischen Material, Verarbeitungsqualität und Detailgestaltung. Hervorzuheben ist dieser Qualitätssprung als Ergebnis neuer Technologien und Verfahren, die bisher ungeahnte formale Lösungen ermöglichen. Erst durch den Einzug dieser Technologien in die industriellen Produktionsverfahren lassen sich auch neue Materialien stärker und effizienter in der Formulierung neuer Designlösungen einsetzen. Modernity Revisited Auch im Jahr des neunzigsten Geburtstags des Bauhauses zeigte sich, wie prägend die Gestaltauffassung der Moderne bis heute nachwirkt. Anleihen finden sich in der Form, der Ausgestaltung von Proportionen und Details sowie in der grundlegenden Betonung der funktionalen Aspekte eines Produktes durch das Design und den expliziten Bezug auf die technischen und materialspezifischen Möglichkeiten der industriellen Produktion. Deutlich wird dies beispielsweise beim Kugelschreiber LAMY Noto, den der japanische Designer Naoto Fukasawa für das Heidelberger Unternehmen Lamy entworfen hat. Fukasawa reizt die Möglichkeiten des Materials Kunststoff bis ins kleinste Detail aus. Die Oberfläche ist mattiert, die dreieckige Grundform ist durch weiche Radien ergonomisch optimiert und der Clip ist durch einen Unterschnitt in den Körper formal integriert. Vereinfachung auf allen Ebenen ist auch hier als gestalterisches Postulat sichtbar. Die technische Funktion stellen andere vermeintlich einfache Produkte in den Mittelpunkt. Der Klapptisch F2 des Berliner Designers Nils Frederking für Roset Möbel lässt sich durch einen intelligenten Mechanismus unglaublich flach zusammenfalten. Es geht um maximale Reduktion des Raumes. Aber nicht nur das: Die sparsam verwendeten Materialien und die schnörkellose geometrische Grundform ließen sich nahtlos in ein Stahlrohrmöbel-Programm der Bauhaus-Zeit integrieren.
Moderne Skulptur Aber auch in anderen Dimensionen zeigt sich die formale Rückkehr dieser Epoche: Der Audi A5 ist eine Erweiterung der bisherigen Audi-Designsprache, in dem er die strenge horizontale Linienführung, für die Audi bisher bekannt war, mit einer nahezu minimalen Bewegung dynamisiert. Eine moderne Skulptur entsteht – immer noch minimalistisch, aber mit einer reaktivierten formalen Kraft, die visuell Beständigkeit vermittelt. Wenn der Audi TT von 1998 in seiner formalen Radikalität – eine rein aus Kreissegmenten aufgebaute Form – als das Bauhaus-Auto schlechthin befunden wurde, so knüpft der A5 durch seine skulpturale Erscheinung an der Weiterentwicklung der Moderne an, die die organische Form in den 1940er- und 1950er-Jahren als die „humanere“ Form bewarb. Gerade diese zweite Phase der Moderne hat sich nach den exaltierten Formexperimenten der 1980er-Jahre und den minimalistischen Objekten der 1990er-Jahre als die dominierende Stilistik unserer heutigen Phase der Postmoderne durchgesetzt. |
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„Engineered Crafts“: widersprüchliche Bedürfnisse Der Designbegriff, den wir in diesem noch jungen Jahrhundert vorfinden, befreit sich zunehmend aus den Zwängen der industriellen Produktion. Die Widersprüchlichkeit unserer Bedürfnisse spiegelt sich im Design und umgekehrt. Das Design kann beispielsweise heute seinen Ausdruck im traditionellen Handwerk finden, ohne eine Diskussion über Sinn und Unsinn einer solchen Verbindung zu provozieren. Design kann – immer öfter – seinen Ausdruck in der Zuwendung zu hochkomplexen, digitalen Technologien finden, die sich nicht zwangsläufig einem industriellen Produktionsprozess andienen – Stichwort Simulation. Und: Design kann Handwerk und digitale Technologie völlig ideologiefrei miteinander verknüpfen. So verbindet beispielsweise die bulthaup b2 Küchenwerkstatt in Konzeption, Gestaltung und Herstellung die neue Idee der „Engineered Crafts“. Aus der hybriden Bedürfnissituation heraus, eine perfekte Hightechküche und gleichzeitig eine auf das Experiment bedachte Werkstattküche zu kreieren, entstand ein Produkt, das diese scheinbar widersprüchlichen Ideen miteinander zu kombinieren weiß. Traditionelles Handwerk trifft auf digitale Technologie, es wird wie beim Schreiner nach Maß gefertigt, das Design aber erscheint hochgradig industriell. Die Entdeckung des Handwerks als Inspirationsquelle in industriellen Prozessen zeigt sich auch bei einem weiteren Produkt unter den diesjährigen Preisträgern. Personalisierung von Produktangeboten Um eine höchstmögliche Form der Individualisierung geht es beispielsweise bei der Hyperextensionsorthese Dorso Arexa von Otto Bock – allerdings in einem gänzlich anderen Kontext. Hightechmaterialien und digitale Konstruktionstechnologie erlauben eine individualisierte Anpassung des wirbelsäulenstabilisierenden Korsetts. Aber mehr noch: Es ist bereits ein Beispiel dafür, die Ideen der Individualisierung in Richtung einer Personalisierung von Produktangeboten weiter zu entwickeln. Die Orthese gibt einen Vorgeschmack auf einen immer stärker werdenden Trend, nämlich genau ein Produkt für einen Kunden zu gestalten, ein Unikat, das wie ein Maßanzug auf den Leib seines Nutzers geschneidert ist. | |
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Thema Reduktion Der technische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte hat unter anderem bewirkt, dass es heute Materialien mit Eigenschaften gibt, die es erlauben, ganz neu über Produkte, ihre Form, ihre Funktion und eben ihre Materialität nachzudenken. Doch die Euphorie über das scheinbar unendliche Angebot an Materialien, über die Potenziale an neuen Erscheinungsformen hält sich in Bezug auf das Design in Grenzen. Genauer gesagt, alle Entwicklungen auf dem Gebiet der Anwendung innovativer Materialien im Produktdesign scheinen sich auf ein zentrales Thema zu fokussieren: Reduktion. Es geht um die Reduktion von Gewicht, von Volumen, von Ressourcen- oder von Energieverbrauch. Aber es geht auch um die Reduktion als gestalterisches Mittel. Die zwei Ebenen der Gestaltung – die materielle, die dem Produktnutzen zugeordnet ist sowie die immaterielle, die die Haltung des Designers ästhetisch oder symbolisch vermittelt, vereinen sich in der Idee der Reduktion. So wundert es kaum, dass jene Gewinnerprodukte des Designpreises 2010, die sich über das Material definieren, auf der Ebene der Formgestaltung keinerlei Experimente wagen. Sie wollen als Einheit zwischen materieller und immaterieller Ebene verstanden werden. Sei es die Beton-Wandplatte der REC Bauelemente GmbH, ein ultraleichtes, universell anwendbares Werkstoffelement, das eine Vielzahl unterschiedlicher Oberflächenstrukturen aufweist – ein rein integratives Element der Möglichkeiten. Sei es der Schlafsack Passion One, Yeti GmbH, der aus Ripstop-Nylon-Gewebe besteht und dessen Materialeigenschaften nicht nur zu unglaublichen Gewichtsergebnissen nahe der Immaterialität führen, sondern auch noch im zusammengelegten, verpackten Zustand die Größe einer Apfelsine kaum übertreffen. Werkstoff in neuem Kontext Oder sei es die Reisetaschenkollektion Papier, ein Gemeinschaftsprojekt der Münchener Designer Saskia und Stefan Diez, die auf dem Werkstoff Tyvek basiert, einem reißfesten, extrem haltbaren, papierähnlichen Fließstoff von DuPont. Indem Saskia und Stefan Diez die gestalterische Typologie des Reisegepäcks kaum verlassen, wohl aber die herkömmliche Materialwahl Textil oder Leder, erschließen sie dem seit Jahrzehnten bekannten Werkstoff Tyvek einen neuen Kontext und verändern gleichzeitig unsere alltagskulturellen Gewohnheiten: Eine uns bekannte Form, die wir bisher nur in den vermeintlich schweren Materialien Leder oder Textil erlebt haben, erscheint nun nahezu surreal schwerelos. Die materielle und immaterielle Ebene der Gestaltung suchen sich eine neue Passung – in der Reduktion. Letztlich – und bezogen auf die Kulturgeschichte des deutschen Produktdesigns – eine sehr nahe liegende Idee. | |
Andrej Kupetz
ist Geschäftsführer und fachlicher Leiter des Rats für Formgebung/German Design Council. Er schreibt unter anderem für Designmagazine wie „design report“ und „form“.
Stephan Ott
arbeitet als freier Autor, Journalist und Dozent. Seit Anfang 1999 ist er für die Kommunikation des Rat für Formgebung/German Design Council verantwortlich.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2010
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel?
Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
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Stephan Ott
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