Modedesigner in Deutschland

Anliegen statt Attitüde – Patrick Mohr

Kollektion S/S 10, Fashion Week Berlin, Copyright: Patrick Mohr

Kollektion S/S 10, Fashion Week Berlin, Copyright: Patrick Mohr

Newcomer, Modedesignhoffnung oder Enfant terrible? Auf der Berlin Fashion Week 2009 propagierte der Münchner Jungdesigner Patrick Mohr das Ende aller Geschlechtergrenzen: Er schickte Entwürfe im Oversized-Look über den Laufsteg – zum Teil präsentiert von Obdachlosen. Mohr findet, dass die Modebranche dem Thema Armut mehr Beachtung schenken sollte: „Ob arm oder reich, wir sind alle gleich“, sagt der 29-Jährige. Seine Zukunft sieht er in Paris und New York.

Aufgewachsen in Aschau im oberbayerischen Landkreis Rosenheim, gilt er lange wegen seiner schrägen Klamotten als Außenseiter. Was ihn nicht hindert, vier Jahre als Mannequin in Mailand zu arbeiten. 2007 erhält er als Jahrgangsbester der Modeschule Esmod (München) den „Prix Createur“. Er assistiert beim dänischen Designer Henrik Vibskov und wird als vielversprechendes Nachwuchstalent gehandelt. „Ausgeflippter Lumpensammler“ und „Patron der Heimatlosen“ formulierte die Süddeutsche Zeitung 2009, auffallend viele weitere Gazetten bekunden zunehmendes Medieninteresse.
Zwischen Avantgarde und Streetwear
Ortstermin in der Baaderstraße, wo das improvisiert wirkende Atelier des Designers seinen Sitz hat. Fast studentisch muten die Räumlichkeiten an, nichts kommt aufgesetzt, feingemacht oder hergerichtet rüber. Unmünchnerisch irgendwie. Eines ist der hagere Kreative mit Sicherheit: das Gegenteil des Münchner „Nice&Neat-Schick“. Mohr trägt schwarze Sarouelhosen (Pluderhosen), einen dunklen Blouson und dazu eine nachlässig hingewuschelte Strickmütze – mit Joop-Logo, immerhin. Wie er da sitzt, ist er selbst das beste Aushängeschild seiner Kollektion. „Was ich nicht trage, designe ich nicht“, sagt er folgerichtig, und: „An wen ich beim Entwerfen denke? An mich – ich bin meine eigene Muse. Louis-Vuitton-Frauen sind nicht meine Zielgruppe“, fügt er hinzu. Mode zwischen Avantgarde und Streetwear, so beschreibt er seinen Stil. Typisch für ihn: geometrische Grundformen, die sich in seiner Kollektion wiederholen, ob im Schnitt oder im Detail.
Kollektion S/S 10, Fashion Week Berlin, Copyright: Patrick Mohr

Fashion Week 2010 Berlin, Copyright: DAN & CORINA LECCA

Patrick Mohr, Copyright: Patrick Mohr

Kollektion S/S 10, Fashion Week Berlin, Copyright: Patrick Mohr

So hängt ein kleines transparentes Dreieck an einer schmalen Kette, ein ebensolches ziert als ausgesparte Form eine Hornbrille.

Eher Künstler als klassischer Modemacher lässt sich Mohr sich gern von der Architektur inspirieren. Und präsentiert prompt ein tragbares Stoffdreieck, von Stäben ausgespreizt, ein Modell für die nächste Show auf der Berlin Fashion Week 2010. Warum er sich für Textilien entschieden hat, nicht für Kunst oder Fotografie? „Mode ist mein Element, meine Wurzel, ist Kunst am Körper – Letzteres gilt allerdings nur für die Show.“ An der Geometrie liebt er vor allem das Dreidimensionale – Formen, die in die Tiefe gehen. In die Tiefe gehen, das gilt auch für seine Philosophie. Denn als Gag war der Auftritt Obdachloser auf der Berlin Fashion Week nicht gedacht, wie so mancher spekulierte. Anliegen statt Attitüde also: „Diese Aktion hatte zu 100 Prozent einen Hintergrund. Meine Identifikation mit Obdachlosen stammt aus meiner Vergangenheit, es gab einen Schicksalsschlag, der mich dazu gebracht hat, anders zu denken“.
Im Zeichen von Extremen und Gegensätzen
Mit vergleichbarem Tiefsinn geht er an seine neue Kollektion heran. Aktuell ist er auf der Suche nach ganz speziellen Models: Bodybuilderinnen, deren verformte Körper Männlichkeit und Weiblichkeit zugleich demonstrieren. Da ist sie wieder, die Frage nach typischen „role models“. „Ich zeige untragbare Mode an Bodybuildern, das hat mit der Frau an sich nicht mehr viel zu tun“, erklärt er. Seine Inspiration hierbei sind echte, genetische Zwitter. Und solche will er für die nächste Show, die im Zeichen von Extremen und Gegensätzen stehen soll, auch finden. Reine Provokation? Eher nein. „Ich bin ein Außenseiter, war schon immer anders. Es macht mich glücklich, meiner Vision zu folgen, egal, welche Auswirkungen es hat.“

Neben aller Kunst gerät aber auch der Kommerz nicht ins Hintertreffen: Bei Aussagen wie „Meine Jeans-Linie Quadrangle ist unsere „Cash Cow“ – kommerzielle Basics, die immer getragen werden,” schimmert gewiefte Marketingstrategie durch. An der Vater Mohr, hauptamtlich Unternehmensberater, mitgewirkt haben dürfte. „Sein Know-how und sein persönliches Engagement haben 90 Prozent Anteil an meinem Wachstum, er ist mein Vorbild“, erzählt der Sohn ganz offen.
Jeans-Linie „Quadrangle“, Copyright: Patrick Mohr/Photography: stefan milev/larapixie

S/S 08: graduation collection, Copyright: Patrick Mohr/Photography: Oliver Rauh

S/S 09: quadrangle of the unit assembly system, Copyright: Patrick Mohr/Photography: Oliver Rauh

equilateral triangle of the unit assembly system, Copyright: Patrick Mohr/Photography: Oliver Rauh

Kollektion S/S 10, Copyright: Patrick Mohr

„Ich hab die Jeans designt, sie veredelt, sie trägt meine Handschrift. Anfangs hatte ich keine Jeanserfahrung, es hat ein Jahr gedauert, bis ich’s drauf hatte“. Jede Büx ziert eine kleine, weiße, würfelförmige Niete an der seitlichen Hosennaht – das Mohr’sche Erkennungsmerkmal, ebenso wie die grafisch klar angelegten Linien. Logischerweise gibt es die (übrigens bezahlbaren) Jeans in Unisex-Größen, in den Grundtypen „chives“ oder „carrot“ – Schnittlauch oder Karotte.
Baukastensystem
2008 im Mai gestartet zieht sich ein bestimmtes Baukastensystem durch das Label und seine Kollektionen: Neben den NOS-(„Never out of stock“)T-Shirts steht jeweils ein geometrisches Symbol für eine der Produktgruppen, die Saison für Saison hinzukommen sollen, bis man sich schließlich ganz in Patrick Mohr gewanden kann. Das Logo zeigt diese geometrischen Grundformen bereits in Schwarz-weiß. Neben den Basics und den 20 Teilen aus Jersey und Leinen für die neue Kollektion spielen auch Kollaborationen eine Rolle: Aktuell entwirft Mohr einen Schuh, den ein Streetwearlabel produziert, parallel kommt bald die zitierte Hornbrille mit Dreieck auf den Markt, die für 1.200 Euro über den Tisch gehen wird.

Seine Zeit als Model scheint weit weg, oder? „Das war eine wichtige Phase, interessiert mich aber heute nicht mehr, und ist ja schon zehn Jahre her. Ich möchte Mode selber machen, nicht vorführen!“ Für die nahe bis mittelfristige Zukunft gibt es da ganz konkrete Pläne: „Wir werden 2010 umziehen und uns zudem vergrößern. Bis zum Februar führen dann weltweit 20 Läden meine Modelle. Aktuell planen wir bis 2012, mit Businessplan, alle halben Jahre kommt eine neue Kollektion hinzu.“ Zum bestehenden Team, das aus dem Designer, dessen Vater und zwei Praktikantinnen besteht, soll bald noch ein Obdachloser kommen, den der junge Firmenchef aufnehmen und beschäftigen will. Und irgendwann wird auch die Schwester dazustoßen, die zurzeit an der Berliner ESMOD studiert.

Klingt alles vernünftig. Und trotzdem ging für den Shootingstar des Münchner Modehimmels doch alles ziemlich schnell. „Es gehört Glück dazu, natürlich, aber auch meine Person ist entscheidend, viele glauben an das, was ich mache. Man kann nicht erzwingen, dass man gehypt wird, aber es schadet nicht, wenn über einen gesprochen wird.“ Nächstes Ziel ist eine Show in Paris im Sommer – „Dafür sieht es schon ganz gut aus“.
Franziska Horn
ist studierte Dipl.-Designerin (FH) und schreibt als Fachjournalistin zu den Themenschwerpunkten Design und Modernes Leben.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2010

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