Rotkäppchen meets Superman – die Kreationen des Bernhard Willhelm

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Bekannte Details aus Pop- und Straßenkultur, Kitsch und Folklore kombiniert Bernhard Willhelm zu einzigartigen Kreationen. Der gebürtige Ulmer kultiviert nicht nur seine Wurzeln und lässt sich von der Landschaft seiner süddeutschen Heimat inspirieren, sondern greift auch die Kleidung verschiedener Ethnien und sozialer Milieus auf – nie ohne einen Anstrich von Ironie und Witz.
Lange hat man sie als untragbar belächelt, doch die Mode von Bernhard Willhelm hat System. Das Ausbrechen aus Konventionen und Regeln findet Anerkennung, nicht zuletzt durch Ausstellungen unter anderem im Metropolitan Museum New York (Superheroes, 2008) sowie im ModeMuseum Antwerpen (Bernhard Willhelm: Het Totaal Rappel, 2007). Eigene Ästhetik
Willhelms Stil ist häufig verspielt, farbenfroh und keinesfalls Mainstream. Kitsch und Spießigkeit sind Designelemente, denen er eine eigene Ästhetik abgewinnt. Der Designer findet Inspiration bei Gartenzwergen, Kuckucksuhren und beleuchteten venezianischen Gondeln für den Kamin, sowie bei historischen Moden, afrikanischer Eingeborenenkleidung oder Märchen- und Comicfiguren. Willhelm kratzt an der heilen Welt, ohne sie zu zerstören. Er findet auch schlechten Geschmack interessant, denn „durch einen Twist oder eine andere Perspektive kann er genauso als guter Geschmack gelten. Mode ist nicht ein Produkt, das jedem gefallen soll.“ Willhelms Mode soll all jene erfreuen, die ihre kindlich naive Seite zu zeigen wagen. Dazu gehört die Sängerin Björk, deren Kostüme er für ihre Welttournee 2007 entwarf.
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Spiel mit männlichen Identitäten
Willhelm spielt gern mit verschiedenen Vorstellungen von Männlichkeit. Seine Männerkollektion für den Sommer 2009 ist inspiriert von der spanischen bzw. elisabethanischen Mode der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, als Männer u.a. ausgestopfte Heerpaukenhosen oder geschlitzte Schlumperhosen mit schleifenverzierter Braguette (Schamkapsel) sowie ein enges Wams mit Achselstücken trugen. An der Grenze zum Bühnenkostüm bewegte sich auch die Kollektion Men in Tights (2008/09), die mit allen Variationen von Bodysuits, Trainingshosen, Latexstrümpfen, Slips und Strumpfhosen Balletttänzern gewidmet war und den männlichen Körper zur Schau stellte. Für Frühjahr/Sommer 2008 kreierte Willhelm „Berufskleidung“ für Bodybuilder, Catcher, Batmen, Machos, Schwule und Exhibitionisten. 2007 ging die Kollektion in Richtung „Bavarian Costume meets Acid House“. Die alpinen Männertrachten mit kurzen Lederhosen, Hosenträgern, Loferln (Wadlstutzen) und Filzhüten, die die „strammen Burschen“ tragen, findet Willhelm männlich sexy, aber nicht unkomisch. |
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Inspiration Tradition
Schon von Anfang an fand Willhelm seine Anregungen auch in der Welt der Traditionen. „In jedem Tal im Schwarzwald gibt es eindrucksvolle Trachten, die aussehen, als ob sie aus dem Weltall kämen, insbesondere die Hüte“, erklärt Willhelm. Deshalb hieß seine Diplomkollektion an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen, wo er Modedesign studierte, im Juni 1998 Le Petit Chapeau Rouge.
Schon während seines Studiums hatte Willhelm Praktika bei Walter Van Beirendonck, Alexander McQueen, Vivienne Westwood und Dirk Bikkembergs absolviert. Bereits im März 1999 führte er seine ersten Kollektionen in Paris vor. Im Oktober 2000 kamen Männerbekleidungsstücke hinzu, die in das Spektrum der Damenmode einflossen; drei Jahre später stellte er seine erste Männerkollektion in Paris auf dem Laufsteg vor. 2002 verlegte Willhelm Atelier und Showroom nach Paris in ein romantisches Hinterhofgebäude mit Glasdach. Muss ein Designer heute wie ein Manager denken können? „Jedenfalls sollte er sich mit Leuten umgeben, die etwas von Organisation verstehen“. Ein Grund für ihn, von Beginn an ein Tandem mit Geschäftspartnerin Jutta Kraus zu bilden. Auch seine Mutter spielt eine wichtige Rolle in seiner Produktionskette. Sie fertigt eigenhändig die gewagtesten Strick-Modelle als Prototypen an. Produzieren ließ er seine Modelle zunächst in Belgien, „weil nur die belgischen Fabrikanten auch kleine Mengen herstellen“. Seit 2005 wird die Bernhard Willhelm Kollektion komplett in Japan hergestellt und 2006 wurde die erste BW-Boutique in Tokio eröffnet. Eine Schuhkollektion gibt es auch seit 2005. Klassische Defilees langweilen ihn
Bernhard Willhelm präsentiert seine Kollektionen gern als Installation, als Performance oder als „Lebende Bilder“: Männliche Jugendliche in Ethno-Mix-Kleidern standen für die Kollektion 2006/07 vor zerborstenen Bilderrahmen, die zum Teil mit einem Netz als eine Art Fußballtor bespannt waren, für die Sommer-Kollektion 2008 saßen Models wie Hühner auf der Stange oder waren zwischen Holzgestängen eingekeilt.Der Zuschauer defiliert, nicht die Models. „Show“ war der richtige Ausdruck für die Präsentation seiner bayerischen Folklore-Kollektion in der Avantgarde-Kunstgalerie CosmicGalerie 2007: In einem nur von Schwarzlicht ausgeleuchtetem Kubus standen die Models unter einer Pyramide aus fluoreszierenden Seilen zur Musik von György Ligetis Poème symphonique for 100 metronomes. Darüber hinaus präsentiert Willhelm manche Kollektion auch in Filmform. Men in Tights (2008/09) gedreht von dem bekannten Modefotografen Nick Knight ist ein Kurzfilm über „Körper, Bewegung und Ausdruck“. Auch Bernhard Willhelms F/S 2004-Kollektion wurde als Film präsentiert. Regisseur war der in New York lebende Schweizer Künstler Olaf Breuning. Der Film Ghosts präsentiert die Visionen eines jungen Mannes. Dr. Ingrid Loschek (1950–2010)
war Professorin für Modegeschichte und Modetheorie an der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim und Autorin zahlreicher Modefachbücher. www.loschek.de Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion Dezember 2006, Aktualisiert Oktober 2008 Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns! online-redaktion@goethe.de
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