Kleidung als Speichermedium – das Modelabel Schmidttakahashi

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Kleidung verändert nicht nur den Träger. Der Träger verändert auch die Kleidung: Sie nimmt Tag für Tag seine Spuren an. Die Designerinnen von Schmidttakahashi setzen aus alten Kleidungsstücken mit Charakter neue Stücke zusammen – mit vielen überraschenden Ideen. Im Studio von Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi türmen sie sich bis zur Decke: Hemden und T-Shirts, Hosen, Röcke, Mäntel und Jacken. Alle fein säuberlich geordnet nach Art, Farbe und Muster. Und mit einer Nummer versehen. Den Raum mit dem riesigen Regal nennen die beiden Modedesignerinnen ihr Archiv. All die Kleider warten darauf, vom Archiv ins Atelier zu wandern. Dort werden sie dann in ihre Einzelteile auseinandergenommen, neu kombiniert und wieder zusammengesetzt. Ganz einfach, im Prinzip. Aber eigentlich machen die beiden Designerinnen von Schmidttakahashi viel mehr – in philosophischer, handwerklicher und künstlerischer Hinsicht. Dadurch haben ihre Kleidungsstücke fast etwas Magisches. Spuren der Persönlichkeit
Alles begann mit einem Experiment. Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi, damals Studentinnen an der Kunsthochschule Weißensee, baten Professoren und Mitstudierende ins Fotostudio und lichteten diese in deren Alltagskleidung ab. Doch damit nicht genug. „Danach haben wir sie gefragt, ob wir für einen Moment in ihre zweite Haut einsteigen dürfen und ihr komplettes Outfit angezogen, einmal Mariko und einmal ich“, erzählt Eugenie Schmidt. An den Fotos, die dabei herauskamen, machten sie eine spannende Beobachtung:
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„Im Laden ist ein Kleidungsstück anonym. Doch je länger der Träger es anzieht, desto mehr Besonderheit bekommt es. Wir erkannten, dass Kleidung eine Art Speichermedium ist, sie speichert etwas von der Persönlichkeit.“ Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi waren davon so fasziniert, dass sie anfingen, Kleidung zu sammeln. In ihrer Hochschule richteten sie dafür einen speziellen Container ein. „Weil die Stücke intime Gegenstände sind, wollten manche der Spender nicht ihren Namen nennen“, sagt Mariko Takahashi. Also gaben sie jedem bei Abgabe des Kleidungsstücks eine „ID“-Nummer. Danach haben sie die Teile gereinigt, einzeln fotografiert und sortiert. „Gebrauchsspuren wie Flecke oder Löcher fanden wir spannend, weil sie eine Geschichte erzählen“, erklärt Takahashi. „Die integrieren wir in unsere Entwürfe.“ Wiederbelebungsmaßnahmen
Für ihre Diplomarbeit 2009 haben sie dann die Idee, dass Kleidung ein Speichermedium ist, mit ihrem Archiv in eine Kollektion umgesetzt. Eugenie Schmidt, 1979 in Tadschikistan geboren, hat ihren Abschluss in Modedesign gemacht, Mariko Takahashi, Jahrgang 1974 und aus Hiroshima in Japan, in Textil- und Flächendesign. Ihre Diplomkollektion „Reanimation – Wiederbelebungsmaßnahmen“ kam so gut an, dass sie den Mart-Stam-Förderpreis der Kunsthochschule Weißensee erhielten, der für Innovation und disziplinenübergreifende Orientierung vergeben wird. Eines der ersten Stücke, das für die Diplomkollektion entstand, war ein Sakko. Sein Grundgerüst ist ein dunkelblaues Jackett. Die Ärmel stammen von einem braunen Strickpullover. Die Rückenpartie war einmal Teil eines marineblauen Seemannspullis. „Wir versuchen, mit den unterschiedlichen Materialien spannende Konstellationen zu gestalten“, erklärt Eugenie Schmidt. Das Sakko erinnert jetzt, in seinem zweiten Leben, an ein abstraktes Gemälde. Eine Sammlerin hat es gekauft. Verblüffende Ideen
Diese großflächigen, farblich wie stofflich kontrastierenden Felder sind ein Stilmerkmal von Schmidttakahashi. Ein anderes sind die verblüffenden Ideen. Ein geringelter Pullover kann auch eine Art Gürtel für eine Jacke sein, wenn er, auf den Kopf gestellt, das Rückenteil einer braunen Wildlederjacke bildet und die Ärmel vorne über dem Bauch zusammengebunden werden. Ein anderer beeindruckender Einfall ist die Jackenfuttertasche. Sie besteht aus dem ärmellosen Rumpffutter einer Jacke und sieht aus wie eine halbe, nur für eine Körperseite gemachte Weste mit vielen Reißverschlüssen und Taschen, in denen man Schüssel und Portemonnaie unterbringen kann. Auch dafür gab es eine Auszeichnung. Und den Sonderpreis des Berliner Senats für Green Fashion haben sie auch erhalten, obwohl sie sich nicht als Ökolabel begreifen.
Vordringliche Aufgabe
Es ist also nicht nur das theoretische Konzept von Kleidung als Speichermedium, das ihre Kollektion so besonders macht.
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Es ist auch der künstlerische Ideenreichtum, der das Label Schmidttakahashi auszeichnet, obwohl Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi den Grundgedanken für „Reanimation“ weiter verfolgen und optimieren. Der Sammelcontainer steht jetzt in ihrem Atelier. Die Spender können auf einer Plattform das Schicksal ihrer ehemaligen Lieblingsstücke oder Fehlkäufe verfolgen. Die Käufer können dank eines Chips, der zum Kleidungsstück mitgeliefert wird, die Herkunft der Hosen, Röcke und Hemden nachvollziehen. „Wir wollen noch mehr Geschichten erzählen“, erklärt Eugenie Schmidt. Doch die vordringlichste Aufgabe der beiden ist momentan eine andere. Das Konzept steht. Aber sie müssen ihre Arbeit effizienter gestalten. Das Auftrennen der alten Teile dauert Stunden und ist wesentlich aufwendiger, als wenn man mit Stoff arbeitet. 30 Stücke inklusive der Taschen haben sie für ihre dritte Kollektion mit der Nummer 102 (die Diplom-Kollektion war die 100) angefertigt, jedes von ihnen ein Unikat. Macht 30 Verkäufe maximal. Doch wenn ihr Label Schmidttakahashi jemals auf solider finanzieller Basis stehen soll, müssen sie einen Weg finden, kleine Unikatserien herzustellen. Ende Januar soll ihr Online-Shop starten. Reproduzierbare Modelle
Eugenie Schmidt zeigt eine rot-weiße Bluse, in die, wie ein großes V, Kragen und Dekolleté-Teil eines schwarzen Hemdes eingenäht sind. Das ist so eine Idee, wie man aus neuen Grundgerüsten (Schmidttakahashi sind so flexibel auch neu genähte oder gestrickte Teile an einem Kleidungsstück zuzulassen) und wiederbelebten alten Stücken mit nur einem Entwurf ein reproduzierbares Modell kreiert. Eine Grundform, die die Schneiderinnen dann nachnähen können. Aber ganz so einfach wie bei einem neu gestalteten Schnitt ist es trotzdem nicht. „Jedes alte Hemd hat eine etwas andere Größe und Form. Deshalb ist jeder Schnitt doch ein bisschen anders, und jedes Stück muss individuell angepasst werden“, sagt sie.
Specials wollen sie in Zukunft machen, und Basics. Specials, das sind Stücke wie die Wildlederjacke mit dem Pullovergürtel. Bei den Basics kommen neben den Blusen beispielsweise auch die T-Shirts infrage, die mit zwei Farben und Flächen gearbeitet sind. Auch dieser Schnitt ist, natürlich wieder mit Anpassungen für jedes einzelne Unikat, im Prinzip reproduzierbar. Gelernt haben sie das bei Bless, einem der innovativsten Modelabels weltweit, bei dem Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi ein Praktikum absolvierten. Auch Bless setzt auf Schnittklassiker, die in verschiedenen Farben und Stoffen wieder aufgelegt werden. Eigene Ausdrucksformen finden
Für die zweite Kollektion mit der Nummer 101 hat Mariko Takahashi mit Makramee experimentiert und mit der orientalischen Knüpftechnik aus alten T-Shirts schöne Rockbünde und Bandeaus geschaffen. In 102 wird es dann um Farbe gehen. Schmidttakahashi haben ihr Konzept gefunden, ihren Platz in der Modeindustrie jedoch noch nicht. Und sie wollen auch nicht ganz darin aufgehen. „Das Modesystem ist ein eingelaufenes System, das funktioniert“, sagt Eugenie Schmidt. „Wir machen da zwar mit, versuchen jedoch, unsere eigene Sprache zu sprechen.“
Zum Beispiel, indem sie in Museumsshops und temporären Läden verkaufen. Und indem sie aus ihren Modenschauen Performances machen. Ihre Models sind keine Profis, sondern interessant aussehende Leute. „Sie haben ihren eigenen Ausdruck und ihren eigenen Charakter, das ist auch eine Aussage“, erklärt Mariko Takahashi. Und die Models laufen nicht zur Musik, sondern zu einer Soundinstallation: Eine Computerstimme liest die Nummern der Kleidungsstücke und die Ingredienzien vor: Nummer 009057-32, hundert Prozent Cotton. Das junge Label Schmidttakahashi traut sich eben in vielerlei Hinsicht, seine eigenen Ausdrucksformen zu finden. Stefanie Dörre |
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