Willkommen im Knast
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HAEFTLING ist ein besonderes Modelabel. Die Mode ist nicht nur vom rauen Knastalltag inspiriert, sie wird auch von Inhaftierten gemacht. Ein Projekt mit Vorbildsfunktion. Berlin-Mitte: In der Rosa-Luxemburg-Straße unweit der Volksbühne reiht sich ein schicker Modeladen an den anderen. Nur einer sticht heraus. Das Schaufenster scheint eingeworfen worden zu sein. Doch die Scheiben wurden nur provisorisch geflickt. Ein versuchter Überfall oder Absicht? Im Verkaufsraum blättert eine junge Verkäuferin gelangweilt in einer Zeitung. Nichts los. Typisch Berlin eben. Es riecht etwas steril und neu. An einfachen Bügeln hängt noch einfachere Kleidung. Robuste Hosen und Hemden, T-Shirts mit dem Aufdruck "Haeftling" und Schlafanzüge im Straflager-Look. Mode sieht eigentlich anders aus. Auf einem Tischchen liegen metallene Tabletts, Geschirrtücher und etwas kratzige Wolldecken. Alles scheint etwas kalt und karg. Kein Wunder. Die Inspiration dieser Mode ist der Knast. Knastmode hat Tradition
Bei Gefängnismode fallen einem gestreifte Anzüge und unifarbene Overalls ein. Aber Mode? Auch der Werber und Inhaber der Kreativ-Agentur Herr Ledesi Stephan Bohle war überrascht, als er beim Besuch der Produktions-stätten eines deutschen Gefängnisses erstmals auf Knastmode stieß. Dabei hat Knastmode eine lange Tradition. Seit mehr als 100 Jahren werden in Europa Kleidung und Haushaltsartikel für den Gefängnis-Eigenbedarf von Inhaftierten hergestellt. Warum die Mode also nicht auch außerhalb der Gefängnismauern vertreiben? Wenn Gangster-Rap funktioniert, muss doch auch ein von einem Verurteilten gefertigtes Hemd einen ganz besonderen Reiz haben. Bohle erkennt das Vermarktungspotential und gründet 2003 Haeftling - Jailwear since 1806, die weltweit erste Marke für authentische Jailwear. Handgefertigte Produkte von Inhaftierten in Freiheit vermarktet. Weltweit erste Marke für authentische Jailwear
Der Online-Shop boomte sofort. In den ersten drei Wochen wurden 4.000 Artikel verkauft. Aus der ganzen Welt kommen heute Anfragen nach den Knastprodukten. Jedes Stück ist etwas Besonderes. "Die Dinge erzählen eine persönliche Geschichte, das ist keine Ware vom Band", sagt Bohle. Und so finden Filzpantoffeln, Küchenschürzen, Jeansgürtel, Bettwäsche oder Parka aus den Nähstuben und Schustereien, aber auch hausgemachte Marmelade und Wein, reißenden Absatz. Was vor vier Jahren in der JVA (Justizvollzugsanstalt) Tegel begann, hat sich zu einem internationalen Unternehmen entwickelt. Nach und nach kamen mehr JVAs dazu, heute wird sogar im europäischen Ausland gefertigt. Eine bayerische Haftanstalt liefert Honig von ihren zwei hauseigenen Bienenvölkern. Eine Strafanstalt in der Schweiz hat sogar einen eigenen Weinberg und exportiert ihren Roten (Pinot Noir) und Weißen (Müller Turgau). "Generell sind die JVAs sehr hilfsbereit," erzählt die PR-Beauftragte Karola Schoewe. "Es gibt einige JVAs, die zur Umsetzung der Homeware sehr gute Produktionskapazitäten besitzen." Doch einen Aspekt greift sie besonders heraus: "HAEFTLING schafft letztendlich mit der Produktion auch Maßnahmen, die den Rehabilitationsprozess unterstützen." |
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Sinnvolle Beschäftigung
Neben den Produkten steht nämlich ein sozialer Gedanke im Fokus der Macher. Mit HAEFTLING werden in den Ausbildungs- und Arbeitsbetrieben der Anstalten Arbeitsplätze geschaffen. Eine Haeftlings-Jeans ist also nicht einfach eine Hose. Sie hilft Inhaftierten auch bei der Resozialisierung. Im drögen Knastalltag ist eine sinnvolle Beschäftigung für viele ein wichtiger Halt. Diese Arbeitsplätze garantieren den Inhaftierten einen bundesweit einheitlich geregelten kleinen Lohn. Auch die Vollzugsanstalten selbst bekommen ihren Teil. Dort wird das Geld für Investitionen genutzt, zugleich entlastet es die öffentlichen Kassen und somit den Steuerzahler. Den Rest verwaltet die HAEFTLING KG für Marketing, Distribution und Organisation. Und auch Menschenrechtsorganisationen (z.B. Amnesty International oder Initiative gegen Todesstrafe e.V.), die Gefangene in aller Welt unterstützten, werden bedacht. Die Kombination aus robuster Kleidung mit Geschichte und dem Wunsch, Gutes zu tun kommt an. Die Käufer interessieren sich für Produkte, die einen Bezug "zum Verborgenen" haben. Ende 2007 wurde das Team vergrößert und durch professionellen Vertrieb und internationale Logistik ergänzt. Anfang des Jahres öffnete der Laden in Berlin, ein weiterer in Hamburg ist schon in Planung. Nora von Westphalen ist Redakteurin bei "Elle" Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns! online-redaktion@goethe.de
Mai 2008 |



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