Große Vergangenheit und viel Potenzial für die Zukunft – Mode in Berlin

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Mit sehr viel Kreativität und immer mehr Können: Schritt für Schritt gelingt es Berlin, sich als Modemetropole zu etablieren. „Mode hat in Berlin sehr viel mit Kreativität zu tun.“ Das sagt Elke Giese nicht leichthin. 5.000 Straßenfotos von modebewussten Menschen zwischen 20 und 35 Jahren, aufgenommen in den In-Bezirken Mitte und Friedrichshain, hat sie kürzlich im Rahmen eines Projektes gesichtet. „Sich gut anzuziehen hat in Berlin nicht viel mit Status zu tun, sondern mit Fantasie und Selbstdesign“, erklärt die Ressortleiterin des Deutschen Modeinstituts. „Wie in einer Collage werden Einzelteile zusammengesetzt, um ein Eigenbild abzugeben. Dass die verschiedenen Eigenbilder sich dann doch gleichen, vor allem in der Silhouette, liegt an der Orientierung an Vorbildern.“ Silberne Chucks, Röhrenjeans, ein verwaschenes T-Shirt und eine Tom-Ford-Sonnenbrille, so sieht momentan ein typisches Berliner Männeroutfit aus. |
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Bei Frauen sind es eher Leggins, übergroße Hemden und sündhaft teure, scheinbar achtlos um den Hals gewickelte Tücher. Aus Markenkleidung, Designer-Stücken, Selbstgemachtem und Vintage setzt sich ein Stil zusammen, von dem Elke Giese sagt: „Da ist eine hohe Modekompetenz zu erkennen. Mich hat verblüfft, wie früh in Berlin Trends sichtbar werden.“
Avantgardistischer Zugang zur Mode
Berlin hat schon seit Jahrzehnten keine elitäre Schicht, keine Schickeria, die modisch den Ton angeben könnte. Dafür gibt es ein starkes kreatives Umfeld. Statt Pomp und Pracht ist ein eher avantgardistischer, intelligenter Zugang zur Mode vorherrschend. Bei den Kunden wie bei den Machern. Denn das steigende Modebewusstsein der Berliner geht einher mit der wachsenden Zahl an Profis. 600 bis 800 Modedesigner betreiben hier inzwischen ihr eigenes Label und oft auch ihren eigenen Laden. Neun Modeschulen und -hochschulen bilden jedes Jahr rund 1.000 Newcomer aus. Und zweimal pro Jahr kulminiert das Modeinteresse in der Fashion Week mit einer Unzahl an Veranstaltungen.
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Berlin Mitte, Bebelplatz. Wenn dort der rote Teppich für die Gäste der Mercedes-Benz Fashion Week ausliegt, dann verspürt man auch im unglamourösen Berlin den Glanz der Modewelt. Die Veranstaltung, die diesen Sommer trotz des Krisenjahres weiter gewachsen ist, versteht sich als Plattform für Modedesign aus Deutschland. Im Juli 2009 zeigen unter anderem Boss Orange, Escada, René Lezard, Strenesse Blue und Michalsky ihre Frühjahrs- und Sommerkollektionen 2010.
Forum für aufstrebende Modemacher
An Berlin führt zumindest in der deutschen Modewelt kein Weg vorbei. Die Großen kommen. Doch auch diejenigen, die noch groß werden wollen, finden auf der Mercedes-Benz Fashion Week ihren Platz. Peek & Cloppenburg spendiert einen Nachwuchspreis, bei dem sich acht Newcomer präsentieren. Und viele junge Labels präsentieren ihre Kollektionen, aus Berlin unter anderem Frida Weyer, Scherer Gonzales, Lala Berlin und Michael Sontag.
Bereits zum dritten Mal zeigt Mischa Woeste, Absolventin der Modeschule Esmod, auf der Mercedes-Benz Fashion Week die Sommerkollektion ihres Labels Smeilinener. „Um als Label größer zu werden, muss man Schauen machen“, sagt sie. „Und mir persönlich ist es wichtig, dass ich zeige, wie meine Kleider getragen werden“, sagt Mischa Woeste. „Das geht nur auf dem Laufsteg.“ |
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Weil die Mercedes-Benz Fashion Week auch ein Forum für die aufstrebenden Modemacher der Stadt bietet, wird sie vom Land Berlin unterstützt. Diese Kofinanzierung ist Teil eines breiten Fördernetzwerkes, das die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen inzwischen für die Modedesigner ausgespannt hat. So unterstützt sie die parallel zur Fashion Week stattfindende Showroom-Meile, die Mode aus Berlin für eine breite Öffentlichkeit präsentiert. Die Senatsverwaltung hilft dabei, dass Berliner Modedesigner sich auf den Messen in Paris und Kopenhagen präsentieren können. Mit der Investitionsbank Berlin hält sie einen Wachstumskapitalfonds und ein Mikrodarlehensprogramm bereit.
Große Modevergangenheit
Berlin hat eine große Modevergangenheit, vor allem in der Konfektion. Mitte des 19. Jahrhunderts begann der systematische Ausbau der Bekleidungsindustrie, zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte Berlin zu den größten Modemetropolen weltweit.
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Noch in den Fünfzigerjahren war hier der wichtigste Produktionsstandort für Konfektion in Deutschland mit 40.000 Beschäftigten. Berliner Modeschöpfer wie Heinz Oestergaard und Uli Richter wurden international bekannt, es gab sogar eine Haute Couture. Doch nach dem Bau der Mauer 1961 fehlten erst die Schneiderinnen aus Ostberlin, dann führte die Insellage Westberlins dazu, dass die Firmen nach München oder Düsseldorf abwanderten.
Der Modestandort Berlin war tot. Zaghafte Versuche in den Achtzigerjahren, ihn wiederzubeleben, scheiterten vor allem am Dilettantismus der selbsternannten Schneider. Hosen aus Plastiktüten wollte keiner tragen. In den Neunzigerjahren waren die bedruckten T-Shirts die ersten Anzeichen eines neu aufkeimenden Modeinteresses. Dass Berlin so schnell zur Metropole des Modedesigns – nicht der Herstellung, in großen Stückzahlen produziert wird weiterhin anderswo – aufgestiegen ist, verdankt die Stadt zweierlei: den hervorragend ausgebildeten Absolventen der Modehochschulen, die hier ein eigenes Label gründeten. Und der Tatsache, dass im Januar 2003 gleich zwei Messen an den Start gingen: die Premium als Plattform für innovative Marken und die Bread & Butter als Fachmesse für Urban- und Streetwear. Wiederbelebung des Modestandorts
Endlich kamen bedeutende Aussteller wie Adidas, Levi‘s und Nike nach Berlin. Und lokale Labels wie von Wedel & Tiedeken, Pulver oder Macqua konnten ihr Können in einem professionellen Umfeld zeigen. Als die Bread & Butter im Januar 2007 nach Barcelona umzog, befürchteten viele, mit dem schnell erworbenen Ruhm der Modestadt Berlin könnte es noch schneller vorbei sein. Doch der Ruhm blieb. Marken wie Kaviar Gauche, Frank Leder und Sisi Wasabi waren inzwischen international erfolgreich. In Potsdam gab es Wolfgang Joop mit Wunderkind. Michael Michalsky zog nach Berlin. Im Juli 2007 startete die Mercedes-Benz Fashion Week.
Und jetzt kehrt die Bread & Butter zurück. „Wir haben die historische Chance bekommen, den ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof als Veranstaltungslokalität zu nutzen – und sie ergriffen“, sagt Karl Heinz Müller, Macher der Messe. Das Flughafengebäude ist eine einmalige Location, von der sich nicht nur er einen weiteren Schub erhofft. 80.000 Fachbesucher werden erwartet, davon wollen alle profitieren. So haben die Verantwortlichen der Mercedes-Benz Fashion Week und aller anderen Mode-Events ihren Veranstaltungszeitraum auf den Termin der Bread & Butter geschoben. Im Modefieber
Vom 1. bis 5. Juli steht Berlin also ganz im Zeichen der Mode. Für die Großen wie die Kleinen. Dass sie den Sog nutzen möchten, gibt Frans Prins gern zu. Er ist einer der drei Gründer von thekey.to – international event for green fashion, sustainable lifestyle & culture. „Ich sehe Green Fashion als Avantgardebewegung“, erklärt der gebürtige Niederländer. Im Oktober 2007 hatte er die fair fashion affair veranstaltet, der erste gemeinsame Auftritt trendiger Eco-Labels aus Deutschland. Die werden immer mehr, fast 50 Marken wird thekey.to präsentieren.
Berlin im Modefieber, das wäre nicht möglich, würden nicht Netzwerke und Läden kontinuierlich am Aufstieg des Standorts arbeiten. Von den großen Kaufhäusern haben die Galeries Lafayette mit der Förderung der hiesigen Kreateure begonnen. Seit 2004 geben sie jedes Vierteljahr drei Berliner Modedesignern die Chance, Stücke auf der Ausstellungsfläche „labo mode“ zu zeigen. Unter den Netzwerken hat Create Berlin, gegründet im Januar 2006, viel für die Modemacher getan und ihnen die Gelegenheit gegeben, sich im Ausland zu präsentieren. Das Modenetzwerk berlinerklamotten informiert auf seiner Onlineplattform über 140 lokale Labels, von denen man einen Teil auch im gleichnamigen Store in den Hackeschen Höfen findet. Viele Berliner Designer haben inzwischen eigene Läden eröffnet, vor allem im Bezirk Mitte. |
Stefanie Dörre
ist Redakteurin beim Berliner Stadtmagazin „tip“.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2009
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online-redaktion@goethe.de
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