Modethemen in Deutschland

Schöne Seiten: die deutschen Independent-Modemagazine

„WeAr“ Global Magazine, Design und Konzeption Alexander Lipsius und Sandra Dunkel, Berlin, Copyright: WeAr

Cover „Liebling“ August 2008, Copyright: Liebling

Cover „Liebling“ November/Dezember 2008, Copyright: Liebling

Avantgarde statt Mainstream, Internationalität, ein eigener Stil und eine kulturelle Perspektive auf Mode – das sind Charakteristika dieser Independent-Magazine.

Markus Peichl ist kein unkritischer Mensch. Doch in seinem Magazin hat nur Platz, was er und die Redaktion besonders mögen.
„Wir berichten über die Dinge, die wir selber lieben“, sagt der Herausgeber von Liebling. Der unverwechselbare Ansatz ist ihre radikale Subjektivität.
Doch bei dem Themenspektrum, das die „Zeitschrift für Mode, Film, Musik und Kunst“ abdeckt, ist sie in guter Gesellschaft.

Liebling wurde 2007 gegründet und ist damit ein später Vertreter eines Phänomens, das in Deutschland in den letzten Jahren immer mehr an Fahrt gewonnen hat: Independent-Magazine, die sich entweder ausschließlich mit Mode beschäftigen, oder die Mode als Teil der zeitgenössischen Kultur begreifen.

So etwas kannte man beispielsweise aus England mit Publikationen wie I-D und The Face, nicht jedoch aus Deutschland mit seiner starken Trennung zwischen Ernst und Unterhaltung. Hier gab es die nationalen Ableger internationaler Modemagazine wie Vogue oder Elle. Ansonsten kam Mode früher vor allem – bis auf die Schnittmusterhefte von Aenne Burda – in Frauenmagazinen vor, neben Kochrezepten und Schminktipps. Kein Umfeld, das adelte, sondern das Kleidung auf ihre Alltagstauglichkeit reduzierte.
Alle Bereiche sind von Mode durchdrungen
Doch wie wurde Mode zur Kultur? „Seit den Achtzigerjahren spielt Popkultur im kulturellen Kontext eine immer größere Rolle, und damit auch die Mode“, erklärt Peichl. „Der Graben zwischen Ernst und Unterhaltung wird immer weiter zugeschüttet.“ So kann in Liebling eine Gürtelschnalle von Thom Browne ebenso akribisch besprochen werden wie ein Film, und die Kurzgeschichte eines Jungliteraten neben einer Modestrecke stehen.

„Heutzutage sind alle Bereiche von Mode durchdrungen. Mode ist eine der Leitdisziplinen überhaupt“, sagt Jörg Koch, Chefredakteur des Kunst- und Modemagazins 032c. Es gewann im März 2008 die Lead Awards, den Oscar der deutschen Medienbranche. „Die Zeitschrift verkauft im nicht-deutschsprachigen Ausland über 35.000 Exemplare und ist damit ein wichtiger Kommunikator für deutsche Kunst und deutschen Stil in den USA, Europa und dem asiatischen Raum“, lautete die Begründung der Jury.

032c erscheint ausschließlich auf Englisch und ist in seiner Aufmachung in einer geradezu asketischen Weise avantgardistisch. So ging man das Thema Mode zunächst mit akademischen Essays an. Heute sind mehrere große Modestrecken im Heft, ganz klassisch aufgemacht. Die Fotos stellen die Kleidung in den Mittelpunkt, die Texte beschränken sich auf die Namen der Modemacher – vor allem die Grenzgänger unter den Großen: Christopher Kane, Maison Martin Margiela, Alexander McQueen.
Ganzheitlicher Anspruch
Die Magazine nehmen Mode ernst und behandeln sie als Teil zeitgenössischer Kultur. So erklärt der Chefredakteur von Qvest, Michael Kaune: „Die thematischen Grenzen sind fließend. Wer Mode zeigt, bewegt sich zwingend in einer Welt, die auch aus Gesellschaft, Kunst, Kultur, Design, Historie, Metropolen, besonderen Orten, Design, Kosmetik und Mobilität besteht.“

„Qvest“ Sommer 09, Copyright: Qvest

„Qvest“ Sommer 09, Copyright: Qvest

Cover „032c“, Sommer 2009, Copyright: 032c

Cover „032c“, Sommer 2007, Copyright: 032c

Cover „Style“, September 2009, Copyright: Stylemag

Ähnlich ganzheitlich ist auch der Anspruch des Lifestylemagazins Deutsch, das Mode, Kunst, Fotografie, Design, Architektur und Musik verbindet. Das Gesellschaftsmagazin Dummy dreht sich in jeder Ausgabe um ein anderes Thema – Glück, Männer, Tiere – und wird von jeweils anderen Art-Direktoren gestaltet. An Hekmag können sich Kreative wie Architekten, Filmemacher oder Musiker direkt mit Beiträgen beteiligen (das Magazin macht gerade eine Pause). Das Neue Mode Magazine positioniert sich zwischen Avantgarde und Kommerz und setzt vor allem auf Fotostrecken.

Bereits 1994 hat Style and the Family Tunes dieses Mischkonzept verfolgt. „Wir waren die Ersten im Segment Independent und haben uns behauptet“, sagt Gründerin und Chefredakteurin Cathy Boom. „Bei uns geht es um den ungewöhnlichen Blick“. In all den Jahren hat sie Style and the Family Tunes immer wieder verändert. Die letzte Neuerung: Das Magazin erscheint nur noch vierteljährlich, dafür bringt die Homepage stylemag-online.de aktuelle Meldungen.

„Style“, Copyright: Stylemag

„Achtung“ 10/2008, Copyright: Achtung

Modekultur in Bild und Sprache
Doch es gibt auch reine Modemagazine unter den Independents. Zu ihnen zählt Achtung. Gründer und Chefredakteur Markus Ebner hatte viele Jahre in den USA gearbeitet, unter anderem bei einer Modezeitschrift. Bei seinen Deutschlandbesuchen fiel ihm auf: „Es gibt hier kein vernünftiges Modemagazin.“ Also gründete er 2003 eines. „Wir nehmen Mode ernst und wollen eine Modekultur in Bild und Sprache aufbauen.“

Ebner arbeitet mit Fotografen aus dem deutschsprachigen Raum. Viele von ihnen haben Preise gewonnen, auch mit ihren Bildstrecken für Achtung. Wenn möglich, werden die Models an Locations in Deutschland aufgenommen. Doch als Promoter deutscher Mode sieht Ebner sich nicht. Für ihn setzt die internationale Modeszene den Standard. Deutsche Designer kommen in Achtung nur vor, wenn sie seine Qualitätsmaßstäbe erfüllen. So wie die Berliner Modemacherin Sabrina Dehoff. Dem Bericht über sie räumt Ebner ebenso viel Platz ein wie dem über Dior.

„Achtung“ 12/2007, Copyright: Achtung

„Mode Depesche“, Cover, Ausgabe Nr. 9; FOTO: Maurice Schletens & Ward Janssen

„Mode Depesche“ No. 07, Collection: Ralf Simons, Foto: Geoffrey Cottenceau und Rumain Rousset

Innenseite „WeAr“ Global Magazine, Copyright: WeAr

Information und Herzblut
Ein weiteres reines Modemagazin ist die Mode Depesche. Sie erscheint, wie Achtung, halbjährlich zur Winter- und zur Sommersaison. Die Herausgeber, der gelernte Innenarchitekt Andreas Hoyer und der Modedesigner Andy Scherpereel, führen in Köln den Modeladen Heimat. „Uns geht es um die Passion Mode, die Möglichkeiten und die Fantasie, die darin stecken“, sagt Hoyer. Das gilt für ihren Laden wie für ihr Magazin. Die Mode Depesche kann man als Hochglanz-Fanzine bezeichnen, das Information und Herzblut verbindet.

Ein Magazin für Modeprofis, das Laien in Staunen versetzt, ist WeAr. Herausgeber Klaus Vogel stellt viermal pro Jahr ein katalogdickes Kompendium der Trends zusammen, vor allem in Bildern. Darin findet man mehrere Doppelseiten mit Sneakers oder bedruckten T-Shirts. „Wir wollen ausgewählte Mode so fotografieren, dass man die Teile quasi anfassen kann“, erklärt Vogel. Zielgruppe sind führende Modehändler und Departmentstores, die mit diesem Fashionworkbook global einkaufen. Aber natürlich ist WeAr auch eine Trendbibel für Fashionistas.
Stefanie Dörre
ist Redakteurin beim Berliner Stadtmagazin „tip“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2009

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