„Hiatamadl“ im Großstadtdschungel – Tracht ist Mode

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Immer gleich und ewig neu: Die Trachtenmode erobert Terrain – vor allem in süddeutschen Kleiderschränken. Tracht ist „in“ und Tradition ist Trumpf, das beweist der anhaltende Hype um Dirndl & Co – erst recht anlässlich des alljährlichen Oktoberfests. Doch während die einen an überlieferten Formen festhalten, punkten andere mit einem Feuerwerk frecher Ideen: Eine Riege junger Labels setzt dem Billig-Dirndl-Trend der letzten Jahre ein Aufgebot an couturig-verspielten Galaroben entgegen.
Wenn Ende September der Schlachtruf „O‘zapft’ is!“ („Angezapft ist!“) durch die Wiesn-Zelte hallt, feiern Schürzen, Rüschen und Haferlschuh ihr alljährliches Comeback im Münchner Straßenbild. Auch 2009 stürmen Hunderttausende in der Kluft der Bauern, Jäger und Hütermadln die Sitzbank. Das war nicht immer so: Was vor zehn Jahren noch beinahe als peinlich galt, ist heute ein Muss: Gefeiert wird in allem, was Balkon – will heißen Dekolleté – oder Mieder hat, weit ums Maderl-Knie schwingt oder stramme Männer-Wadln betont. Ein Spielverderber, wer da nicht mithält, sondern im Alltagsgewand die Wiesn beehrt. Tracht ist nicht statisch
Von Einheimischen als Mega-Kostümfest, Motto-Fete oder größtes Brunft-Fest der Welt belächelt, ist die Wiesn vor allem eine Gesamtschau aktueller und nicht ganz so aktueller Trachtentrends. Von original Hirschledernen und Haferlschuh’n über Pfoad (Männerleinenhemd) und Waschdirndl reicht die Palette bis hin zu Sackleinen-Landhaus-Look und allerlei exotisch-buntem Fantasy-Gewand.
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Sogar Totenkopf-Drucke oder Tartan-Karo gibt es in der aktuellen Saison zu sehen – so manchem Traditionalisten gehen die modischen Auswüchse jedoch über die gamsbartbesetzte Hutschnur.
Er übersieht dabei, wie sehr das Gehabte von neuen Einflüssen profitiert – und es immer getan hat. Das reicht bis zum Dirndl aus arabisch inspirierten Stoffen oder indischen Paisley-Mustern.
„Bereits im 18. Jahrhundert gab es im bäuerlichen Bereich Schals mit den ursprünglich orientalischen Mandelmustern, die wir heute als Paisley-Muster bezeichnen, und die Federn mancher Männerhüte stammten vom asiatischen Schlangenhalsvogel“, weiß Alexander Wandinger vom Trachten-Informationszentrum (TIZ) in Benediktbeuern. „Über die Jahrhunderte hinweg haben die Bäuerinnen immer wieder die Stadtfrauen nachgeahmt – und umgekehrt. Tracht ist nicht rückgewandt und statisch, Tracht ist Mode!“, sagt der Experte. Er muss es wissen: Der Fundus des TIZ mit einem Archiv aus 4.000 Original-Kleidungsstücken und rund 20.000 Bildern zeigt, dass Tracht regelmäßig neue Tendenzen aufgegriffen hat. „Was also heißt authentisch?“ fragt Wandinger folgerichtig und weigert sich standhaft, fixe Pro-forma-Gebrauchsanweisungen fürs richtige Dirndl-Tragen herauszugeben. Auch wenn zahlreiche Anfragen aus Europa und den USA ihn dringend darum bitten. „Schürzenschleife links bedeutet ledig, Schleife rechts: verheiratet – das ist aus der Luft gegriffen“, räumt Wandinger ein und damit einen verbreiteten Merksatz aus der Welt. „Das gibt es in manchen Regionen, seit vielleicht 100 Jahren, in anderen wird häufig in der Mitte gebunden“. Happy Heidi
„Ich freu mich, wenn Tracht dazu beiträgt, dass Menschen sich wohlfühlen. Manche Männer schauen allerdings aus wie reingschoss’n in ihre Lederhosen,“ amüsiert er sich.
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„Lollipop & Alpenrock“-Erfinderin Lola Paltinger sieht vor allem bei den Proportionen und Passformen Grenzen. „Mir ist wichtig, dass meine Dirndl mehr als nur den Po bedecken“, sagt die erfolgreiche Designerin, die vor zehn Jahren mit als Erste begann, einen ganz eigenen, neuen Look zu schaffen – mit Perlen, Bändern, Borten, Tüll sowie einem deutlich wahrnehmbaren Augenzwinkern.
Das kam trotz Preislagen ab circa. 2.300 Euro für ein komplettes Dirndl mit Drum und Dran so gut an, dass Paltinger 2008 eine günstigere Zweitlinie namens „Happy Heidi“ auf den Markt brachte. Obwohl inzwischen mehrfach nachgeahmt, bleibt ihr edel-origineller Ansatz unerreicht. Den Hang zum Heimatlichen sieht die Esmod-Absolventin als weiterhin ungebrochen: „Die Nachfrage bleibt, man schätzt Tradition und Heimat und auch den couturigen Umgang damit“, stellt sie fest, und fügt an: „Wobei München da schon eine Art Insel für sich darstellt.“ Ihr Atelier in der Münchner Innenstadt liegt dabei nur einen Steinwurf von den Umschlagplätzen der Ready-to-go-Folklore entfernt. Bereits ab 19 Euro gibt es hier Second Hand-Textilien aus Drittweltländern, importiert aus Italien, Marokko und der ganzen Welt. Käuferinnen aus Kiel und Kempten finden hier Geblümtes und Gerafftes in Pink, Schwarz oder Lila, heiß gehandelte Trendfarben der Saison. Dass hier alle Teile zum selbst Kombinieren sind, verrät das Ergebnis allzu oft. Dirndl-Couture
Wer Service schätzt und Sachverstand, setzt lieber auf Traditionshäuser wie Loden-Frey München am Dom, wo eine gesamte Etage mit Trachtigem zur Auswahl steht. Auch hier ist Dirndl-Couture en vogue: „Das meistgefragte Teil ist das Dirndl“, sagt Gabriele Hammerschick, langjährige Leiterin Einkauf und Design. Das kommt in diesem Jahr seidig-opulent bis klassisch-pflegeleicht daher, gern auch mit Petticoat, pelzverbrämten Jäckchen und Hut kombiniert. Während das alljährliche Loden-Frey Wiesn-Dirndl heuer auf Unifarbe in Mintgrün, Brombeere oder Silbergrau setzt, zeigt sich die Phalanx der vertretenen Labels detailverliebt, spielerisch und mit Noblesse: Lanz, Anina W. und Sportalm, Trentini-Couture oder Geschmackvolles aus der „Black Magic“-Kollektion von SchmittundSchäfer. „Der Trend entwickelt sich weiter und immer mehr junge Kunden identifizieren sich mit der Tracht. Außerdem wird die Tracht nicht nur zum Oktoberfest getragen, sondern auch zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten“, sagt Hammerschick. Zur Riege der jungen Designer, die Tracht ins Hier und Heute zu übersetzen verstehen, gehört auch Ophelia Blaimer. Ihr 2005 gegründetes Label „One of a kind“, bietet Unikate, die sich aus mehreren Einzelteilen zusammensetzen und multifunktional variiert werden können – ein Beleg mehr dafür, wie der Kleiderstil der Altvorderen das Leben der Gegenwart erobert. „Die Trachtenmode ist alltagstauglich und chic geworden, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, was Farbe, Schnitt und Stoffe betrifft“, erklärt Ophelia Blaimer, die bisher noch als One-Woman-Show arbeitet. Sie verbindet duftige Stoffe, handgearbeitete Blumen, Ornamente und Schleifen mit antiken Perlen und Knöpfen zu feenhaft-eleganten Elfenkostümen für Großstadt-Prinzessinnen. 30 bis 35 Stunden benötigt sie für solch ein Outfit, das den „Hiatamadln“ (Hirtinnen) von Hamburg bis zum Herzogpark in München den nostalgisch-glanzvollen Auftritt sichert. Franziska Horn
ist studierte Dipl.-Designerin (FH) und schreibt als Fachjournalistin zu den Themenschwerpunkten Design und Modernes Leben. Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion September 2009 Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns! online-redaktion@goethe.de |



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