Modethemen in Deutschland

Weg mit dem Wollsocken-Image: Ökomode und Design sind kein Widerspruch mehr

Kollektion Vilde Svaner; Copyright: Vilde Svaner

Herrenkollektion Magdalena Schaffrin; Copyright: Magdalena Schaffrin


Biobaumwolle statt Schadstoffe: die sogenannte Eco-Fashion wird immer populärer und immer modischer. Vor allem junge Labels verbinden cooles Design mit der Philosophie der Nachhaltigkeit.

Als Veranstaltungsort für den Green Showroom hat Magdalena Schaffrin das Adlon, Berlins bekanntestes Luxushotel, gewählt. Das ist kein Zufall, sondern ein Statement. Denn die Labels, die die junge Modedesignerin bei dieser Messe präsentiert, gehören alle in ein Segment, das sie „Ökoluxus“ nennt. „Der Showroom steht für einen neuen Luxusbegriff“, erklärt sie. „Es geht nicht darum, viel Geld auszugeben, sondern es für außergewöhnlich gute Qualität auszugeben.“
Gestalterische und ökologische Ansprüche
Seit Frühjahr 2009 organisiert sie den Green Showroom gemeinsam mit der Schweizer Designerin Jana Keller. Keller stellt mit ihrem Label Royal Blush exquisite Handtaschen aus rein pflanzlich, ohne Chemikalien gegerbtem Leder her, Schaffrin mit ihrem nach ihr benannten Label klassisch anmutende, aber im Detail extravagante Kleidungsstücke aus hochwertigen Ökostoffen. Und weil die beiden vor vier Jahren feststellten, dass es für kleine feine Ökolabels wie die ihren keine angemessene Plattform gibt, haben sie selbst den Green Showroom ins Leben gerufen.

„Damals gab es Messen für Naturtextilien, aber die hatten nichts mit Mode zu tun“, sagt Schaffrin, die in Halle und Berlin Modedesign studiert hat. „Und bei den großen internationalen Messen hatten die Einkäufer keine Zeit, sich über das Thema Nachhaltigkeit zu informieren.“ Doch Schaffrin hat gestalterische und ökologische Ansprüche zugleich. Als sie mit ihren Recherchen für den Green Showroom begann, gab es in Deutschland nur wenige Marken, die beides zusammenbrachten. „Doch in den letzten eineinhalb Jahren sind wahnsinnig viele Labels dazugekommen. Es gibt momentan kaum junge Designer, die sich nicht mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen“, sagt sie.
Modemarkt der Zukunft
Ähnliche Erfahrungen hat Frans Prins gemacht. Der Niederländer mit Wohnsitz Berlin hat die erste Modenschau zur Eco-Fashion in Deutschland organisiert. Das war im Oktober 2008, und die „Fair Fashion Affair“ konnte gerade mal zehn Labels präsentieren, darunter Kleider aus recycelten Flugzeugdecken von Ketchup&Majo und die T-Shirts von armedangels, einem Kölner Label, das inzwischen neben dem Verkauf der eigenen Shirts einen Onlinestore mit grüner Mode internationaler Marken betreibt.

Green Showroom; Copyright: Magdalena Schaffrin

Damenkollektion Magdalena Schaffrin; Foto: Mischa Heintze für *magdalena schaffrin.

Kollektion „Butt on“ von Ketchup&Majo; Copyright: Ketchup&Majo

„Damals fing die Bewegung gerade erst an“, sagt Prins. „Inzwischen gibt es allein in Deutschland 200 Labels, vielleicht auch mehr, denn gerade im letzten Jahr ist unheimlich viel passiert.“

Dazu hat auch thekey.to beigetragen, die von Prins mit zwei Mitstreitern organisierte Messe. Sie ging im Juli 2009 an den Start und findet seither, wie der Green Showroom auch, zeitgleich mit der Berliner Fashion Week statt. Rund 50 internationale Marken haben an der letzten Ausgabe im Juli 2010 teilgenommen, thekey.to zeigt die ganze Bandbreite der grünen Mode: von Babyschuhen über Streetwear und klassischer Damenoberbekleidung, beispielsweise von Kaethe Maerz, bis hin zu Hightech-Firmen wie Pyua. Die Kieler machen Outdoorbekleidung für Snowboarder und Skifahrer auf der Basis von recyceltem Polyester und bekamen dafür von der Münchner Sportmode-Messe ISPO den „Eco Responsibility Award“ verliehen.
Der Stil muss überzeugen
„Wir haben thekey.to gegründet, weil wir glauben, dass Eco-Fashion der Modemarkt der Zukunft ist. Und diese Entwicklung wollen wir beschleunigen“, erklärt Prins. Über 3.000 Besucher sind zu der Messe Anfang Juli gekommen, darunter Einkäufer aus Indien, den USA und Japan. Sie haben unter anderem die Jungdesignerin Isabell de Hillerin entdeckt, die aus feinsten Geweben und traditionellen rumänischen Stoffen betörend schöne Kleider gestaltet. Ihre Kollektion wird demnächst im Trendkaufhaus „Open Ceremony“ in Tokio erhältlich sein. Denn die „neue“ Ökomode, die eben nicht nur auf „Bio“, sondern auf die eigene stilistische Handschrift setzt, wird längst nicht nur in Ökomodeläden verkauft, sondern auch in Concept Stores und Boutiquen mit Avantgarde-Anspruch. Sogar die Einkäufer der großen Kaufhäuser kommen und gucken. „Nur der Stil überzeugt, auch bei der Eco-Fashion“, sagt Magdalena Schaffrin. „Wenn ein Kleidungsstück nicht gut aussieht, dann verkauft es sich nicht.“

Deshalb sind vor allem die Modemacher in der Verantwortung, wenn sich die grüne Mode weiter durchsetzen soll. Obwohl es in Deutschland nach Expertenschätzung etwa 18 Prozent Lohas gibt – die Abkürzung steht für „Lifestyle of Health and Sustainability“ – und diese Menschen auch die Zielgruppe für Ökomode sein könnten, geben sie nur einen winzigen Bruchteil ihres Geldes für Eco-Fashion aus, wobei jedoch der Umsatz in dem Bereich stark wächst.
Kollektion Isabell de Hillerin; Copyright: Isabell de Hillerin

HW-Kollektion 2010/2011 Kaethe Maerz; Copyright: Kaethe Maerz

Trotzdem: Die Lohas fragen eher nach Biogemüse als nach Biobaumwolle. Vermutlich, weil der Ökomode zu Unrecht immer noch das Image von Sackkleidern und Wollsocken nachhängt. Und die Mode hinkt den Bio-Lebensmitteln auch noch in einem anderen Punkt hinterher: Den Siegeln. Öko ist im Modebereich kein geschützter Begriff. Wenn ein Kleidungsstück aus Biobaumwolle ist, bedeutet das noch lange nicht, dass es schadstofffrei weiterverarbeitet wurde. Es gibt jedoch inzwischen auch Qualitätszeichen, beispielsweise „Naturtextil-IVN zertifiziert“ und den Global Textile Standard (G.O.T.S.).
Der Nachhaltigkeit verpflichtet
Doch die jungen Modedesigner scheinen sich immer mehr der Nachhaltigkeit zu verpflichten. „Unglaublich, was sich da tut“, sagt Bernd Hausmann. Er hat vor dreieinhalb Jahren in Nürnberg den ersten Glore Store gegründet, einen Modeladen nur für Ökokleidung, der inzwischen Ableger in München und Hamburg hat. Öko, fair gehandelt und ansprechendes Design, diese drei Kriterien muss ein Kleidungsstück erfüllen und ihm obendrein noch gefallen, dann nimmt Hausmann es ins Sortiment auf. Er unterscheidet zwischen Naturtextilien und Green Fashion, der Ökomode mit gestalterischem Anspruch.
Herrenkollektion slowmo; Copyright: Slowmo

Kollektion PUYA; Copyright: PUYA

Aktuelle Kollektion armedangels; Copyright: armedangels

Läden wie Glore haben Pionierfunktion, denn ohne sie wäre es für die Kunden schwierig, die kleinen Eco-Labels zu finden. Doch inzwischen haben viele Städte Green Fashion Stores: Suburbia in Düsseldorf, Fairtragen in Bremen, Grüne Wiese in Münster, organic c in Frankfurt und Wiesbaden, maygreen in Hamburg. Die meisten dieser Läden betreiben einen Online-Shop und informieren, wie auch die Plattform Grüne Mode, über Labels und Neuigkeiten. „Bei uns ist es familiärer als im klassischen Textilhandel. Es gibt Netzwerke, und wir unterstützen uns gegenseitig, weil wir gemeinsam an etwas glauben“, sagt Bernd Hausmann, der neben dem Glore Store auch den gleichnamigen Onlineshop betreibt.
Wider die Schnelllebigkeit
Dort ist unter anderem die Kollektion von Vilde Svaner erhältlich. Anne Gorke und Antje Wolter arbeiten trotz des skandinavischen Labelnamens in Weimar, wo auch die meisten Stücke gefertigt werden. „Wir wollen Mode machen, das ist unser Anspruch, daran hängt unser Herzblut“, sagt Anne Gorke. „Aber es war uns auch klar, dass wir nur ökologische Materialien verwenden. Das fanden wir selbstverständlich.“ Mit ihren klaren, aber femininen Schnitten und dem Spiel von Enge und Weite haben sie schnell für Aufmerksamkeit gesorgt. Vilde Svaner tauscht die Kollektion nicht jedes halbe Jahr aus, sondern die Stücke bauen aufeinander auf und werden von Saison zu Saison um neue Teile ergänzt, sodass man sie zehn Jahre tragen kann, wie Anne Gorke sagt.

Damit liegt Vilde Svaner im Trend. Viele der Eco-Fashion Designer verweigern sich der Schnelllebigkeit, die in den letzten Jahren immer mehr zum Grundprinzip der Mode geworden ist, mit den saisonalen „It-Pieces“ und der entsprechenden halbjährlichen Entsorgung derselben. Da es vor allem die jungen Designer sind, die sich der Nachhaltigkeit verschreiben, kreieren sie Kleidung für ihre Generation. Der Bereich der Streetwear ist stark vertreten. Labels wie Slowmo und Ken Panda, Monkee Clothing und Toodot produzieren Basics, beispielsweise T-Shirts, Hoodys und Sweater, die man deutlich länger als eine Saison tragen kann. Denn Langlebigkeit ist ein entscheidender Faktor für Nachhaltigkeit.


 
Stefanie Dörre
ist stellvertretende Chefredakteurin des Berliner Stadtmagazins „tip“.

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August 2010

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