Createurope – Sprungbrett für Jungdesigner

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Wettbewerbe sind Sprungbretter für junge Modedesigner. Die Designer, die bei „createurope. THE FASHION DESIGN AWARD“ des Goethe-Instituts mitgemacht haben, haben ihre Chancen gut genutzt – auf ganz verschiedene Weise. „Einige sind ganz groß rausgekommen“, sagt Julia Knüpfer. „Doch eigentlich hört man von allen noch was, da ist keiner einfach verschwunden.“ Die 28-jährige Modedesignerin hatte 2008 bei „createurope. THE FASHION DESIGN AWARD“ teilgenommen und ist seit der Gründung ihres eigenen Labels ica watermelon (die Abkürzung für „I carried a watermelon“) im Jahr 2009 so vielbeschäftigt, dass sie normalerweise nicht dazu kommt, über die Vergangenheit nachzudenken. Doch natürlich verfolgt sie, was sich in der internationalen Modeszene tut. Und jetzt, anlässlich des Gesprächs über createurope, fällt ihr auf, wie häufig sie etwas über die anderen 29 jungen Modemacher liest, die in der derselben Runde des Wettbewerbs zu den Finalisten zählten wie sie. Auf Erfolgskurs Michael Sontag zum Beispiel, der nach dem Diplom ebenfalls sein eigenes Label gegründet und dieses im Juli 2009 auf der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin, der bedeutendsten Modeveranstaltung in Deutschland, in einer Einzelschau vorgestellt hat. Die berühmte Modekritikerin Suzy Menkes sah die Schau und hob ihn als großes Talent hervor – ein Lob von allerhöchster Stelle. Bei der neunten Berliner Fashion Week 2011 eröffnete Sontag diese sogar mit seiner Modenschau. Oder Iris van Herpen, die Niederländerin, die gerade mit ihren glänzenden 3D-Kreationen ihren Platz in der Haute Couture erobert, indem sie eine Art Ritterrüstung, nur wunderbar filigran, für Frauen entwirft. Und Cem Cako, der erst als Designer bei Helmut Lang in New York den Look der Herrenlinie mitverantwortete und jetzt Mitbesitzer einer Agentur für kreative Dienstleistungen im Bereich Mode und Stil ist. Julia Knüpfer hatte bei der createurope-Schau umwerfend schöne Strick-Stoff-Kombinationen mit viel Volumen gezeigt: Strick, der hohe Wellen schlägt, gehäkelte Jacken, die an Korallenriffe erinnern, und Kleider aus überdimensionalen Flechtarbeiten. Ein Stil, der zwei Jahre später die Modewelt erobern sollte, an den zu dem Zeitpunkt jedoch noch keiner gedacht hatte. Ihre Kollektion war damals schon ökologisch und fair produziert, was heute ein Merkmal ihres Labels ist, wie auch die Verbindung von Strick und Stoff. Einen Preis bekommen hat sie damals nicht. „Mir war nicht so wichtig, ob ich gewinne. Ich wollte einfach nur dabei sein“, sagt sie. |
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Vorher hatte Julia Knüpfer nur bei ein paar kleinen Wettbewerben an ihrer Schule Esmod Berlin mitgemacht. „Für mich war createurope eine Supersache, weil es so groß aufgezogen war“, erzählt sie. „Und ich hatte unheimlich viel Feedback, das stärkt auf jeden Fall das Selbstbewusstsein.“ Ihr Selbstbewusstsein war danach so groß, dass sie sich für den Designer for Tomorrow Award, den aktuell wichtigsten deutschen Nachwuchs-Förderpreis, bewarb und die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung im Januar 2009 gewann. Danach machte sie sich mit ica watermelon selbständig. „Ich arbeite gerne selbstbestimmt“, sagt sie. Die Wettbewerbe haben ihr dabei geholfen, den Traum vom eigenen Label zu verwirklichen.
Mode als Kulturtechnik Die Idee für createurope hatte Ulrich Sacker, heute Leiter des Goethe-Instituts in Lyon, damals Leiter des Hauptstadtbüros des Goethe-Instituts in Berlin. Die Kreativindustrie in Deutschland wuchs rasant und Ulrich Sacker wollte diese Entwicklung aufgreifen. Nicht nur national, sondern international. Aus diesen Überlegungen erwuchs dann „createurope. THE FASHION ACADEMY AWARD“, ein Modewettbewerb, der sich an Studierende und junge Labels (die nicht länger als ein Jahr auf dem Markt sein durften) in ganz Europa richtete. Sacker konnte weitere europäische Kulturinstitute als Partner gewinnen, außerdem unterstützte die Gemeinschaft der europäischen Kulturinstitute EUNIC Berlin createurope.
Der Wettbewerb verfolgte vor allem zwei Ziele. Erstens sollten junge Modedesigner gezielt gefördert werden: die Gewinner erhalten kostenfreie Ateliers, Coaching, Stipendien, bezahlte Praktika. Zweitens begreift der Wettbewerb Mode als Kulturtechnik. „Bei der Auswahl der 30 Finalisten aus über 1.000 Einsendungen ist uns aufgefallen, wie viele der jungen Modemacher sich auf zeitgenössische Künstler beziehen oder persönliche Geschichten erzählen, die auch die Situation in ihren Ländern widerspiegeln“, sagt Ulrich Sacker. Die Resonanz auf die Ankündigung des Wettbewerbs bei den Modehochschulen war enorm. Im Vorfeld gab es Kick-Off Veranstaltungen in ganz Europa. In Zagreb, vor dem Hintergrund der Kriegsgeschichte Kroatiens, wurden sehr ernste, fast schwermütig wirkende Modelle in Witwenweiß oder schwarz gezeigt, erinnert sich Sacker. In Athen bestimmten Erotik, Gold, Glitter und Phantasiereichtum die Modenschau. Das war 2008, heute würde Griechenland aufgrund der Schuldenkrise wohl eher Trauer tragen. Denn, so Ulrich Sacker: „Man merkt der Mode an, welche geschichtlichen Stadien die Länder durchlaufen, in denen sie entsteht. Das transportiert die Mode ideal und von den jeweiligen Sprachen unabhängig, denn sie ist zu 100 Prozent nonverbale Kommunikation.“ 2009 zur zweiten Runde von createurope waren dann neben dem europäischen Nachwuchs auch junge Modemacher aus Nordafrika und dem vorderen Orient eingeladen. In die dritte Runde sollten dann die afrikanischen Länder südlich der Sahara miteinbezogen werden. Doch dazu kam es nicht mehr. Der Hauptsponsor, das Versandhaus Quelle, meldete Insolvenz an. Was auch das vorläufige Aus für createurope bedeutete. Der Wettbewerb muss pausieren, bis ein neuer Sponsor gefunden ist. | |
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Kulturelle Mischung und kreative Energie
Jennifer Browarczyk, die Projektmanagerin in beiden Runden, wird wehmütig, wenn sie an createurope denkt. „Ich habe sehr schöne Erinnerungen an den Wettbewerb“, sagt sie. „Die kulturelle Mischung und die kreative Energie, die da zusammenkamen, waren total spannend.“ Sie hat Geisteswissenschaften studiert und vorher über viele Jahre ein Literaturfestival organisiert. Doch seit createurope lässt sie die Modebranche nicht mehr los. Heute arbeitet sie für Fashion Patrons, eine Agentur für die Kreativbranche, bei der sie auf den Bereich Jungedesigner spezialisiert ist.
„Mode ist überhaupt nicht oberflächlich, sondern gehört zur Kulturarbeit“, sagt sie, und erzählt, wie gut ihr 2009 die Kick-Off-Veranstaltung in Casablanca gefallen hat, die in einer alten Kathedrale stattfand. „Da war ein unheimlich junges Publikum, das man sonst nicht bei Veranstaltungen des Goethe-Instituts sieht“, erzählt sie. „Die leben heute im iPad- und iPod-Land, mit einer Lesung erreicht man diese jungen Menschen oft nicht mehr. Aber Mode ist etwas, womit man sie begeistern kann.“ Das ist einer der Gründe, warum sie sich sehr freuen würde, wenn es für createurope einen neuen Sponsor gäbe. | |
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Watch the highlights of createurope's 2008 kick off events throughout Europe! (20:00 Min., 117Mb © Goethe-Institut 2008) | ||
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Ein anderer Grund ist, dass sie den Austausch zwischen den Nachwuchsdesignern für essenziell hält. Sie können sich bei Stoffbestellungen oder der Suche nach Produzenten gegenseitig helfen. Da hat der Wettbewerb ein weitreichendes Netzwerk gesponnen. Und sie hält Beratung bei der Jungedesignerförderung für enorm wichtig. „Die verstehen die Modebranche am Anfang noch gar nicht, deshalb brauchen sie jemanden, der sie berät.“ Aus diesem Grund empfiehlt sie den Jungdesignern, erst einmal ein bisschen Erfahrung in einem großen Unternehmen zu sammeln, bevor sie sich selbständig machen. Danach wüssten sie erst, wie die Branche funktioniert.
Festanstellung oder Selbstständigkeit?
So denkt auch Antonia Funmi Bello. Die Gewinnerin in der Kategorie „Best Upcoming Designer Award“ bei createurope 2009 stand plötzlich vor der schwierigen Entscheidung, ein sechsmonatiges bezahltes Praktikum in Le Village des Créateurs in Lyon zu machen oder eine Stelle als Designerin beim Berliner Schuhlabel Zeha anzunehmen. Sie hat hin und her überlegt, und sich dann gegen das Praktikum als Vorbereitung auf die Selbständigkeit und für die Festanstellung entschieden. Heute gestaltet sie die komplette Herren- und Damenkollektion alleinverantwortlich – in Absprache mit ihrem Chef. Und sie ist immer noch froh über den Schritt.
„Dass ich da reingeschlittert bin, hat mit createurope zu tun“, erzählt die 30-Jährige. Sie hatte ihr Diplom von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin in der Tasche, war unter die 30 Finalisten des Wettbewerbs gekommen – und hatte plötzlich ein paar freie Monate bis zur Entscheidung, wer gewinnt. Also machte sie bei Zeha ein Praktikum im Bereich Mode-PR, um die Zeit zu überbrücken. Schnell rutschte sie dort in den Design-Bereich hinein. Und als sie auf einmal mit einem Bein in Lyon war, „legten die mir einen tollen Vertrag hin“. Sie unterschrieb. „Ein Traumjob für eine Designeinsteigerin. Eine Festanstellung in Berlin bei so einem guten Label bekommt man nicht mehr so schnell. Und ich bin noch nicht so weit, dass ich meine eigene Firma aufmachen möchte“, sagt die gebürtige Baden-Württembergerin. Obwohl der Wunsch noch da ist. Abgesehen davon, dass der „Best Upcoming Designer Award“ ihrem Arbeitgeber auf einmal ihren Marktwert vor Augen führte, war für Antonia Funmi Bello vor allem die Bestätigung ihres Könnens wichtig. „Die Konkurrenz in der Branche ist enorm und man fragt sich ständig, kann ich mithalten“, sagt sie. „Ich habe die Herausforderung gesucht und wollte wissen, wo ich international stehe. Und dafür war createurope top.“ Dass sie sogar Studierende aus Antwerpen und Saint Martins in London schlagen könnte, hatte sie vorher nicht gedacht. Das Leben ist unvorhersehbar
Den Preis in der Kategorie „Best Avantgarde Award“ ging an Lisa Shahno. Die 26-Jährige, die mit ausgefallenen geometrischen Figuren grandiose Kleider austüftelt, macht gerade an der Universität Moskau ihr Diplom. Zwölf Monate hat sie in Berlin verbracht, createurope hat ihr Wohnung und Atelier zur Verfügung gestellt. Was sie von der Teilnahme gelernt hat? „Ich habe mal wieder den Beweis bekommen, dass das Leben unvorhersehbar ist, und das mag ich“, antwortet sie.
Michael Kampe, auch einer der Finalisten, hat zwar nicht bei createurope gewonnen, dafür aber den Diesel Award beim International Talent Support, was ihm ein Preisgeld sowie ein sechsmonatiges Praktikum bei dem italienischen Moderiesen einbrachte. Danach wurde ihm bei Diesel die Stelle als Assistant Designer Male angeboten. „Gutes Design ist relativ. Wie welche Kreation ankommt, ist stark abhängig vom Markt, der Kultur, der jeweiligen Religion und so weiter,“ erklärt er. Das hat er bei createurope gelernt. Und sein eigenes Label hat er trotz der Stelle bei Diesel auch nicht aufgegeben. „Ich versuche, beides gleichzeitig zu verfolgen. Dies ist natürlich etwas anstrengend, doch belohnt die positive Rückmeldung in beidem meine Mühen.“ Viele weitere Finalisten sind ebenfalls auf der Erfolgsspur. Tutia Schaad und ihr Label Perret Schaad, das sie mit Johanna Perret gegründet hat, gehört neben Michael Sontag zu den wichtigsten Aufsteigern in Deutschland. Lena Hasibether und Alexandra Kiesel sind für den im Juli 2011 vergebenen Designer for Tomorrow Award nominiert. In Istanbul ist Baris Tartar erfolgreich. Er macht dort an der Uni seinen Master in Mode- und Textildesign und baut gleichzeitig sein eigenes Modelabel auf. Es ist so, wie Julia Knüpfer sagt. Man hört eigentlich von allen Teilnehmern bei createurope noch etwas. | |
Stefanie Dörre
ist stellv. Chefredakteurin des tip Stadtmagazins in Berlin
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
August 2011
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Schreiben Sie uns!
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