Schauspiel-Agenten: „Wer eitel ist, hat schon verloren“
Der wachsende Erfolg deutscher Filme im Ausland bringt deutschen Schauspielern vermehrt internationale Rollenangebote. Doch der Weg dahin ist lang. Von den 15.000 deutschen Schauspielern haben dabei rund 2000 bis 3000 einen Verbündeten im harten Konkurrenz-Kampf – ihren Agenten.
Bernhard Hoestermann ist einer von Deutschlands erfolgreichsten Schauspiel- Agenten. Was ist sein Geheimnis? „Offenheit ist ein wichtiges Grundprinzip meiner Arbeit. Wenn z.B. für eine Rolle mehrere Klienten aus der Agentur gleichzeitig angefragt werden, sorge ich dafür, dass alle darum wissen. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist es wichtig, dass die von mir vertretenen Schauspieler und unsere Partner auf der Produktionsseite sich gegenseitig schätzen und nicht als Spielkarten in einem Strategie – Poker sehen“.
Ein junges Berufsbild
Anders als im angelsächsischen Bereich, wo es eine lange Tradition von Star- Agenten gibt, kamen die deutschen Schauspiel-Agenten erst 1994 zum Zuge, nachdem die strikten staatlichen Genehmigungsverfahren weggefallen waren. Heute sind rund 250 in Deutschland tätig. Einige von ihnen sind organisiert in zwei Verbänden, dem Verband deutscher Schauspieler Agenturen und dem Verband der Agenturen für Film, Fernsehen und Theater (VdA). Bernhard Hoestermann, Vorstandsvorsitzender des VdA, erläutert die Ziele: „Der VdA bietet regelmäßig Fortbildungsseminare an, denn Schauspiel-Agent ist ein komplexer Beruf. Auf der einen Seite beraten wir unsere Klienten in künstlerischer Hinsicht: ‚Welches Drehbuch ist das richtige? Welches Projekt ermöglicht mir die lang ersehnte Weiterentwicklung in ein anderes Rollenfach?‘ Und auf der anderen Seite geht es um ganz pragmatische Fragen wie Steuern und Sozialversicherung.“ Ein weiteres Ziel ist die Eindämmung der Materialflut. Das Herunterladen von Darsteller- Show - Reels im Internet soll den Versand kostenintensiver DVDs ablösen. Zur Verbandsarbeit gehören ebenfalls filmpolitische Fragestellungen wie z.B. die „angemessene Vergütung" im Rahmen des neuen Urhebergesetzes. International ist die Zusammenarbeit mit der Association of Talent Agents (ATA) und europäischen Initiativen wie Shooting Stars wichtig. Gleichzeitig steht die Pflege und Weiterentwicklung des Berufsbildes im Mittelpunkt.Never change a winning team - Schauspieler und Agent

Neben dem Mythos der „Casting-Couch“ gibt es zahlreiche Filme, die das „Entdecken eines Stars“, den Aufbau einer Karriere, thematisieren. Bespiele dafür sind Hollywood – Blockbuster wie A Star is Born oder Fame, aber auch Dokumentarfilme wie Die Spielwütigen (Andres Veiel, 2005) und Casting in Hollywood (Veit Helmer, 2005). In der Realität geht es wesentlich nüchterner zu. Erfolg hat weniger mit dem zufälligen Glücksgriff als vielmehr mit langjähriger Aufbauarbeit zu tun. Und wie kam er zu diesem facettenreichen Klientenkreis?„Ganz unterschiedlich - es gibt Darsteller, die auf mich zukommen oder von Kollegen empfohlen werden, andere spreche ich an. Außerdem gehe ich regelmäßig zu den Absolventenvorsprechen der Schauspielschulen“.
„Meine Klienten rekrutieren sich in den meisten Fällen aus Schauspielern, die sowohl Theater als auch Film machen.“ Da finden sich z.B. neben Katrin Saß (Good bye, Lenin!) oder Jessica Schwarz (Das Parfüm) Nachwuchs wie Alexander Fehling, der gerade seine erste Auszeichnung für die Hauptrolle im sensiblen Drama Am Ende kommen Touristen (Robert Thalheim) über das deutsch-polnische Verhältnis erhalten hat.
Hand auf Herz – sind die Beziehungen immer glücklich? „Da gibt es auch schon einmal schwierige Situationen, besonders, wenn man einem Klienten erklären muss, warum nicht er, sondern ein anderer Kollege die begehrte Rolle bekommen hat. Da muss man durch ehrliche Kommunikation das Vertrauen immer wieder festigen. Das gilt auch für die Verhandlungen mit Produzenten und Regisseuren. Man ist als Schauspielagent niemals „everybody’s darling“, warnt Hoestermann, „wir sind Mittler zwischen den Stühlen, aber immer ganz nah beim Klienten.“
Schule für Agenten
Bernhard Hoestermann ist ausgebildeter Arzt. Aber auch ehemalige Produzenten, Betriebswirte, Schauspieler oder Casting – Direktoren arbeiten erfolgreich als Agenten. Welche Voraussetzungen sollte man erfüllen, um Schauspiel-Agent zu werden? Hoestermann empfiehlt „schon früh ein Praktikum in einer Agentur, um herauszubekommen, ob man mit der Mittlerrolle klarkommt.“ Man sollte Organisationsgeschick gepaart mit Nervenstärke mitbringen, die man z.B. beim Koordinieren von Drehtagen mit Theaterengagements benötigt. Für die künstlerische Beratung sind dramaturgische Kenntnisse unabdingbar, damit man kompetent bei der Auswahl der geeigneten Drehbücher helfen kann. Juristische Vorkenntnisse und Verhandlungsgeschick bilden die Basis für erfolgreiche Gagenverhandlungen. Sehr gutes psychologisches Einfühlungsvermögen wiederum hilft den Spagat des vernetzten Arbeitens zu meistern: die permanente Kontaktpflege zu Produzenten, Regisseuren und der Presse. Nur so kann man ein sensibles Gespür dafür entwickeln, was die optimalen Chancen für die Klienten sind. Wie sieht es denn mit der Zukunft des Berufsstandes aus angesichts von Schauspieler-Datenbanken im Web wie The Spotlight oder e-talenta? „Ich sehe dieses Angebot als ergänzend“, sagt Hoestermann, „Portale können die Beratung, die sowohl für die Darsteller als auch für Caster, Produzenten und Regisseure wichtig ist, nicht ersetzen.“Entscheidend jedoch ist eine echte Leidenschaft für die Arbeit von Schauspielern. Dafür schadet auch eigene Erfahrung nicht. Wer selbst schon einmal auf einer Bühne oder vor einer Kamera stand – und sei es nur in einer Laienspielgruppe -, kennt die Arbeitsbedingungen und kann für die Ängste ebenso wie für die Erwartungen von Schauspieler besser Verständnis entwickeln. Und für sich selbst ein bescheidenes Selbstverständnis. Denn als Schauspiel-Agent trägt man zwar wesentlich zum Erfolg von Einzelnen ebenso wie von Inszenierungen und Filmen bei, doch der öffentliche Beifall gehört den Schauspielern. Die persönliche Eitelkeit muss in diesem Beruf zurückstehen, gilt doch für Schauspiel - Agenten besonders: Denn die einen sind im Dunkeln, und die andern sind im Licht. Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht. (Bertolt Brecht, Moritat von Mackie Messer).
| Flexible Schauspieler: Im Dschungel von Falsch und Richtig Neue Schauspieler braucht das Land? Ein Gespräch mit den Schauspielschulleitern Marion Tiedtke und Michael Börgerding, dem Regisseur Thomas Ostermeier und dem Agenten Bernhard Hoestermann über das Theater von morgen und die Konsequenzen für die Ausbildung. In: Theater heute, Heft 10/2007. Seite 4 – 17. |
ist Filmwissenschaftlerin und Moderatorin in Berlin
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Dezember 2007
Links zum Thema
- Agentur Hoestermann

- Verband der Agenturen für Film, Fernsehen und Theater

- Verband Deutscher Schauspieleragenturen


- ATA - Association of Talent Agents

- European Film Promotion - Shooting Stars

- Schauspieler-Datenbank The Spotlight

- Die Spielwütigen


- Behind the Couch - Casting in Hollywood


- Verband der Agenturen bewältigt vielfältige Aufgaben; in: Blickpunkt Film, 15.10.2007









