Alma Mater Junger Eliten – die Hochschule für Fernsehen und Film München

Keine andere deutsche Filmschule verzeichnet mehr Oscar-Gewinner und Nominierte unter ihren Schülern als die Hochschule für Fernsehen und Film in München (HFF): Caroline Link (Nirgendwo in Afrika, Oscar 2003) und Florian Henckel von Donnersmark (Das Leben der Anderen, Oscar 2007) sind die bekanntesten Beispiele.
Darüber hinaus waren Byambasuren Davaa und Luigi Falorni 2004 für Die Geschichte vom weinenden Kamel als bester ausländischer Film nominiert. Florian Gallenberger gewann mit Quiero ser 2000 und 2001 den Studenten-Oscar und den Oscar für den besten Kurzfilm. Weitere Nominierte für den Studenten-Oscar waren 1994 Katja von Garnier mit Abgeschminkt, 2004 Sikander Goldau mit Fragile und 2007 Michaela Kezele mit Milan sowie Michael Dreher mit Fair Trade. Im letzten Jahr feierte die Hochschule ihr 40 jähriges Bestehen. Was macht ihre Absolventen so erfolgreich?
Ecksteine der Ausbildung
Pro Jahr werden 55 Studenten aufgenommen, die sich auf die Studiengänge Kino und Fernsehfilm, Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik sowie Produktion und Medienwirtschaft verteilen. Dazu können Studienschwerpunkte in den Bereichen Kamera und Drehbuch gewählt werden. Als Aufbaustudiengang wird Film- und FernsehSzenenbild und als Ergänzungsstudiengang Theater-, Film- und Fernsehkritik angeboten. Zusätzliche Spezialisierungsangebote umfassen Creative Writing, Fernsehjournalismus und Werbung.
"Uns ist die gemeinsame Basis der Studenten sehr wichtig", erklärt Studiendekan Prof. Andreas Gruber, "deshalb sind bei uns Medien – und Kommunikationswissenschaft sowie Technik obligatorischer Bestandteil für alle Studierenden. So lernt z.B. ein Drehbuchstudent eine Kamera zu bedienen, und ein Kamerastudent setzt sich mit den Grundlagen von Dramaturgie auseinander." Dieses Basis Curriculum der ersten vier Semester ist intensiv und anstrengend. "In dieser Zeit kann man definitiv nicht nebenher jobben", so Gruber.
Das Handwerk, die Erzählung, die Haltung
"Film ist zuallererst die Kunst, konkret zu werden. Das ist mitunter unerbittlich, in jedem Fall aber herausfordernd: Es soll kein vielleicht, kein möglicherweise, irgendwie oder ungefähr geben. So wie eben Bilder sind", zitiert das Jubiläumsheft 40 Jahre HFF Andreas Gruber. Für ihn bewegt sich die Ausbildung im Bereich Kino und Fernsehfilm zwischen drei Eckpunkten:
"Das Denken in Bildern muss man mitbringen, aber das Regieführen kann man lernen. Für mich hat das filmische Handwerk einen sehr hohen Stellenwert. Wir bieten unseren Stundeten dazu eine Vielzahl von Kursen an – eng vernetzt mit den Angeboten der Drehbuchausbildung."
Mit dem Handwerk als Basis kann man das filmische Erzählen beginnen. Gruber definiert dabei "Erzählung" über den dramaturgischen Rahmen hinaus: "Es geht um die Bedeutung und Notwendigkeit des Narrativen innerhalb einer Kultur."
Bei dieser kreativen Form der Auseinandersetzung mit Stoffen und Inhalten geht es vor allem darum, herauszuarbeiten, was die persönliche Haltung zum Inhalt ausmacht. Der Student muss einen Kriterienkatalog entwickeln, der dabei hilft, eine eigene Weltanschauung zu formulieren und kritisch zu hinterfragen. Er soll eine "persönliche, subjektive und auch emotionale Perspektive einnehmen, welcher der Zuschauer folgen kann."
Dabei ist auch die Reflexion über die Funktion von Film wichtig. "Es ist essentiell, sich während des Studiums nicht nur zu fragen: Warum will ich das eigentlich erzählen, sondern auch: Warum wollen wir das eigentlich erzählt bekommen? Was ist die Funktion des jeweiligen Films: Eskapismus, Lebenshilfe….?", skizziert Gruber die Herangehensweise.
Offenheit und Toleranz
An der HFF haben Verbindungen auf nationaler und internationaler Ebene Tradition. Die Münchner pflegen im Netzwerk CILECT (Centre International de Liaison des Ecoles de Cinéma et de Télévision) einen regelmäßigen Austausch über Studieninhalte und Ausbildungsbedingungen mit internationalen Kollegen. Darüber hinaus gibt es mit den fünf anderen großen deutschen Filmschulen aus Babelsberg, Berlin, Hamburg, Köln und Ludwigsburg engen Kontakt.
Von den 346 Studenten kommen 67 aus dem Ausland (Stand 10/2007), von der Mongolei bis Ghana. Das alljährlich in München stattfindende Festival der Filmhochschulen bildet für sie eine wichtige Plattform. Teilnehmer aus 20 Ländern präsentieren dort ihre Filme. Für die HFF-Studenten eine willkommene Gelegenheit, künftige Koproduktionspartner kennenzulernen. Und für manchen ausländischen Studenten Anlass, sich in München gleich zu bewerben.
Neben dem Freiraum für ästhetische Experimente spielt das Hollywood Kino an der HFF eine wichtige Rolle: "Wir haben da prinzipiell keine Vorbehalte. Die Auseinandersetzung mit der Erzählweise und der strategische Einbezug des Publikums werden bei uns gelehrt und auch adaptiert", erklärt Gruber. Sicherlich einer der Gründe, weshalb die Filme der HFF-Absolventen so häufig unter den Oscar-Nominierungen und Gewinnern zu finden sind.
Und auch innerhalb der Hochschulstruktur ist man tolerant: So können Studierende des Dokumentarfilmbereichs auch mit einem Spielfilm abschließen oder umgekehrt.

Alte Heimat – neue Perspektiven
2010 zieht die HFF ins Zentrum Münchens. In der Nachbarschaft der Pinakotheken entsteht ein nagelneues Hochschulgebäude mit verschiedenen Vorführungsräumen und professionellen Studios. Dies zeugt ebenso von der ambitionierten Zukunftsperspektive wie das 2007 gegründete Zentrum für Filmtechnologie. Hier wird Forschung betrieben und gemeinsam mit Partnern aus dem Bereich der Postproduktion wie ARRI, Panther oder Cineplus berufsbegleitende Weiterbildung angeboten. Die Absolventen der HFF profitieren von der in Bayern traditionell guten Vernetzung zwischen Hochschule, Filmwirtschaft, Förderung und Filmdienstleistern. 90% der HFF-Absolventen sind in Arbeit bei den Medien und deren Umfeldern.
Im Leitbild der HFF heißt es: "Damit setzt sich unsere Hochschule zum Ziel, über die aktuellen Erfordernissen des Film- und Fernsehmarktes hinaus diesen nicht allein zu bedienen, sondern mit künstlerischen Persönlichkeiten zu bereichern und somit dem Filmschaffen in Deutschland prägende Impulse zu geben." Davon kann man sich überzeugen, im Arthouse- Programmkino an der Ecke, beim TV-Movie zur besten Sendezeit oder auf einem Dokumentarfilmfestival. Und, wenn es wieder heißt, "And the Oscar goes to…."
ist Filmwissenschaftlerin und lebt in Leipzig
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Juni 2008








