Filmnachwuchs und Ausbildung in Deutschland

Filmnachwuchs 2012 – glücklich auch ohne Oscar

Szene aus „Michael“ von Markus Schleinzer  Foto: © 2011 Nikolaus Geyrhalter FilmproduktionSzene aus „Michael“ von Markus Schleinzer  Foto: © 2011 Nikolaus Geyrhalter FilmproduktionDer deutsche Filmnachwuchs sucht mit vielfach hochgelobten Kinodramen sein zahlendes Publikum. Die jungen Regisseure wollen dabei anscheinend ganz bewusst nicht den sogenannten Mainstream-Kompromiss einschlagen.

Keinen Oscar gewonnen, aber das Team ist glücklich – so lautet die Schlagzeile der Pressemitteilung aus der Hamburg Media School vom 27. Februar 2012, wenige Stunden nach der Oscar-Nacht. Der Kurzfilm Raju von Max Zähle, der schon 2011 mit einem „Studenten-Oscar“ in Los Angeles prämiert worden ist, konnte sich zwar nicht als bester nicht-animierter Kurzfilm im Oscar-Rennen durchsetzen, trotzdem zeigte sich das Team äußerst zufrieden. Regisseur Zähle, Kameramann Sin Huh und Producer Stefan Gieren haben mit Raju ihre Abschlussarbeit im Masterstudiengang „Film“ an der Hamburg Media School abgeliefert. Ergo freut sich auch Studiengangsleiter Richard Reitinger: „Die Nominierung allein hat bewiesen, dass die HMS-Filmer zu den Besten der Welt gehören. Max Zähle, Stefan Gieren und Sin Huh konnten hier in den letzten Wochen die einflussreichsten Filmemacher unserer Zeit auf Augenhöhe treffen. Dabei sind jetzt schon konkrete Projekte verabredet und Verträge geschlossen worden. Wir werden noch sehr viel von ihnen hören.“

Filmplakat von „Raju“  Foto: © Hamburg Media School FilmwerkstattZugegeben: Solche Projekte, seien sie nun mit einem Academy Award gekrönt oder „nur“ mit einer Nominierung, sind nicht die Regel in der deutschen Nachwuchslandschaft. Vor allem auch, da sich der Regienachwuchs meist inhaltlich nicht gerade mit leichter Kost beschäftigt. Allein Raju handelt von einem deutschen Ehepaar, das sich im indischen Kalkutta nach einem Waisenkind für die Adoption umschaut und dabei schmerzhafte Erkenntnisse hat.

Viel Drama …

Auch beim jüngsten Saarbrücker Festival Max-Ophüls-Preis 2012 kristallisierten sich im Januar unter den Siegertiteln etliche „Problemfilme“ heraus. So handelt etwa der Langfilm-Hauptpreisträger Michael des Österreichers Markus Schleinzer von einem pädophilen Mann und seinem kindlichen Opfer. Die Jury urteilte über den bereits am 26. Januar 2012 in den Kinos gestarteten Spielfilm: „Die mit Perfektion angewandte Kunst der Auslassung, der konzeptionelle Mut des Filmemachers und ein präziser Hauptdarsteller machen diesen klugen Film zu einer vorsichtigen Annäherung an die Abscheulichkeit, die man nicht mehr vergessen wird.“

Unter anderem erhielt auch Christian Schwochows Die Unsichtbare eine lobende Erwähnung der Jury. Schwochow ist kein Unbekannter in der deutschsprachigen Filmszene: Sein Roadmovie Novemberkind wurde 2008 mit dem Publikumspreis des Ophüls-Festivals ausgezeichnet. Die Unsichtbare ist ein unter die Haut gehendes Drama über den Selbstfindungsprozess einer jungen Schauspielerin. Schwochow, 1978 auf Rügen geboren, bereitet derzeit die Fernsehadaption des Bestsellerromans Der Turm vor.

… und eine Komödie

Da scheint es fast ironisch, dass der diesjährige Ophüls-Publikumspreis an eine Komödie gegangen ist: Felix Stienz‘ Spielfilmdebüt Puppe, Icke & der Dicke ist ein freches Roadmovie über eine blinde Pariserin, die nach einem One-Night-Stand mit einem Deutschen schwanger ist und von einer gemeinsamen Zukunft träumt. Das Zweite Deutsche Fernsehen als Koproduzent bewirbt diesen Film, der am 22. November 2012 ins Kino kommt, als „skurriles Roadmovie zwischen Berlin und Paris – mit markanten Figuren, die trotz ihrer Behinderungen mit viel Lebensfreude manche Schwierigkeit überwinden.“ Der 1982 in Berlin geborene Felix Stienz studierte von 2004 bis 2006 Medien- und Informatikwesen in Offenburg und hat bereits mehr als 30 nationale und internationale Kurzfilm-Preise gewonnen.

Szene aus „Die Kriegerin“  Foto: Alexander Janetzko © ASCOT ELITE FilmverleihAber auch beim Nachwuchsfilm-Wettbewerb First Steps im August 2011 hat sich ein wuchtiges Kinodrama als bestes fiktionales Werk erwiesen: Kriegerin von David F. Wnendt ist eine schonungslose Sozialstudie über die Welt deutscher Neonazis, und das ausgerechnet mit einer weiblichen Hauptfigur. Regisseur Wnendt studierte bis 2011 Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) „Konrad Wolf“ und realisierte seine international hochgelobte Die Kriegerin als Abschlussarbeit, die seit dem 19. Januar 2012 im Kino ausgewertet wird.

Muss kommerzieller Erfolg absehbar sein?

Filmplakat von „Die Vermissten“  Foto: © JUNIFILMAuf der diesjährigen 62. Berlinale gab es schließlich vor allem in der Sektion Perspektive Deutsches Kino 2012 etliche engagierte Filmarbeiten deutscher Nachwuchsfilmer zu sehen. So auch den für die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin realisierte Abschlussfilm Die Vermissten von Jan Speckenbach. Der Jungregisseur, der 2008 bereits mit seinem Kurzfilm Gestern in Eden in Cannes vertreten war, zeigt in seinem Langfilmdebüt das laut Berlinale „bedrohliche Szenario“ eines verschwundenen Teenagers. Auch dieses düstere Drama hat einen Verleih gefunden und startet am 10. Mai 2012.

Nach diesem knappen Abriss über das herausragende Nachwuchsfilmschaffen muten Einschätzungen von etablierten Branchenvertretern allerdings eher wenig ermutigend an. Im Rahmen der ersten NRW-Nachwuchskonferenz, zu der die Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen am 21. Oktober 2011 nach Köln geladen hatte, wurde viel von „Standortmarketing“ und „Mediennetzwerken“ gesprochen. Zwar zeigten sich dort die Vertreter der Fernsehsender durchaus „offen für neue Ideen“, allerdings müsse ein „kommerzieller Erfolg absehbar“ sein. Der erfolgreiche Comedy-Autor Ralf Husmann (Harald Schmidt Show) wurde sogar noch deutlicher, als er anmerkte, dass einige seiner früheren Kollegen mittlerweile Taxi führen. Da trifft es sich gut, dass seit kurzem eine studentische Arbeit wie Raju auf dem Internetportal iTunes angeboten wird – kostenpflichtig!

Andreas Wirwalski
arbeitet in München als freier Journalist, Autor und begeisterter Social Media-Nutzer (http://twitter.com/awirwalski und http://www.facebook.com/awirwalski).

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März 2012

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