Hintergrund: Deutsches Kino

Deutsches Kino 2006/07 - Von bösen Prinzessinnen, einsamen Männern und der Jungfrau Maria

Die Freude über den Gewinn war groß. Das Leben der Anderen brachte den dritten Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film nach Deutschland. Und rückt Deutschlands reiche Filmlandschaft erneut in den Focus der internationalen Aufmerksamkeit.
Ulrich Mühe in 'Das Leben der Anderen', 2006; Cop.: Buena Vista International

Comeback des Melodrams

Das Leben der Anderen erzählt Zeitgeschichte politisch, aber gleichzeitig emotional berührend, und steht für das Comeback des Melodrams im deutschen Kino. Im Laufe einer Bespitzelung verliebt sich ein Agent der Staatssicherheit in der DDR in eines seiner Opfer, eine Starschauspielerin. Er rettet ihren Mann vor der Verhaftung und verrät damit alles, was ihm bislang von Bedeutung war.

Hannah Herzsprung und Monica Bleibtreu in Vier Minuten, 2007; Cop.: Kordes&Kordes
'Vier Minuten'
Vier Minuten (Regie: Chris Kraus) handelt von einer greisen Klavierlehrerin und der wegen Mordes inhaftierten jungen Leonie. In einer Tour de Force lernen die verbitterte Lehrerin und ihre hochbegabte, aber unberechenbare Schülerin gegenseitigen Respekt und den Mut zum eigenen Handeln. Neben den herausragenden Hauptdarstellerinnen verdient die Filmmusik besondere Beachtung.

Im April startete Der Liebeswunsch (Torsten Fischer). Als die Kunststudentin Anja ihren Ehemann mit seinem besten Freund betrügt, beschwört sie eine Katastrophe herauf, denn auch dessen Frau kämpft um ihre Ehe. Neben der tragischen Liebesgeschichte zeigt der Film einer bürgerlichen Gesellschaftsschicht, die Gefühle erstickt, anstatt sich ihnen zu stellen.

Renaissance des Dokumentarfilms

Die Große Stille, ein Film von Philip Gröning über das Leben der Karthäusermönche in Chartreuse, war der europäische Überraschungserfolg 2005. Der Trend setzt sich fort, wie die Reihe Perspektive Deutsches Kino der diesjährigen Berlinale gezeigt hat: vier der 12 Filme waren Dokumentationen.

Alfred Holighaus, Leiter der Sektion, erklärt das so: „Für mich ist das eine konsequente Entwicklung. Es existiert ein dringendes Bedürfnis, eine andere Wirklichkeit zu zeigen als die der Reality – Shows des Fernsehens. Sowohl in der Auswahl der Inhalte, als auch in der Ästhetik. Außerdem hat die Scheu der Protagonisten, sich vor der Kamera zu äußern, merklich abgenommen. Da erhält man starke Aussagen mit emotionaler Direktheit, die Dank der modernen ‚unauffälligen Filmtechnik’ ohne Barrieren rüberkommen.“

Szene aus 'Prinzessinnenbad', 2007; Cop.: Reverse Angel
'Prinzessinnenbad'
Der am meisten diskutierte Dokumentarfilm der Perspektive war 2007 Bettina Blümners Prinzessinnenbad über drei Berliner Mädchen. Drogen, erste Liebe, Schuleschwänzen, Sex, ein Leben ohne Väter im so genannten „Problembezirk Kreuzberg“, Identitätssuche im multikulturellen Umfeld – alles kommt zur Sprache, rau und direkt. Der Geheimtipp mauserte sich schnell zum Publikumsmagneten und wurde am Ende mit dem Nachwuchspreis Dialogue en perspective ausgezeichnet.

Was für den Nachwuchs gilt, zeigte sich auch deutlich bei den etablierten Regisseuren im letzten Jahr: Der preisgekrönte Andres Veiel zeigt in Der Kick die wahre Geschichte von zwei jugendlichen Brüdern, die in Brandenburg einen 16-jährigen erschlugen. Mit seinem Film über die Fußball Weltmeisterschaft Deutschland – ein Sommermärchen erschloss Sönke Wortmann dem Dokumentarfilm erfolgreich neue Zuschauergruppen im Kino.

Wegschauen gilt nicht

Nina Hoss in 'Yella', 2007; Copyright: Hans Fromm
'Yella'
Deutsche Wirklichkeit hat auch im Spielfilm Einzug gehalten. Neben hochästhetischer Stilisierung wie in Yella (Christian Petzold), Pingpong (Matthias Luthardt) und Sommer 04 (Stefan Krohmer) finden sich zunehmend auch naturalistische Einflüsse wie z.B. in Sehnsucht von Valeska Grisebach, der komplett mit Laiendarstellern gedreht wurde.

Detlev Buck, als Schauspieler und Regisseur von hintergründigen Komödien bekannt und beliebt, überraschte 2006 mit einem ganz anderen Stoff: Knallhart ist ein eindrucksvolle Drama um einen Jungen, der in die Schwerkriminalität abrutscht, ein dunkles Coming-of-Age Drama, das Tod und Gewalt im Alltag von Berlin-Neukölln zeigt.

Eine andere Randexistenz der Gesellschaft rückt Der freie Wille von Michael Glaser in den Mittelpunkt. Ein vorbestrafter Vergewaltiger kämpft verzweifelt gegen seine Triebe. Seit Fassbinder ist kaum so schonungslos und ergreifend menschliches Scheitern auf der deutschen Kinoleinwand gezeigt worden. Die Kamera nimmt den Zuschauer direkt mit ins Geschehen und konfrontiert ihn mit seinen Ängsten. Wegschauen gilt nicht.

Doch das Leben in sozialen Missständen muss nicht immer in einer Tragödie enden: Im zauberhaften Sommer vorm Balkon zeigt Andreas Dresen, wie sich auch im unspektakulären Leben einer arbeitslosen Trinkerin und einer Altenpflegerin mit sicherem Instinkt für den falschen Mann die Poesie entfalten kann.

Auferstehung – der Heimatfilm erfindet sich neu

Szene aus 'Wer früher stirbt ist länger tot', 2006; Copyright: Christian Hartmann / Roxy Film
Wer früher stirbt ist länger tot
Heimatfilm – jenseits von Jodelromantik und Lederhosengaudi? Das bekannteste Beispiel dafür ist Wer früher stirbt ist länger tot (Marcus H. Rosenmüller), der große Überraschungserfolg des Filmjahrs 2006. Ein 11-jähriger im tiefsten Bayern mit großen Schuldgefühlen will nicht im Fegefeuer landen. Selbst im preußischen Berlin lachten die Zuschauer über die lebhafte Zwiesprache des kleinen Helden mit der Jungfrau Maria und waren zu Tränen gerührt in den Momenten, in denen er um seine bei der Geburt verstorbene Mutter trauert. Schon 2003 hatte Regisseur Hans Steinbichler mit Hierankl gezeigt, dass die tiefsten Abgründe in Bayern weniger in den Alpen als in den Seelen ihrer Bewohner zu finden sind. In Winterreise erzählt er die Geschichte eines bayerischen Geschäftsmannes, der sein Geld an windige Händler in Kenia verliert und wild entschlossen dort hinfährt, um es sich wiederzuholen. Es wird eine Reise zu sich selbst.

In Michael Hofmanns Eden erobert ein wohlbeleibter und schrulliger 5-Sternekoch das Herz seiner großen Liebe und verzaubert dabei ihr Leben und das ihrer behinderten Tochter. Solch schwarzen Humor und Mut zur Groteske kennt man sonst nur aus britischen oder osteuropäischen Filmen.

Für die Einsamen bleibt unter Umständen nur noch die Autobahn als Heimat: Autopiloten (Bastian Günther), ein ebenso poetischer wie berührender Episodenfilm über vier Männerschicksale, wurde vom Publikum auf der Berlinale begeistert als Short Cuts des Ruhrpotts gefeiert.

Deutsche Filme und das Ausland

Logo der Filmförderungsanstalt; Copyright: Filmförderungsanstalt
Logo
Mit Spannung wurde am 4. Mai die Vergabe des deutschen Filmpreises erwartet. Einige der genannten Filme wie Vier Minuten, Wer früher stirbt, ist länger tot, aber auch Das Parfüm oder Winterreise holten dort ihre verdiente Auszeichnung. Dieser Preis hat jedoch auch eine wichtige Signalwirkung für das Ausland: Er gilt für ausländische Einkäufer zunehmend als Gütesiegel für den Export deutscher Filme.

Doch es sieht nicht nur für den wachsenden Anteil von deutschen Filmen im Auslandsgeschäft positiv aus, sondern auch für die deutsche Filmindustrie. Seit Anfang Januar gibt es - zusätzlich zur existierenden Filmförderung - den Deutschen Film Förderfonds, der bis 2009 jedes Jahr 60 Millionen Euro für Filmproduktionen auszahlen wird.

Diese Förderung kann auch internationalen Koproduktionen zu Gute kommen, wenn sie alle Fördervoraussetzungen erfüllen und über einen aktiven deutschen Produktionspartner verfügen, der für den Film inhaltlich mitverantwortlich ist. „Es zeichnet sich ab, dass wir mit diesem Fördermodell für internationale Koproduktionen die Partnerschaft mit der deutschen Filmindustrie noch attraktiver machen", so Projektleiterin Christine Berg. Die Zeichen stehen gut für den deutschen Film.

Cathy Rohnke
ist Filmwissenschaftlerin und Moderatorin in Berlin

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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Mai 2007

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