Deutsches Kino 2006/07 - Von bösen Prinzessinnen, einsamen Männern und der Jungfrau Maria
Die Freude über den Gewinn war groß. Das Leben der Anderen brachte den dritten Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film nach Deutschland. Und rückt Deutschlands reiche Filmlandschaft erneut in den Focus der internationalen Aufmerksamkeit.
Comeback des Melodrams
Das Leben der Anderen erzählt Zeitgeschichte politisch, aber gleichzeitig emotional berührend, und steht für das Comeback des Melodrams im deutschen Kino. Im Laufe einer Bespitzelung verliebt sich ein Agent der Staatssicherheit in der DDR in eines seiner Opfer, eine Starschauspielerin. Er rettet ihren Mann vor der Verhaftung und verrät damit alles, was ihm bislang von Bedeutung war.
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'Vier Minuten' |
Im April startete Der Liebeswunsch (Torsten Fischer). Als die Kunststudentin Anja ihren Ehemann mit seinem besten Freund betrügt, beschwört sie eine Katastrophe herauf, denn auch dessen Frau kämpft um ihre Ehe. Neben der tragischen Liebesgeschichte zeigt der Film einer bürgerlichen Gesellschaftsschicht, die Gefühle erstickt, anstatt sich ihnen zu stellen.
Renaissance des Dokumentarfilms
Die Große Stille, ein Film von Philip Gröning über das Leben der Karthäusermönche in Chartreuse, war der europäische Überraschungserfolg 2005. Der Trend setzt sich fort, wie die Reihe Perspektive Deutsches Kino der diesjährigen Berlinale gezeigt hat: vier der 12 Filme waren Dokumentationen.Alfred Holighaus, Leiter der Sektion, erklärt das so: „Für mich ist das eine konsequente Entwicklung. Es existiert ein dringendes Bedürfnis, eine andere Wirklichkeit zu zeigen als die der Reality – Shows des Fernsehens. Sowohl in der Auswahl der Inhalte, als auch in der Ästhetik. Außerdem hat die Scheu der Protagonisten, sich vor der Kamera zu äußern, merklich abgenommen. Da erhält man starke Aussagen mit emotionaler Direktheit, die Dank der modernen ‚unauffälligen Filmtechnik’ ohne Barrieren rüberkommen.“
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'Prinzessinnenbad' |
Was für den Nachwuchs gilt, zeigte sich auch deutlich bei den etablierten Regisseuren im letzten Jahr: Der preisgekrönte Andres Veiel zeigt in Der Kick die wahre Geschichte von zwei jugendlichen Brüdern, die in Brandenburg einen 16-jährigen erschlugen. Mit seinem Film über die Fußball Weltmeisterschaft Deutschland – ein Sommermärchen erschloss Sönke Wortmann dem Dokumentarfilm erfolgreich neue Zuschauergruppen im Kino.
Wegschauen gilt nicht
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'Yella' |
Detlev Buck, als Schauspieler und Regisseur von hintergründigen Komödien bekannt und beliebt, überraschte 2006 mit einem ganz anderen Stoff: Knallhart ist ein eindrucksvolle Drama um einen Jungen, der in die Schwerkriminalität abrutscht, ein dunkles Coming-of-Age Drama, das Tod und Gewalt im Alltag von Berlin-Neukölln zeigt.
Eine andere Randexistenz der Gesellschaft rückt Der freie Wille von Michael Glaser in den Mittelpunkt. Ein vorbestrafter Vergewaltiger kämpft verzweifelt gegen seine Triebe. Seit Fassbinder ist kaum so schonungslos und ergreifend menschliches Scheitern auf der deutschen Kinoleinwand gezeigt worden. Die Kamera nimmt den Zuschauer direkt mit ins Geschehen und konfrontiert ihn mit seinen Ängsten. Wegschauen gilt nicht.
Doch das Leben in sozialen Missständen muss nicht immer in einer Tragödie enden: Im zauberhaften Sommer vorm Balkon zeigt Andreas Dresen, wie sich auch im unspektakulären Leben einer arbeitslosen Trinkerin und einer Altenpflegerin mit sicherem Instinkt für den falschen Mann die Poesie entfalten kann.
Auferstehung – der Heimatfilm erfindet sich neu
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Wer früher stirbt ist länger tot |
In Michael Hofmanns Eden erobert ein wohlbeleibter und schrulliger 5-Sternekoch das Herz seiner großen Liebe und verzaubert dabei ihr Leben und das ihrer behinderten Tochter. Solch schwarzen Humor und Mut zur Groteske kennt man sonst nur aus britischen oder osteuropäischen Filmen.
Für die Einsamen bleibt unter Umständen nur noch die Autobahn als Heimat: Autopiloten (Bastian Günther), ein ebenso poetischer wie berührender Episodenfilm über vier Männerschicksale, wurde vom Publikum auf der Berlinale begeistert als Short Cuts des Ruhrpotts gefeiert.
Deutsche Filme und das Ausland
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Doch es sieht nicht nur für den wachsenden Anteil von deutschen Filmen im Auslandsgeschäft positiv aus, sondern auch für die deutsche Filmindustrie. Seit Anfang Januar gibt es - zusätzlich zur existierenden Filmförderung - den Deutschen Film Förderfonds, der bis 2009 jedes Jahr 60 Millionen Euro für Filmproduktionen auszahlen wird.
Diese Förderung kann auch internationalen Koproduktionen zu Gute kommen, wenn sie alle Fördervoraussetzungen erfüllen und über einen aktiven deutschen Produktionspartner verfügen, der für den Film inhaltlich mitverantwortlich ist. „Es zeichnet sich ab, dass wir mit diesem Fördermodell für internationale Koproduktionen die Partnerschaft mit der deutschen Filmindustrie noch attraktiver machen", so Projektleiterin Christine Berg. Die Zeichen stehen gut für den deutschen Film.
ist Filmwissenschaftlerin und Moderatorin in Berlin
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Mai 2007
Links zum Thema
- Informationen zu den Filmen Das Leben der Anderen, Vier Minuten, Der Kick, Knallhart und Sommer vorm Balkon im Filmkatalog des Goethe-Instituts (Klicke Filme A-Z)




- Informationen zu allen anderen Filmen bei filmportal de


- Berlinale


- Deutsche Filmakademie (vergibt u.a den Deutschen Filmpreis)

- Deutscher Filmförderfonds (DFFF) der Filmförderungsanstalt (FFA)

- Filmförderung in Deutschland

















