Deutsches Kino 2008/2009: Internationale Filmproduktionen entdecken Deutschland

„Wenn wir alle deutschen Filme und deutschen Koproduktionen zusammenzählen, dann haben wir die Rekordzahl von 90 Filmen im gesamten Berlinale-Programm“, freute sich Berlinale-Direktor Dieter Kosslick während der Berlinale 2009. Woher kommt der Boom des deutschen Films? Ein maßgeblicher Grund, weshalb deutsche Filme auch auf internationalem Parkett mehr Beachtung finden, liegt sicherlich in der gestiegenen Anzahl von Großprojekten mit internationaler Beteiligung.
Die bekannten Stars dieser Filme und Englisch als Drehsprache ermöglichen es, dass die Millionenbudgets eine Chance haben, wieder eingespielt zu werden. Geld, das zunehmend in Deutschland ausgegeben wird. „Dadurch wird nicht nur die Filmwirtschaft nachhaltig gestärkt, auch immer mehr deutsche Themen, Schauspieler und Autoren werden international immer stärker beachtet“, so Kulturstaatsminister Bernd Neumann.
Und tatsächlich: Neben deutschen Co-Produzenten weisen etwa Der Vorleser (Regie: Stephen Daldry) einen deutschsprachigen Roman als Buchgrundlage und einen deutschen Hauptdarsteller auf, Sturm (Hans Christian Schmid) einen deutschen Regisseur und Drehbuchautor oder The International (Tom Tykwer) einen deutschen Regisseur, einen deutschen Kameramann und eine deutsche Filmeditorin. Zu verdanken hat die deutsche Filmwirtschaft diese Vitaminspritze nicht zuletzt dem 2007 gegründeten Deutschen Filmförderfonds, der Produktionen prozentual um das in Deutschland investierte Geld bezuschusst.
Auf Nummer Sicher: Fernsehanstalten als Koproduzenten
Große Budgets verlangen nach einer wirtschaftlichen Absicherung durch eine möglichst breit gefächerte Verwertung (Kino, DVD, Fernsehen). Und so lässt sich ein stetiger Trend zu Literaturverfilmungen und biografischen Stoffen verzeichnen. Besonders Klassikerverfilmungen wie aktuell Die Buddenbrooks (Heinrich Breloer) oder Effi Briest (Hermine Huntgeburth) sind Garanten für ein zufriedenes Fernsehpublikum, das den koproduzierenden Fernsehanstalten im Zweifel wichtiger ist als zufriedene Cineasten oder Filmkünstler. Letzte beklagen deshalb immer wieder – und oft nicht zu unrecht – den Einfluss ebenso kunstferner wie risikoscheuer Anstaltsredakteure auf ihre Werke.
Spannend aufbereitete Zeitgeschichte (Baader Meinhof Komplex, Regie: Uli Edel) und Biografien wie Hilde (Kai Wessel) oder John Rabe (Florian Gallenberger) machen inzwischen zusammen mit Literaturverfilmungen schon über ein Drittel der deutschen Kinofilmproduktion aus – Tendenz steigend. Doch nicht jeder Film, der sich mit deutscher Geschichte auseinandersetzt, benötigt ein mehrstelliges Millionenbudget. Lars Jessen zeigt in Dorfpunks wie schon in seinem Vorgängerfilm Am Tag als Bobby Ewing starb ein gelungenes Porträt der 1980er-Jahre. Es gelingt ihm in seinen Filmen nicht nur, die Latzhosen und Punk-Ära wieder auferstehen zu lassen, er fesselt mit originellen Geschichten und liebenswürdigen Protagonisten.
Für 2009 / 2010 bereits in der Pipeline: Sönke Wortmanns Literaturverfilmung Die Päpstin oder Margarethe von Trottas Vision – aus dem Leben der Hildegard von Bingen. Mit Spannung darf man auch Oskar Roehlers Ferdinand-Marian-Biografie Jud Süss – Sympathie für den Teufel erwarten.
Und läuft und läuft und läuft – die „Berliner Schule“ und Ihre Epigonen
Einen Kontrast zu den Dramen der historischen Weltbühne bilden die Filme, die den privaten Dramen des Lebens gewidmet sind. Zu den herausragenden Filmen in dieser Kategorie ist sicherlich Christian Petzolds Jerichow zu zählen: ein spannendes Psychodrama, das er mit seinen Stamm-Ensemble Nina Hoss und Benno Führmann inszeniert hat. In Anlehnung an Wenn der Postmann zweimal klingelt, planen Hoss und Führmann darin die Ermordung von Hoss’ Ehemann (Hilmi Sözer). Doch dann kommt – natürlich – alles ganz anders ...
Kritiker haben für Petzolds klare, sezierende Filme den Begriff „Berliner Schule“ geprägt. Alle Anderen, der Berlinale-Wettbewerbsbeitrag der Regisseurin Maren Ade, bewegt sich konsequent in dieser Tradition. Wir werden intime Gäste eines zermürbenden Beziehungsdramas, bei dem am Ende alle verlieren. Das gefiel der Jury: Sie zeichnete den Film mit zwei Bären aus – einen für die Regie und einen für die herausragende Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr. Ästhetisch mit einem ganz andern Ansatz als Petzold und Ade, doch ebenfalls ein privates Drama ist Caroline Links lang erwarteter Film Im Winter ein Jahr, in dem die Trauer über den verstorbenen Sohn droht, eine Familie zu zerstören.
Nah dran: Authentische Geschichten auf der Berlinale und in Hof
Die Tendenz zur intensiven Auseinandersetzung mit der Realität, sei es in der Form des Dokumentarfilms, des Doku-Dramas oder als Spielfilm, ist die dritte Konstante in der deutschen Kinolandschaft. So fanden sich unter den Filmen der Berlinale-Sektion Perspektive Deutsches Kino auch 2009 wieder zu einem Drittel Dokumentarfilme. Besonders herausragend dabei Achterbahn (Regie: Peter Dörfler), der ohne falsches Pathos das Scheitern des Fuhrparkbetreibers Witte schildert.
Das Festival in Hof – weitere zuverlässige Stätte zum Aufspüren neuer Talente – zeigte Weltstadt von Christian Klandt. Nach einer wahren Begebenheit – in einer Kleinstadt in Brandenburg setzten Jugendliche einen Obdachlosen in Brand – erzählt Klandt in seinem Spielfilm von den 24 Stunden vor der Tat und lässt dabei ein atemberaubendes Psychogramm entstehen.
Auf der Gratwanderung zwischen Dokumentar- und Spielfilm bewegt sich auch souverän Julia von Heinz mit ihrem Spielfilmdebüt Was am Ende zählt. Tabu-Themen wie Kindsmord und lesbische Liebe werden darin sensibel und ohne Voyeurismus behandelt.
Auch der beste Beitrag zu dem Episodenfilm Deutschland 09 ist ein Dokumentarfilm: Romuald Karmarkars Ramses. Durch die sachlichen Fragen des Regisseurs entsteht ein Gespräch mit einem iranischen Wirt eines Bar-Bordells in Berlin. Wenn Ramses am Ende sagt „Ich danke der deutschen Nation. Ich danke dem deutschen Volk“, dann ist das so grotesk wie es nur das wirkliche Leben sein kann.
Ausblick
26,6 Prozent Marktanteil hat der Deutsche Film zurzeit im Inland. Den Löwenanteil daran schaffen allerdings weitgehend humorfreie Komödien wie Keinohrhasen oder Familienfilme wie Die wilden Hühner. Bleibt zu hoffen, dass anspruchsvolle Filme – wie Sturm – nicht nur ein begeistertes Publikum auf internationalen Festivals finden, sondern auch im heimischen Kino. Dann könnte Sturm Maßstäbe für die deutsche Filmproduktion setzen – jenseits von „Nummer Sicher“.
ist Autorin und Dramaturgin. Sie arbeitet international als Kuratorin und Jurymitglied für Filmfestivals und lehrt am Deutschen Literatur Institut Leipzig Szenisches Schreiben für Film.
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März 2009
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