Deutsche Filmemacher und Filme

„Die kleinen Szenen schützen“ – Dominik Graf

Dominik Graf  Foto: Michael Lucan © Lizenz: GFDLDominik Graf  Foto: Michael Lucan © Lizenz: GFDLDreiecksgeschichten, Polizeifilm, essayistische Elemente: Dominik Grafs Kino- und Fernsehfilme ragen stets aus der Masse heraus. Am 6. September 2012 ist der Ausnahme-Filmemacher 60 Jahre alt geworden.

Ein Mann räumt die Spülmaschine ein. Er macht das akkurat, perfektionistisch. Er kocht auch, sieht gut aus, ist ein witziger, kluger Gesprächspartner und überhaupt ziemlich perfekt. Trotzdem wollen die zwei Frauen Vera und Jo gerade nichts von Bruno wissen. Aufregender ist ein anderer Mann in Komm’ mir nicht nach (2011), dem Mittelstück der Fernsehfilm-Trilogie Dreileben. Dieser ominöse Patrick ist einer, der sich immer entzogen hat, dessen Bild sich bruchstückhaft aus den Erinnerungen der Frauen zusammensetzt, die beide Liebesaffären mit ihm hatten.

Vielfach ausgezeichnet

Szene aus „Komm mir nicht nach“. Foto: Julia von Vietinghoff © ARDDominik Graf arbeitet in erster Linie für das Fernsehen, international ist er wenig bekannt. Im September 2012 ist Dominik Graf 60 Jahre alt geworden, eine Retrospektive im Berliner Zeughauskino würdigte sein Werk. Seine über 50 Kino- und Fernseharbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, allein zehn Grimme-Preise gingen an Graf.

Zuletzt, 2012, wurde die Fernseh-Trilogie Dreileben mit dem Grimme-Preis prämiert, bei der Graf, Christoph Hochhäusler und Christian Petzold je einen Teil inszenierten. Grafs Beitrag Komm’ mir nicht nach erzählt die Dreiecksgeschichte um Vera, Jo und Bruno, die durch den abwesenden Vierten in Bewegung gerät. Ein Verbrechen und die Flucht des vermeintlichen Täters in der ostdeutschen Ortschaft Dreileben verbindet die drei Filme – Graf berührt diesen Plot an den Rändern seiner Geschichte.

Der Dialog als Wärmemittelpunkt

Das Buch „Im Angesicht des Fernsehens“. Foto: © Edition Text und KritikKomm’ mir nicht nach vereint vieles aus dem so heterogenen Werk des Filmemachers: Das Genre des Polizeifilms durchdringt den Film und ist ein Gerüst, innerhalb dessen sich die Dreiecksgeschichte entspinnt. Essayistische Erinnerungssequenzen der Protagonisten erinnern an die assoziative Vermessung einer Stadt im Filmessay München – Geheimnisse einer Stadt (2000). Es gibt ein objet trouvé wie im Film Der Felsen (2002), das diese Erinnerungen auslöst. Die Figuren sprechen durcheinander, sie reden schnell, natürlich und pointiert – Graf hat in diesem Fall das Drehbuch gemeinsam mit seinem Autor Markus Busch geschrieben. „Dialog ist für mich der Wärmemittelpunkt eines Films“, sagt Graf. Auch die Dreiecksgeschichten kehren in seinem Werk immer wieder.

Die Idee zu einer Dreiecksgeschichte nach Art der Nouvelle Vague war es auch, die Dominik Graf 1974 an die Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München brachte. In der Aufnahmeprüfung schrieb Graf über einen Schüler, der bei seinem Zeichenlehrer auf einen Akt der eigenen Freundin stößt. Graf ist nicht nur ein überaus produktiver Filmemacher, sondern auch Autor von Texten und Büchern. Judith Früh erzählt von seinen HFF-Jahren in ihrem Beitrag zum ersten Buch über Dominik Graf. „Höchste Zeit“ sei es für einen solchen Band, schreibt Christoph Hochhäusler im Geleitwort zu dem Buch mit dem Titel Im Angesicht des Fernsehens.

Als Einstieg in den Sammelband empfiehlt sich die Lektüre der kommentierten Filmografie des Mitherausgebers Chris Wahl. Sie gliedert sich nicht nach den vielen Filmen und listet sie im Stakkato kurz auf, sondern folgt aufschlussreich den personellen Kontinuitäten und Diskontinuitäten in Grafs Werk: von den Komponisten und Musikern – Graf steuerte immer wieder auch eigene Kompositionen bei –, über Drehbuchautoren, Cutter und Kameraleute bis zu seinen Schauspielern. Dieser Überblick wird ergänzt von einem langen Interview mit Graf und einer einführenden chronologischen Schilderung der Entwicklung des Regisseurs.

Die Freiheit des Fernsehens

Szene aus „Komm mir nicht nach“. Foto: Julia von Vietinghoff © ARDIn dem Buch wird auch anhand von Kritiken, Zuschauerzahlen und Bemerkungen von Graf selbst deutlich, warum der Regisseur das Fernsehen dem Kino oft vorzieht: Im Fernsehen genießt er, der das Genrekino ebenso liebt wie dessen Überschreitung, Freiheiten, die das Kino nicht bieten kann. War Die Katze (1988) mit Götz George noch ein großer Kinoerfolg, scheiterte der harte Polizeifilm Die Sieger (1994) kommerziell. Einen Film, so stellt Graf fest, dürfe man sich zudem „nicht beschädigen lassen durch jahrelange Entscheidungsprozesse“.

In seinem achtstündigen als Fernsehserie produzierten, aber durchaus kinotauglichen Epos Im Angesicht des Verbrechens (2010) um die Machenschaften der Russenmafia in Berlin hat er diese Aussage dann beherzigt, gegen alle Anfechtungen. Da ging es ihm darum, „all die kleinen Szenen zu schützen“. Bei Graf muss eine Waffe, die man einmal sieht, eben nicht zwangsläufig zum Einsatz kommen, eine Figur, die man einmal sieht, nicht zwangsläufig wieder auftauchen. Der Reichtum liegt im Detail, die Welt dreht sich weiter.

Leider fehlt in Im Angesicht des Fernsehens ein Beitrag zu Komm’ mir nicht nach, gerade weil so häufig auf die Auseinandersetzung Grafs mit der „Berliner Schule“ Bezug genommen wird und auf den in der Filmzeitschrift Revolver veröffentlichten Mailwechsel von Christoph Hochhäusler, Christian Petzold und Dominik Graf.

Grafs nächstes Projekt, dieses Mal für das Kino, dreht sich um den jungen Schiller und „sein Verhältnis zu den Schwestern von Lengefeld“. Wieder eine Dreiecksgeschichte, eine „komplizierte und idealistische Dreiecks-Liebesbrief-Geschichte“, so Graf. Und ein Kostümfilm – wie der Polizeifilm auch ein Stiefkind des deutschen Kinos.

Chris Wahl, Marco Abel, Jesko Jockenhövel und Michael Wedel (Hg.):
Im Angesicht des Fernsehens: Der Filmemacher Dominik Graf (Edition Text und Kritik, München 2012)
Julia Teichman
ist Filmkritikerin und Kulturjournalistin, sie lebt und arbeitet in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2013

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